ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2018Kinderwunsch: Ein schier unerträglicher Verlust

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Kinderwunsch: Ein schier unerträglicher Verlust

PP 17, Ausgabe Mai 2018, Seite 221

Sonnenmoser, Marion

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Trotz der hohen psychischen Belastungen, die eine Fehl- oder Totgeburt mit sich bringt, gibt es nur vereinzelt psychotherapeutische Hilfsangebote für betroffene Eltern. Dabei gibt es durchaus vielversprechende Ansätze.

Grabstein für „Sternenkinder“. Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, werden als Sternenkinder bezeichnet. Foto: dpa
Grabstein für „Sternenkinder“. Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, werden als Sternenkinder bezeichnet. Foto: dpa

Viele Menschen wünschen sich Kinder. Dieser Wunsch geht allerdings nicht immer in Erfüllung, etwa weil das werdende Kind bereits im Mutterleib stirbt. Dies kommt bei zehn bis dreißig Prozent der Schwangerschaften vor, möglicherweise auch häufiger. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum Beispiel können genetische Defekte, Infektionen, mütterliche Erkrankungen sowie ein Mangel am Hormon Progesteron dazu führen, dass der Embryo in seiner Entwicklung behindert und er vom Körper der Mutter abgestoßen wird. Darüber hinaus können Komplikationen im Mutterleib und während des Geburtsvorgangs dazu führen, dass ein Baby nicht lebend zur Welt kommt.

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Der Verlust des ungeborenen Kindes wird von den Eltern oft als Katastrophe empfunden, denn sie haben sich auf das Kind gefreut, eine Bindung zu ihm aufgebaut und sich eine Zukunft ausgemalt. Dies alles endet abrupt, wenn das Kind im Mutterleib keine Lebenszeichen mehr von sich gibt oder in einer Blutung abgeht. Die darauf folgenden medizinischen Prozeduren sind schmerzhaft und schwer zu ertragen. Noch schlimmer ist es für die Eltern jedoch, kein lebendes Kind in den Armen halten zu können.

Ein solches Erlebnis geht mit Schockzuständen, seelischem Schmerz, Trauer, Verlustgefühlen und Verzweiflung einher und kann traumatisierend sein. In Folge davon können sich zum Beispiel Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsreaktionen entwickeln. Vulnerabel sind vor allem Frauen, die schon einmal ein Kind in der Schwangerschaft verloren haben oder deren Schwangerschaft im letzten Drittel endete oder beendet wurde. Viele Frauen leiden unter Scham und Selbstzweifeln und machen sich Vorwürfe, etwas falsch gemacht zu haben.

Trotz der hohen psychischen Belastungen, die eine Fehl- oder Totgeburt mit sich bringt, gibt es nur vereinzelt psychotherapeutische Hilfsangebote für betroffene Eltern. Die amerikanische Psychologin Ryana Markin (Villanova University), die Eltern nach dem Verlust eines ungeborenen Kindes berät, fordert daher mehr Unterstützung für verwaiste Eltern. Sie ist der Ansicht, dass sich mehrere Elemente verschiedener Therapieverfahren dazu eignen, Patienten nach dem Verlust eines ungeborenen Kindes zu stabilisieren, ihnen Hoffnung zu vermitteln und Perspektiven aufzuzeigen.

Beispielsweise können im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie Selbstkonfrontation, Verhaltensaktivierung, kognitive Restrukturierung und Akzeptanzübungen eingesetzt werden. Die Selbstkonfrontation dient dazu, schmerzhafte Gedanken, Gefühle und Erinnerungen nicht zu leugnen oder zu unterdrücken, sondern sich ihnen zu stellen. Sie kann zum Beispiel in Form schriftlicher Berichte erfolgen, in denen die Eltern den Schwangerschaftsverlust detailliert beschreiben. Diese Form der Selbstkonfrontation wurde von deutschen Wissenschaftlern um Prof. Dr. med. Anette Kersting von der Universitätsmedizin Leipzig im Rahmen einer Internettherapie erfolgreich getestet.

Die amerikanische Psychologin Amy Wenzel von der University of Pennsylvania berichtet, dass sich viele Frauen aus verschiedenen Gründen nach einer erfolglosen Schwangerschaft zurückziehen, beispielsweise um sich körperlich zu erholen. Sie haben aber auch Angst davor, ihren Mitmenschen von dem Verlust des Kindes berichten zu müssen oder danach gefragt zu werden. Zudem ertragen sie es kaum, schwangere Frauen oder frischgebackene Mütter zu sehen, weil sie das daran erinnert, was ihnen versagt worden ist. Wenzel hält in diesem Fall Maßnahmen der Verhaltensaktivierung für einen effektiven Weg, um Rückzugsverhalten und soziale Isolation zu durchbrechen und diese Frauen an Tätigkeiten heranzuführen, die Sinn vermitteln, Freude machen und mit positiven Rückmeldungen verbunden sind.

Frauen neigen nach einer erfolglosen Schwangerschaft dazu, zu grübeln und negativ zu denken. Sie reden sich zum Beispiel ein, nie wieder schwanger zu werden oder kein Kind austragen zu können. Sie glauben, dass andere schlecht über sie denken und fühlen sich minderwertig im Vergleich zu Frauen, die scheinbar mühelos Kinder bekommen können. Die kognitive Restrukturierung kann in diesen Fällen dabei helfen, eine andere Perspektive einzunehmen, sich alternative Erklärungen zu überlegen und verschiedene Aspekte zu sehen, nicht nur die negativen. Sie kann somit zu einer ausgewogeneren Denkweise führen und dabei helfen, für sich selbst Mitgefühl zu empfinden.

