ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2018Gebärdensprachekompetenz: Barrierefreiheit in der Praxis auch für gehörlose Patienten

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Gebärdensprachekompetenz: Barrierefreiheit in der Praxis auch für gehörlose Patienten

Dtsch Arztebl 2018; 115(19): A-942 / B-794 / C-794

Monning, Andreas

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Ob in der Arztpraxis oder im Krankenhaus: Die Verständigung zwischen gehörlosen oder hörgeschädigten Patienten und dem medizinischen Personal macht meistens Probleme. Beherrschen der Arzt oder seine Mitarbeiter zumindest rudimentär die Gebärdensprache, wird es leichter.

Gebärdensprache als wichtiger Teil des barrierefreien Zugangs zur medizinischen Versorgung – je kompetenter Ärzte darin sind, desto besser für die Versorgung Gehörloser und Hörgeschädigter. Foto: Your Photo Today
Gebärdensprache als wichtiger Teil des barrierefreien Zugangs zur medizinischen Versorgung – je kompetenter Ärzte darin sind, desto besser für die Versorgung Gehörloser und Hörgeschädigter. Foto: Your Photo Today

Wer einen Arzttermin braucht, greift zum Hörer und ruft bei einer Arztpraxis an. Für Gehörlose wie Lela Finkbeiner gestaltet sich das schwieriger. Um einen Termin zu bekommen, schreibt die Berlinerin eine E-mail. „Antworten auf E-Mail-Anfragen lassen leider meistens auf sich warten“, schildert die 44-jährige Sozialpädagogin ihre Erfahrungen. Nicht selten bekäme sie eine Rückmeldung erst auf Nachfrage. Komme es zum Termin, warte die nächste Hürde an der Rezeption: Die Medizinischen Fachangestellten (MFA) wüssten in der Regel nicht, wie sie mit einem gehörlosen Menschen umgehen sollen.

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In Dr. med. Uta Simons Praxis in München ist das anders. Die Allgemeinmedizinerin beherrscht die Gebärdensprache und auch die MFA der Gemeinschaftspraxis sind im Umgang mit Gehörlosen geschult. E-Mail-Anfragen beispielsweise beantworten diese zeitnah. „Terminabsprachen machen wir aber auch per SMS“, erklärt die Ärztin. Dafür gäbe es ein eigenes Praxishandy. Außerdem seien die Akten gehörloser Patienten markiert, sodass jeder Praxismitarbeiter sofort über den besonderen Betreuungsbedarf im Bilde ist. „Dazu gehört beispielsweise, dass ein gehörloser Patient im Wartezimmer nicht aufgerufen wird, wenn er an der Reihe ist“, führt Uta Simons aus. Es werde mindestens Blickkontakt hergestellt, gegebenenfalls hingegangen und der Patient abgeholt.

Für die Bedürfnisse Gehörloser wurde Uta Simons während ihrer Krankenhauszeit auf der Geriatrie sensibilisiert. Dort erlebte sie, wie schwer die Verständigung zwischen gehörlosen, hörgeschädigten und schwerhörigen Menschen und dem medizinischen Personal ist. Eines Tages lernte sie im privaten Umfeld erste Zeichen und Begriffe der Gebärdensprache kennen. „Das hat mich angesprochen und ich habe mich für einen Kurs Deutsche Gebärdensprache an der Volkshochschule entschieden“, sagt die Münchnerin.

Als sie sich schließlich in eigener Praxis niederließ, kamen auch mehrere der Gehörlosen als Patienten, die sie während des Gebärdensprachkurses kennengelernt hatte. „Niedergelassene Ärzte, die Gebärdensprache beherrschen, sind nach wie vor rar“, weiß die Allgemeinmedizinerin. Da Gehörlose gut vernetzt seien und sich untereinander helfen, habe es gewirkt wie ein Magnet: Nach und nach kamen auch gehörlose Partner, Verwandte, Freunde und Bekannte ihrer gehörlosen Patienten in ihre Praxis. Heute sind fast ein Drittel von Uta Simons rund 1 000-köpfigem Patientenstamm Gehörlose.

„Mit meinem Repertoire an Gebärdensprache kann ich mich gut mit Gehörlosen verständigen“, erklärt die Ärztin. Die Menge an zentralen Begriffen wie Schmerz oder Rezept, die im Gespräch mit Patienten regelmäßig wiederkehrten, sei überschaubar. „Aber natürlich kann es trotzdem hilfreich sein, wenn der Patient einen Gebärdensprachdolmetscher mitbringt“, räumt Uta Simons ein. Die Dolmetscher seien auch für komplexere Arztgespräche geschult und ihren Einsatz übernehmen die Krankenkassen. Dolmetscherkontakte hat sie deshalb in Form von Visitenkarten immer griffbereit und, wo nötig, helfe das Praxisteam den Betroffenen bei der Organisation. Müssen Patienten beispielsweise an einen weiterbehandelnden Facharzt überwiesen werden, werde für einige der gehörlosen Patienten nicht nur der dortige Termin abgesprochen, sondern zum Termin auch der Gebärdensprachedolmetscher mitorganisiert.

