ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2018Märchen in der Psychotherapie: Kindliche Gefühle behutsam wecken

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Märchen in der Psychotherapie: Kindliche Gefühle behutsam wecken

PP 17, Ausgabe Mai 2018, Seite 235

Behrens, Stefan

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Bereits der Titel „Auch Klienten brauchen Märchen – Mutgeschichten aus dem therapeutischen Nähkästchen“ wirkt in Anlehnung an Bruno Bettelheims erfolgreichster Veröffentlichung „Kinder brauchen Märchen“ etwas reißerisch. Bettelheim polarisierte seinerzeit mit dem Gedanken, dass archaische Gefühle der Furcht und des Schrecklichen in Märchen denjenigen des kindlichen Denkens und Erlebens etwa gleichkämen oder dass die abenteuerlichen Märchengeschichten die kindlichen Entwicklungsaufgaben in ihrer Schwere würdigen würden.

Dies hat insofern nichts weiter mit „Auch Klienten brauchen Märchen“ zu tun. Vielmehr besteht dieses Buch beinahe ausschließlich aus kurzen Fallbeispielen, in denen die Autoren durch selbst geschriebene Märchenszenen das Kernproblem der Klienten abstrahieren und in ein fantastisches Geschehen einbetten. Dabei wird die Nähe zwischen den Klienten und den Protagonisten dieser „Märchen“ sehr rasch deutlich. Die Problematik, die dem jeweiligen Leid zugrunde liegt und vorerst wohl nur dem Therapeuten ersichtlich zu sein scheint, stellt schließlich versinnbildlicht die übrige Handlung dar und die Quasimoral stellt die Stellvertreterlösung dar. Der psychotherapeutische Kniff ist ebenso simpel wie wirksam. Klienten lassen sich im Märchen, das vom Therapeuten geschrieben wird, auf das Erleben der Figuren ein und schaffen meist eben dadurch anhand des Geschehens eine Erweiterung des eigenen Bewertungsspielraums. Eine klienteneigene Lösung des aktuellen Problems soll so leichter fallen.

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Es ist wirklich schön zu lesen, wie die einzelnen Klienten vom Therapeuten in bunte, lebendige oder auch düstere und gefährliche Erzählwelten gesetzt und auch die realen Umwelten kreativ mit eingebunden werden. Nun ist es jedoch wohl auch der Didaktik des Buchs geschuldet, dass bereits in der sehr kurzen Falldarstellung das jeweilige Hauptproblem prägnant dargestellt wird und das Märchen darauf teilweise recht oberflächlich oder blass wirken kann. Anhand meiner voreiligen Gedanken wie „das hätte man doch auch gleich direkt sagen können“, unterschätzte ich bei genauerer Betrachtung das liebevolle Wohlwollen der Autoren und die Nähe zu den von den Klienten missachteten oder ummauerten kindlichen Gefühlen, die in den wertschätzenden Geschichten behutsam geweckt und zugänglich gemacht werden. Um sich auch dieser kreativen Seite des psychotherapeutischen Prozesses wieder mehr gewahr zu werden, bietet sich dieses Buch daher an. Stefan Behrens

Wolfgang Neumann, Ulrich Meier, Udo Baumann: Auch Klienten brauchen Märchen. Mutgeschichten aus dem therapeutischen Nähkästchen. dgvt-Verlag, Tübingen 2017, 152 Seiten, kartoniert, 14,90 Euro

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