ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Notfallversorgung: Einheitlich und extrabudgetär

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Notfallversorgung: Einheitlich und extrabudgetär

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-986 / B-830 / C-829

Osterloh, Falk

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Der Deutsche Ärztetag hat die Einrichtung einer sektorenübergreifenden Notfallversorgung gefordert, die außerhalb der bestehenden Vergütungsformen finanziert wird. Lange stritten die Delegierten darum, ob Portalpraxen an Krankenhäusern rund um die Uhr geöffnet sein sollen.

Der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt hat die Einführung eines „integrierten Konzepts für die strukturierte Inanspruchnahme der Notfallversorgung“ gefordert. Die Notfallversorgung müsse „in echter Kooperation zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor erfolgen“, betonten die Delegierten. Daher müsse sie sektorenübergreifend, extrabudgetär und einheitlich finanziert werden. Die ambulanten Strukturen der Notfallversorgung müssten dabei direkt der stationären Notaufnahme an auszuwählenden, geeigneten Krankenhäusern vorgeschaltet werden, forderte der Ärztetag. Räumlich seien die Portalpraxen so anzusiedeln, dass die Patienten sie bei nicht liegender Einlieferung zwingend durchlaufen müssen, um dort vorab eine standardisierte Zuordnung über den weiteren Behandlungsweg zu erhalten. Zudem müssten die Patienten besser über die Notfallversorgungsstrukturen aufgeklärt werden.

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Kontrovers diskutierten die Delegierten darüber, ob die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Portalpraxen an den Krankenhäusern einrichten sollen, die rund um die Uhr geöffnet sind, also auch während der vertragsärztlichen Sprechstunden. In Schleswig-Holstein habe man gute Erfahrungen damit gemacht, an ausgesuchten Krankenhäusern Portalpraxen einzurichten, die auch werktags, während der Arbeitszeiten, geöffnet sind, sagte Dr. med. Henrik Herrmann, Delegierter aus Schleswig-Holstein. Aus seinem Bundesland komme auch eine Gesetzesinitiative, mit der eine entsprechende Regelung in das Sozialgesetzbuch V aufgenommen werden soll. Dr. med. Norbert Jäger, ebenfalls aus Schleswig-Holstein, ergänzte, dass die bislang existierenden rund um die Uhr geöffneten Portalpraxen bei den Patienten mittlerweile bekannt seien und sehr gut angenommen würden. „In diese Portalpraxen kommen auch Patienten ohne Hausarzt oder Touristen“, so Jäger. Und wenn es sich wirklich um einen Notfall handle, könne man die Patienten schnell ins Krankenhaus einweisen.

Tilman Kaethner von der Ärztekammer Niedersachsen wandte sich gegen eine solche Regelung. Ein zweites ambulantes System während der Sprechstundenzeiten der niedergelassenen Praxen aufzubauen, sei fatal: „Wir wollen doch keinen zweiten Bereich neben unseren Praxen haben, an den sich die Patienten immer wenden können.“

Und Karsten Thiemann von der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern gab zu bedenken, dass Portalpraxen, die rund um die Uhr geöffnet seien, die Patienten aus den Praxen der niedergelassenen Ärzte herauszögen. „Für die Patienten ist das sehr attraktiv. Denn im Zweifel könnten sie dann gleich ins Krankenhaus eingewiesen werden“, sagte Thiemann.

Keine Doppelstrukturen

Die ambulante Versorgung gehöre in die Praxis und nirgendwo anders hin, sagte auch Dr. med. Hans-Detlef Dewitz von der Ärztekammer Berlin. „Wir brauchen keine Doppelstrukturen.“ Von den zwölf Portalpraxen, die es in Berlin gebe, seien nur drei gut ausgelastet. „Die anderen behandeln etwa 350 Patienten im Quartal“, sagte Dewitz. „Das ist unwirtschaftlich. Und das kann so nicht gewollt sein.“ Er befürwortete die Einrichtung von KV-Apps, die den Patienten anzeigen, wo sie die nächste geöffnete Bereitschaftsdienstpraxis finden.