Missverständnisse vermeiden

Auch der gehörlose Thomas Zander versucht Verständigungsprobleme bei Arztterminen zu minimieren, indem er einen Gebärdensprachedolmetscher organisiert. „Wenn mir das aber wieder einmal nicht gelingt, weil Dolmetscher gefragt und oft ausgebucht sind, versuche ich es an der Rezeption und im Behandlungszimmer mit Aufschreiben“, schildert er. Bei Routineuntersuchungen würde das einigermaßen klappen. „Aber wenn es komplizierter wird, reicht Aufschreiben nicht aus“, ist die Erfahrung des Autors und Moderators für Gehörlosensendungen.

In Deutschland leben derzeit rund 80 000 gehörlose Menschen, dazu ein Vielfaches an Hörgeschädigten, Tendenz steigend. „Und viele Gehörlose sind schon erleichtert, wenn in ihrer Arztpraxis oder ihrem Krankenhaus wenigstens Grundzüge der Gebärdensprache beherrscht werden“, weiß Ulrike Gotthardt, Präsidiumsmitglied des Deutschen Gehörlosenbundes. Das gelte auch für Patienten mit Cochlea Implantat (CI), denn dass diese normal hören und ohne Mühe ein normales Gespräch verstehen könnten, sei ein verbreiteter Irrglaube. „Oft ist Gebärdensprache auch für CI-Träger eine wichtige Unterstützung“, weiß die Psychiaterin.

Gebärdensprache, das sei für viele Menschen wie für Rollstuhlfahrer die Rampe: Wichtiger Teil des barrierefreien Zugangs zur medizinischen Versorgung. Und je kompetenter der Arzt darin ist, desto besser. „Medizinern entgeht häufig, dass Angehörige, die zum Arztbesuch zum Dolmetschen mitgebracht werden, selten angemessen übersetzen“, berichten Gotthardt Betroffene. Da auch später zu Hause meistens nicht ausreichend vermitteln werden könne, was der Arzt gesagt hat, käme es bei den Patienten oft zu erheblichen Missverständnissen in Bezug auf die Diagnose, die Einnahme von Medikamenten oder die Empfehlungen des Arztes.

Gotthardt hofft, dass mit der Zeit mehr Ärzte Gebärdensprache beherrschen werden. Zuversichtlich stimme, dass Gebärdensprache neuerdings an manchen Hochschulen wie der Uni München gleich im Medizinstudium vermittelt werde. „Und auch, dass nach und nach mehr niedergelassene Ärzte gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und eine weitestgehend barrierefreie Praxis bieten wollen“, beobachtet Gotthardt. Und dazu würde heute auch Gebärdensprachekompetenz gehören. In Metropolen wie München (etwa 900 Gehörlose), Hamburg (etwa 2 300 Gehörlose) oder Berlin (etwa 6 000 Gehörlose) profitieren diese Praxisinhaber im Gegenzug von einem Standortvorteil.

Hilfe auch bei Aphasien

Die Münchner Ärztin Simons profitiert von ihrer Gebärdensprachekompetenz allerdings noch in ganz anderer Hinsicht. „Diese plastische Sprache ermöglicht mir beispielsweise auch die Verständigung mit Patienten, die nach einem Schlaganfall Aphasien haben“, erklärt sie. Und selbst mit fremdsprachigen Patienten sei eine sehr hilfreiche Verständigung möglich. Über alle praktischen Vorteile hinaus bereichere ihr Gebärdensprache-Knowhow ihre Beziehung zu sämtlichen Patienten. „Das Miteinander wird lebendiger“, freut sich Simons – und das mache ihr Berufsleben sehr befriedigend. Andreas Monning

Empfehlungen

  • Mitarbeiter für den besonderen Umgang mit gehörlosen Patienten sensibilisieren und wenn möglich schulen
  • Patientenakte mit Hinweis auf Gehörlosigkeit versehen
  • gehörlose Patienten ohne Gebärdensprachedolmetscher darüber informieren, dass die Kasse die Kosten für einen solchen übernimmt; gegebenenfalls Unterstützung anbieten (Adressen von Dolmetschern: www.bgsd.de)
  • erfragen, wie der Hörgeschädigte am besten klarkommt und dem im Weiteren folgen
  • normal laut, deutlich und langsam sprechen, damit der Patient zumindest einen Teil des Gesagten von den Lippen ablesen kann (durchschnittlich 30 Prozent)
  • möglichst frontal und in günstigem Lichtverhältnis zum Patienten positionieren, Blickkontakt suchen und halten, auf Signale achten, ob der Patient folgen kann
  • unterstützend schreibend verständigen, dabei auf leicht verständliche Ausdrucksweise achten (möglichst wenig Fremd- oder Fachwörter)
  • sicherstellen, dass der gehörlose Patient im Wartebereich mitbekommt, wenn er an der Reihe ist; wenn möglich Blickkontakt aufnehmen und auffordernde Gesten benutzen, alternativ durch Hingehen und Antippen informieren

Für Ärzte, die sich in Gebärdensprache ausbilden lassen, existiert keine finanzielle Förderung. Auch wird für die Behandlung Gehörloser grundsätzlich kein gesondertes oder erhöhtes Honorar gezahlt. Dem erhöhten Betreuungsaufwand lässt sich jedoch über die Chronikerziffer, die Gesprächsziffer für problemorientierte Gespräche sowie die Gesprächsziffer zur Klärung psychosomatischer Krankheitszustände Rechnung tragen.

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