ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2018Glutensensitivität: Kein Patientenbashing
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Der Artikel perpetuiert eine Vielzahl älterer Mythen rund um weizenbedingte Erkrankungen, nimmt aber die aktuellere, für diese Thematik inzwischen einzig zutreffende und in hochrangigen Journalen publizierte Forschungsliteratur nicht zur Kenntnis. Das Resultat sind Verdächtigungen Patienten gegenüber, die an sich selbst Weizenunverträglichkeiten feststellen: Sie gelten – sofern sie keine nachgewiesene Zöliakie haben – als eingebildete Kranke mit „falscher Selbstdiagnose“.

Tatsächlich zeigt die Klinik, dass Patienten sehr wohl in der Lage sind, die nicht entzündlichen Unverträglichkeiten und mit entzündlichen Prozessen einhergehende Sensitivitäten an sich selbst zu erkennen; die korrekte Diagnose wäre jedoch Sache der Ärzte. Sie konnten allerdings in letzter Zeit angesichts der rasanten Entwicklungen auf diesem Forschungsgebiet in ihrem klinischen Alltag kaum mithalten. Aus diesem Grund sollen einige Klarstellungen bezüglich der Aussagen des Artikels vorgenommen werden:

Es wird u. a. eine jüngste norwegische Studie diskutiert, in der Patienten mit „Glutensensitivität“ im Crossover-Design mit Muffins mit oder ohne Gluten doppelblind provoziert worden sind. Die meisten der „glutensensitiven“ Patienten zeigten hierbei keine spezifische Reaktion wie Bauchbeschwerden oder Allgemeinsymptome. Die Studie selbst ist gut durchgeführt, es wurde jedoch mit reinem Gluten und nicht mit der Gesamtheit der Weizenproteine provoziert. Die Studie bestätigt damit nur frühere Arbeiten, die bereits Ähnliches gezeigt haben; denn eine spezifische Entzündungsreaktion auf Gluten zeigen ausschließlich Zöliakiepatienten und einige Weizenallergiker. Neben der Zöliakie (Prävalenz ca. 1 %) gibt es allerdings zwei weitere Weizensensitivitäten, bei denen überwiegend nicht das Gluten die Symptome hervorruft, weshalb auch der Begriff der „Glutensensitivität“ unzutreffend ist. Diese sind die atypische Weizenallergien gegen Gluten- und Nicht-Glutenproteine (negativ im IgE- und Hauttest), zumeist als Reizdarmsyndrom fehlinterpretiert (Prävalenz 3–4 %), und die ATI-Sensitivität (Prävalenz ca. 10 %). ATI (Amylase-Trypsin-Inhibitoren) sind Nicht-Glutenproteine des Weizens, die das angeborene Immunsystem im Darm stimulieren, aber hauptsächlich extraintestinale Symptome bei vorliegenden chronischen Erkrankungen hervorrufen oder verstärken. Beide Erkrankungsbilder, obgleich inzwischen facettenreich und hochrangig publiziert, werden in dem Artikel ausgespart.

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... Zu den unrichtigen Behauptungen gehört die durch vielfache Wiederholung verfestigte Fehlannahme, dass eine glutenfreie Ernährung zu Mangelerscheinungen an Vitaminen und Spurenelementen führe. Angesichts des Massenkonsums verfeinerter Weizenprodukte ist heute eher das Gegenteil der Fall. Außerdem wird Hafer den glutenhaltigen Getreiden zugeordnet. Hafer enthält aber weder Gluten noch andere entzündliche Proteine. Dies ist in den letzten Empfehlungen der Fachgesellschaften, unter anderem in der S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) sowie durch die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) klar festgelegt worden.

Prof. Dr. Dr. med. Detlef Schuppan, 55131 Mainz

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