ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2018Von schräg unten: Fortschritt

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fortschritt

Dtsch Arztebl 2018; 115(19): [60]

Böhmeke, Thomas

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Schon den Schriften unserer philosophischen Urväter ist zu entnehmen, dass der Mensch die Krönung der Schöpfung ist. Auch wenn wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, uns gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Mensch eine nie enden wollende pathophysiologische Baustelle ist, gegen den der Berliner Flughafen wie ein simpler Geräteschuppen anmutet: Wir Menschen sind zu Großartigem fähig! Zu genialer Technik, die eine Welt der Wunder erschließt! Wir erheben uns vogelgleich in die Lüfte, um uns unbeschwert von irdischer Anziehungskraft mittels Düsenkraft in ferne Länder tragen zu lassen.

Nur kleinliche Charaktere könnten nörgeln, wenn sie, eingepfercht in der Holzklasse, des Sitznachbarn Buttersäureproduktion ausgesetzt sind, die gefühlt den jährlichen Narkotikabedarf einer Universitätsklinik überschreitet. Das sind Petitessen, Fortschritt bedarf der Opfer, da darf man nicht kleinlich sein! denn gleich der Magensäure vor dem Zwölffingerdarm klopfen wir heute an die Pforte einer neuen Zeit: Dem Digitalismus! Alles wird durchdrungen sein von Bits und Bytes, es wird kein Denken ohne Daten mehr geben, keine Bewegung ohne Browser!

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Nur Miesepeter könnten meckern, dass Daten auch missbraucht werden können, und verweisen auf gehackte Bundesregierungsserver. Aber das sind doch Banalitäten! Politiker sind auch nur Menschen, die Urlaubsbilder, Katzenfotos und Selfies teilen, warum soll sich die Allgemeinheit nicht auch daran erfreuen? Außerdem sage ich: Es lebe die Transparenz! Wer datensicher sein will, muss notgedrungen halt auf eine höchst altertümliche, bald redundante Kommunikationsform zurückgreifen: Man muss miteinander sprechen.

Furchtbar, dieses Sprechen, das sich der www-gebundenen Kontrolle entzieht. Wenn schon Sprechen, dann modern! Per Gesichtserkennung in der Schlange vor der Supermarktkasse herausfinden, wer noch an superinfizierten Ekzemen oder kontagiösen Zoonosen leidet, da bieten sich großartige Formen des Austausches!

Austauschen muss ich mich mit Gleichgesinnten, muss meine Begeisterung teilen, daher rufe ich einen befreundeten Facharzt an. Er hört mir zu, aber der Funke der Freude will nicht so recht überspringen. „Naja, viele Praxen, auch ich, haben grade mit der Telematik zu kämpfen.“ Kleinkram! „Ich weiß nicht. Einige haben schon für eine Woche dicht gemacht, um das ganze Netzwerk neu zu installieren.“ Ach was, Zukunft fordert Zugeständnisse! „Neue Computer, neue Software, Datenschutzbeauftragte – wir haben kaum noch Zeit, um uns um die Patienten zu kümmern.“ Auch unsere Patienten müssen mal Opfer bringen!

„Fragt sich nur, wie viel. Bei mir klopfen zunehmend Patienten an, die von mir hausärztlich betreut werden wollen.“ Warum das? „Der hausärztliche Kollege einen Stock tiefer, der eigentlich noch etliche Jahre praktizieren wollte, hat sich gesagt: Das mit der Telematik macht er nicht mehr mit, er schließt und geht in Rente. Einen Nachfolger findet er nicht. Und die Patienten wissen nicht mehr, wer sie jetzt weiter betreuen soll.“

Ich komme ins Wanken wie ein instabiles Kniegelenk. Aber das ist doch nur ein Einzelfall, oder? „Leider nein. Ich kenne noch mehr Kollegen, die aufgeben ...“ Und was ist mit deren Patienten? „Die wissen nicht mehr, wohin, finden keinen Hausarzt mehr, der für sie da ist.“ Oh. Fortschritt bedarf einiger Opfer, aber das sind definitiv zu viele!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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