Abschied nehmen mit Ritual

Den Verlust eines ungeborenen Kindes zu akzeptieren und nicht zu werten, kann dabei helfen, das eigene Leben weiter zu leben, trotz schmerzhafter Gefühle und Gedanken. Daneben kann es helfen, das Erlebte loszulassen, indem vom traumatischen Ereignis symbolisch Abschied genommen wird, etwa mit einem Ritual oder Brief.

Ein weiterer psychotherapeutischer Ansatz, um Eltern bei der Bewältigung ihres Verlustes zu unterstützen, besteht im Bewusst machen und Ändern ihrer „Reproduktionsgeschichte“. Dabei wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch schon von früher Kindheit an bewusst und unbewusst eine Vorstellung davon hat, ob er einmal Kinder haben will oder nicht. Diese Vorstellung wird geprägt von den eigenen Erfahrungen als Kind mit den Eltern und Geschwistern und später von Vorbildern, Gesprächen und eigenen inneren Wünschen. Die Geschichte von Personen, die ein ungeborenes Kind verloren haben, bestand bis zu diesem Moment aus dem Wunsch, Eltern dieses Kindes zu werden. Sie erleidet mit dem Verlust jedoch einen Bruch. Die therapeutische Aufgabe besteht nun darin, den Eltern dabei zu helfen, die Geschichte umzuschreiben, neu fortzuschreiben und ein verändertes Selbstverständnis zu entwickeln.

Auch Therapeuten haben eine „Reproduktionsgeschichte“. Die amerikanische Psychologin Janet Jaffe vom Center for Reproductive Psychology in San Diego ist der Ansicht, dass sich Therapeuten ihrer eigenen Wünsche, Konflikte und Erfahrungen in dieser Hinsicht bewusst sein sollten, weil dies der therapeutische Beziehung zugute kommt. Außerdem müssen sie damit rechnen, dass Patienten fragen „Haben Sie Kinder?“ und „Ist Ihnen das auch schon passiert?“. Hier gilt es abzuwägen, ob Selbstöffnung angebracht ist oder nicht; dies kann von Fall zu Fall verschieden sein. „Es kann sehr bedrückend sein, sich mit dem Verlust einer Schwangerschaft zu befassen, nicht nur für Eltern, sondern auch für Therapeuten“, sagt Jaffa. Sie rät Therapeuten zu einer bewussten Selbstfürsorge, die regelmäßige Pausen, eine ausgewogene Work-Life-Balance, das Ausüben erfreuender Tätigkeiten und Gespräche mit Kollegen einschließt.

Erst seit wenigen Jahren wird Eltern die Möglichkeit geboten, auf angemessene Weise von ihrem im Mutterleib verstorbenen Kind Abschied zu nehmen. Davor hielt man es seitens des medizinischen Betriebs für besser, den „Zellklumpen, der ja noch kein richtiger Mensch war“ schnell zu entsorgen und zu vergessen. Das Leben der Eltern sollte weitergehen, als wäre nichts geschehen, und statt zurück sollten sie nach vorne blicken und sich auf eine baldige neue Schwangerschaft einstellen. Diese Haltung mag befremden, dennoch ist sie in der Gesellschaft immer noch sehr präsent. Denn Eltern, die ein ungeborenes Kind verloren haben, wird von ihrem sozialen Umfeld kaum Verständnis entgegengebracht und zugestanden, zu trauern, jedenfalls nicht so wie um ein lebendes Kind. Stattdessen heißt es „Nächstes mal klappt es bestimmt“ oder „Entspannʼ dich, das wird schon“.

Allein mit der Trauer

Der Verlust wird gesellschaftlich nicht anerkannt und das damit verbundene Leid wird geleugnet oder heruntergespielt. Das Trauern wird auch dadurch erschwert, dass es keine kulturell definierten und akzeptierten Rituale wie zum Beispiel öffentliche Trauerfeiern für ungeborene Kinder gibt. Dies gibt den Eltern das Gefühl, dass sie um ihr Recht auf Trauern betrogen und mit ihrem Kummer allein gelassen werden. Und es vermittelt den Eindruck, dass eine Fehl- oder Totgeburt als rein medizinische Angelegenheit zu betrachten ist. In diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert, dass wahrgenommen wird, dass auch schon zu einem ungeborenen Kind eine Bindung und starke Gefühle bestehen können und dass der Verlust an keinem Betroffenen spurlos vorübergeht. Da ein ungeborenes Kind immer auf eine bestimmte Weise in seiner Familie präsent ist, muss auch darum getrauert werden dürfen. Marion Sonnenmoser

1.
Jaffe J: Reproductive trauma: Psychotherapy for pregnancy loss and infertility clients from a reproductive story perspective. Psychotherapy 2017; 54 (4): 380–385.
2.
Kersting A, Dölemeyer R, Wagner B, Linde K: Abschied am Beginn des Lebens. Psychotherapeut 2017; 62 (6): 560–566.
3.
Markin R: An introduction to the special section on psychotherapy for pregnancy loss. Psychotherapy 2017; 54 (4): 367–372.
4.
Wenzel A: Cognitive behavioral therapy for pregnancy loss. Psychotherapy 2017; 54 (4): 400–405.
1.Jaffe J: Reproductive trauma: Psychotherapy for pregnancy loss and infertility clients from a reproductive story perspective. Psychotherapy 2017; 54 (4): 380–385.
2.Kersting A, Dölemeyer R, Wagner B, Linde K: Abschied am Beginn des Lebens. Psychotherapeut 2017; 62 (6): 560–566.
3.Markin R: An introduction to the special section on psychotherapy for pregnancy loss. Psychotherapy 2017; 54 (4): 367–372.
4.Wenzel A: Cognitive behavioral therapy for pregnancy loss. Psychotherapy 2017; 54 (4): 400–405.

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