ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Psychiatrie in der DDR: Mutige Ansätze und knappe Ressourcen

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Psychiatrie in der DDR: Mutige Ansätze und knappe Ressourcen

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-1014 / B-856

Jachertz, Norbert

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Die Psychiatrie wird schnell verdächtigt, für staatliche Eingriffe besonders anfällig zu sein. Es erstaunt deshalb nicht, dass nach dem Zusammenbruch der DDR sogleich und mit kaum verhülltem Vorwurf nach dem politischen Missbrauch der Psychiatrie gefragt wurde, eingedenk einschlägiger Vorwürfe gegen die Sowjetunion. Eine gründliche Untersuchung kam 1998 freilich zu dem Ergebnis, einen institutionalisierten Missbrauch habe es nicht gegeben (wohl aber Übergriffe in einzelnen Fällen). Das Missbrauchsthema überlagerte in der öffentlichen Diskussion lange andere Themenfelder wie etwa die zwielichtige Haltung der DDR gegenüber den verbliebenen Nazi-Psychiatern, die Entwicklung von Psychopharmaka (inklusive deren Testung im Auftrag von Westfirmen) oder die Suizidproblematik – ganz zu schweigen von den positiven Ansätzen der DDR-Psychiatrie, ausgedrückt in den Rodewischer und Brandenburger Thesen und deren Scheitern mangels Personal und Finanzen.

Der Sammelband räumt mit Vorurteilen und Einseitigkeiten gründlich auf und vermittelt in 25 Beiträgen ein insgesamt realistisches Bild der Psychiatrie in der DDR. Es wurde auch Zeit. Seit der „Wende“ ist eine Reihe einzelner, wissenschaftlich fundierter Arbeiten erschienen, notgedrungen verstreut und meist nur in Fachkreisen bekannt. Die Herausgeber haben nun die größten Problemfelder definiert und einschlägig bekannte Autorinnen und Autoren mit der Bearbeitung betraut. Der Leser wird somit zuverlässig informiert über

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  • die – teils erschreckenden – personellen und auch therapeutischen Kontinuitäten nach 1945,
  • das politische Umfeld (behandelt werden heikle Themen wie Missbrauch, Stasi-Verstrickungen oder Einweisungspraxis),
  • die mutigen Reformansätze (Auflösung der Großanstalten, therapeutische Gemeinschaft von Patient und Therapeut) und deren Implosion
  • und schließlich, anhand der Ergebnisse eines Interviewprojektes, über den (klinischen) Alltag aus Sicht von Patienten und Mitarbeitern.

Die Herausgeber Kumbier (Rostock) und Steinberg (Leipzig) sind psychiatrisch wie medizinhistorisch gut ausgewiesen. Der Überblick ist wissenschaftlich auf dem aktuellen Stand und nicht nur für Leser aus Ostdeutschland interessant. Lesern im Westen werden die vielen Parallelen zwischen Ost und West auffallen. Norbert Jachertz

Ekkehardt Kumbier, Holger Steinberg (Hrsg.): Psychiatrie in der DDR. Beiträge zur Geschichte. Berlin (be.bra wissenschaft verlag) 2018, 400 Seiten, gebunden, 32 Euro

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