ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2018Gesellschaft: Die Mechanismen des Rechtspopulismus

BÜCHER

Gesellschaft: Die Mechanismen des Rechtspopulismus

PP 17, Ausgabe Mai 2018, Seite 235

Kuck, Bernd

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Autoren gehen der Frage nach, inwieweit die heutigen Entwicklungen im rechtspopulistischen Feld sich aus dem Erbe nationalsozialistischer und archaischer Affektbereitschaften speisen. Demagogen aller Nationalität inszenieren ihre simplifizierten „Fakten“ dergestalt, dass sie aufseiten ihrer Anhänger und Zuhörer paranoide Ängste anheizen, Ressentiments schüren und zur Gewaltausübung aufhetzen.

Der Text wird von Berichten zweier Zeitzeugen (Benjamin Hirsch und Edgar Sarton-Saretzki) der Nazibarbarei 1938 („Kristallnacht“) eröffnet, die dem Grunde nach als beunruhigende Erinnerung und zugleich als Blaupause für die heutigen rechtspopulistischen Bestrebungen angesehen werden können. Da die öffentlich agierenden Vertreter an Ängste und Vorurteile appellieren, sind sie nicht einfach als „Spinner“ abzutun. Wenn die gesamtgesellschaftliche Lage sowie wirtschaftliche Interessen die passende Mischung ergeben, dann heißt es wieder: „In normalen Zeiten diagnostizieren wir sie, in Krisenzeiten regieren sie uns“ (Karl Kraus).

Anzeige

Die Autoren erläutern aus soziologischer, sozialpsychologischer und psychologischer Perspektive die Mechanismen, die den neuen Rechtspopulismus ermöglichen und nicht verharmlost werden dürfen. Fehlende emotionale und selbstreflexive Bildung der Personen schon in früher Kindheit schaffen die Grundlage für Gewaltbereitschaften und Entladung primitiver Affektbereitschaften. Wie die Demagogen diese Affektbereitschaften wecken und kanalisieren, wird in einer tiefenhermeneutischen Textanalyse der Reden von Björn Höcke nachvollziehbar und transparent.

Ein sehr lesenswerter Text, in dem allerdings die Dynamik von Macht und Ohnmacht nicht deutlich genug berücksichtigt wird. Herrschende Strukturen und Bürokratie verstärken das Ohnmachtsgefühl der Massen. Ohnmacht und Demütigung verhindern jedoch Gefühle persönlichen Wertes und Gefühle der Eigenmacht. Das macht die Menschen anfällig für Teilhabe an der Macht: endlich wieder jemand sein, was so leicht ist – auf Kosten „minderwertiger“ anderer. Bernd Kuck

Kurt Grünberg, Wolfgang Leuschner: Populismus, Paranoia, Pogrom. Affekterbschaften des Nationalsozialismus. Brandes & Apsel, Frankfurt a.M. 2017, 184 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema