ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2018121. Deutscher Ärztetag: Ärzliche Welt im Wandel

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121. Deutscher Ärztetag: Ärzliche Welt im Wandel

Dtsch Arztebl 2018; 115(19): A-899 / B-761 / C-761

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat hehre Ziele: Er will das deutsche Gesundheitssystem, auch in seinen Augen eines „der besten der Welt“, noch „besser machen“. In seiner Grußansprache zur Eröffnung des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt (8. bis 11. Mai 2018) forderte der erfahrene Gesundheitspolitiker die Ärzteschaft auf, an die gemeinsame Arbeit aus der Vergangenheit anzuknüpfen.

Die Analyse des Ministers: Politik habe „Vertrauen verloren“, Demokratie sei „in der Defensive“. Was Spahn will, sind „konstruktive Debatten“. Sein Dank an die „Ärztinnen und Ärzte für das, was sie jeden Tag in Deutschland leisten“, kann aber die ihm von der Koalition aufgegebenen ministeriellen Hausaufgaben und den daraus resultierenden Unmut der Ärzteschaft nicht kompensieren.

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Schon am Vortag hatte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung klare Worte zu einzelnen Positionen der Koalition gefunden: „Mehr Termine, schnellere Termine, ortsnahe Termine und am besten Ansprechpartner aller Fachrichtungen 24/7 – es scheint wie ein klammheimlich vollzogener Paradigmenwechsel.“ Gassens Antwort auf die Forderung nach mehr Leistung ist nur konsequent. Er will den Einstieg in den Ausstieg der Budgetierung, für mehr Leistung auch mehr Geld. Ein Vorschlag zum Einstieg in die konstruktive Debatte, die der Minister da einfordert.

Spahn weiß aus seiner bisherigen gesundheitspolitischen Schule, dass er „das Problem nur mit zufriedenen Ärztinnen und Ärzten lösen kann“. Das muss sein Gradmesser für die Themen sein, mit denen sich die Delegierten auf dem Deutschen Ärztetag befassen, wenn er gegenseitiges Vertrauen zurückgewinnen will: Ob digitalisierte Fernbehandlung, Reform der ärztlichen Gebührenordnung, Notfallaufnahme, Umgang mit dem Ärztemangel, zunehmende psychische Erkrankungen, die Novelle zur Ausbildung psychologischer Psychotherapeuten oder die Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung: Es mangelt nicht an Themen, die aufzeigen, wie stark die Welt sich wandelt.

Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery nahm in seiner Eröffnungsrede diesen Wandel als Motiv, bekräftigt gleichzeitig den Willen zur Zusammenarbeit. Er lässt aber auch Trennendes nicht außen vor: „Die Erhöhung der Pflichtsprechstundenzahl erscheint mir angesichts der hohen Arbeitslast der meisten Vertragsärzte eher stimmungs- als weltverändernd“. Sein Appell an Spahn: Es gelte, Patienten zu steuern und mehr Ärzte auszubilden.

Einig scheinen sich Ärzteschaft und Minister, dass Phänomene wie Globalisierung, Digitalisierung oder – um es mit Spahns Worten auszudrücken – „Massenmigration“ immense Herausforderungen für die Gesellschaft darstellen. Es wird sich zeigen, ob die von den jeweiligen Seiten angestrebte Umgangsweise mit der Problematik kompatibel ist. Gesundheitspolitische Lösungsansätze bietet die Ärzteschaft.

Jens Spahn hat, wie Montgomery zitierte, die im Gesundheitswesen Tätigen „Helden des Alltags“ genannt. Er weiß auch, dass gewalttätige Übergriffe gegen diese „Helden“ zunehmen. Hand aufʼs Herz, Herr Spahn: Ist die Politik mit ihren Mißtrauensbekundungen und sozialer Demontage des ärztlichen Berufsstands wirklich so schuldlos an solchen Entwicklungen?

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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