ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2018Medizintechnik: Endoskope werden komplexer

MEDIZINREPORT

Medizintechnik: Endoskope werden komplexer

Dtsch Arztebl 2018; 115(19): A-928 / B-788 / C-788

Clade, Harald

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Innovative Systeme vereinen mehrere Komponenten, sodass immer mehr Erkrankungen diagnostiziert und minimal-invasiv therapiert werden können.

Mit verbesserten Techniken und weitreichenden Erfahrungen sind auf dem Gebiet der Endoskopie günstige Voraussetzungen geschaffen worden, um präzise Diagnosen zu stellen und aufwendige Operationen zu vermeiden. Im Bereich der diagnostischen Endoskopie sind neben hochauflösenden Videochips (HD-Technik) nun spezielle LED-Techniken zur individuellen Ausleuchtung des untersuchten Areals und des Gewebes Mittel der Wahl.

Mit der LED-Technik lässt sich nach Angabe von Dr. med. Torsten Beyna, Leitender Oberarzt der Endoskopie-Abteilung am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf (EKDUS), das jeweils emittierte Lichtspektrum per Knopfdruck auf einen besonderen, jeweils für die beste Darstellung der Zielstruktur benötigten Wellenlängenbereich einstellen (z. B. 410 nm für Hämoglobin zur Darstellung kleinster Gefäße). Das Verfahren, verbunden mit der Möglichkeit, bis zu einer 135-fachen optischen Vergrößerung zu arbeiten, erlaubt eine optimale Detektion und Abgrenzung von Neoplasien, so Beyna. Dies schaffe die Voraussetzung, Frühneoplasien endoskopisch sicher und schonend zu entfernen.

Ösophaguskarzinom vollständig als Block abtragen

Prof. Dr. med. Naohisa Yahagi, Keio University School of Medicine in Tokio, demonstrierte bei einer live übertragenen endoskopischen Operation, wie sich ein langstreckiges, zirkulär wachsendes Ösophaguskarzinom bei Anwendung in sogenannter ESD-Technik (endoskopische Submukosa-Dissektion) vollständig als Block onkologisch abtragen lässt. Bei dieser Form der endoskopischen Therapie macht man sich die Submukosa als Schicht zwischen mukosaler Oberfläche und der darunterliegenden Muskulatur des Magen-Darm-Trakts („dritter Raum“) zunutze. Diese Bindeschicht lässt sich, so Yahagi, mit einem über eine Nadel eingespritzten Flüssigkeitskissen derart ausdehnen, dass mit endoskopisch gesteuerten elektrochirurgischen Messern dazwischen präpariert und der Tumor als gesamter Block entfernt werden kann. Das sogenannte Hybridmesser – eine Kombination aus Hochfrequenz-Elektrochirurgie und zeitgleich appliziertem Wasserstrahl von bis zu 40 bar – lässt dabei nach Aussagen des japanischen Referenten eine sichere und schnelle Anwendung der Methode zu.

War der im Durchschnitt 6–7 Meter lange Dünndarm zu Beginn der endoskopischen Ära weitgehend eine „black box“, so konnte über die Entwicklung der Videokapsel-Endoskopie eine zuverlässige Sichtbarmachung der Schleimhautoberfläche erreicht werden. Nicht befriedigend für viele Endoskopiker war lange Jahre die Tatsache, dass Pathologien zwar auf dem Bild anzusehen waren, sie jedoch häufig nicht auf endoskopischem Weg direkt erreicht und therapiert oder notwendige Gewebsproben entnommen werden konnten.

Trotz der Entwicklung verschiedener neuer Verfahren zur Dünndarmendoskopie, wie der Doppel- und Single-Ballon-Enteroskopie, lassen sich große Bereiche in „der Mitte“ des Dünndarms nicht erreichen, wie Prof. Dr. med. Horst Neuhaus, Chefarzt der medizinischen Klinik des EKDUS, berichtete. Diese Lücke könnte die sogenannte motorisierte Spiralenteroskopie füllen.

Dieses auch als „PowerSpiral“ bezeichnete Verfahren enthält einen integrierten Elektromotor, der vom Anwender mit einer Fußtaste bedient wird. Über eine aktive Rotation eines relativ kurzen Spiralübertubus des Endoskops wird der Darm selbstständig auf- und wieder abgefädelt, indem der Darm gestaucht oder wieder entfaltet wird. Eine europäische Multicenterstudie1 belegt den Erfolg von 132 erfolgreich durchgeführten Eingriffen. Mit der Markteinführung des neuen Verfahrens wird in Kürze gerechnet.

Verschluss von „gewollten Perforationen“ der Wand

Längst stellt die Wand als Begrenzung des Magen-Darm-Trakts zum Bauchraum, Retroperitoneum und Mediastinum keine Grenze mehr für die therapeutische Endoskopie dar. Spezialisten aus China und Japan präsentierten in Düsseldorf Eingriffe am Pankreas (Entfernung von Tumoren und Entzündungsgewebe nach Pankreatitis). Hierbei kommt dem anschließenden Verschluss von „gewollten Perforationen“ der Wand ein besonderer Stellenwert zu. Demonstriert wurde ein Verfahren, mit dem endoskopisch eine umfassende und stabile, einem chirurgischen Verschluss vergleichbare Naht gelegt werden kann („Overstitch-System“). Die Wissenschaftler prognostizierten, dass es mit diesem System möglich sein wird, eine Magenverkleinerung als bariatrisches Verfahren endoskopisch durchzuführen. Dr. rer. pol. Harald Clade

1 unter Beteiligung des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf und des Department of Gastroenterology and Hepato-Pankreatology, Université Libre de Bruxelles. (http://daebl.de/TN82)

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