Dr. med. Andreas Botzlar von der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer erklärte, dass die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu jeder Tages- und Nachtzeit überlastet seien. „Den fehlalloziierten Patienten, der besser in eine Praxis gegangen wäre, gibt es immer im gleichen Umfang“, sagte er. „Wir wollen einen funktionierenden Vorfilter, der die Patienten, die im ambulanten Sektor behandelt werden können, identifiziert, bevor sie in die Notaufnahme des Krankenhauses kommen.“ Deshalb sei es wichtig, dass die Portalpraxen rund um die Uhr geöffnet seien.

Politik muss entscheiden

Norbert Metke: In Baden-Württemberg suchen etwa 500 000 Menschen pro Jahr die Notaufnahme der Krankenhäuser auf, während die Arztpraxen geöffnet sind.
Norbert Metke: In Baden-Württemberg suchen etwa 500 000 Menschen pro Jahr die Notaufnahme der Krankenhäuser auf, während die Arztpraxen geöffnet sind.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Dr. med. Norbert Metke, sprach sich für die Einrichtung von rund um die Uhr geöffneten Portalpraxen an ausgewählten Krankenhäusern aus, „damit die Leute ins ambulante System zurückgeschickt werden“. Denn in Baden-Württemberg würden etwa 500 000 Menschen pro Jahr die Notaufnahme der Krankenhäuser aufsuchen, während die Arztpraxen geöffnet seien. Und die Krankenhäuser würden zu Recht darauf verweisen, dass sie keine Bagatellerkrankungen in der Notaufnahme behandeln wollten.

Prof. Dr. med. Bernd Bertram von der Ärztekammer Nordrhein wies jedoch darauf hin, dass die niedergelassenen Ärzte, die in den Portalpraxen arbeiten, in der ambulanten Versorgung fehlen. Flächendeckend Portalpraxen zu fordern, die 24 Stunden geöffnet seien, sei weit hergeholt.

Schließlich sprachen sich die Delegierten mehrheitlich dafür aus, rund um die Uhr geöffnete Portalpraxen an einzelnen, ausgewählten Klinikstandorten im Rahmen von Modellprojekten zu erproben. Dr. med. Klaus Schäfer von der Ärztekammer Hamburg betonte allerdings, dass die Politik den Mut haben müsse zu entscheiden, an welchen Krankenhäusern Portalpraxen eingerichtet werden und an welchen nicht. „Die Krankenhäuser möchten schließlich alle gerne eine Portalpraxis im Haus haben“, so Schäfer. „Aber wir können nicht an jeder Klinik eine Portalpraxis einrichten.“

Klaus Schäfer: Die Politik muss den Mut haben zu entscheiden, an welchen Krankenhäusern Portalpraxen eingerichtet werden und an welchen nicht.
Klaus Schäfer: Die Politik muss den Mut haben zu entscheiden, an welchen Krankenhäusern Portalpraxen eingerichtet werden und an welchen nicht.

Zum Hintergrund: Im Krankenhaus-Strukturgesetz hatte der Gesetzgeber die KVen im Jahr 2015 dazu aufgefordert, Portalpraxen in oder an Krankenhäusern als erste Anlaufstellen für Notfallpatienten einzurichten, um die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu entlasten.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich vor Kurzem dagegen ausgesprochen, an jedem Krankenhaus mit einer Notaufnahme eine Portalpraxis einzurichten. Ein im Auftrag der KBV erstelltes Gutachten hat ergeben, dass es in Deutschland 736 Portalpraxen geben müsse, wenn es den Patienten möglich sein soll, eine solche Praxis innerhalb von 30 Pkw-Minuten zu erreichen. Heute gebe es bereits 600 Portalpraxen, hatte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister, erklärt. Diese seien aber zumeist nur am Abend und am Wochenende geöffnet. Wenn die 600 Portalpraxen rund um die Uhr erreichbar sein sollten, brauche man entsprechend mehr Ärzte, hatte auch er zu bedenken gegeben.

G-BA-Beschluss aussetzen

Darüber hinaus kritisierten die Delegierten des Ärztetages das vor Kurzem vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) beschlossene Konzept für ein gestuftes System von Notfallstrukturen an Krankenhäusern. Darin hatte der G-BA Mindestanforderungen für die stationäre Notaufnahme in drei Stufen beschlossen, nach denen sich unter anderem Zuschläge für die Vorhaltekosten von Geräten, Spezialbetten und Fachärzten richten. In diesem Konzept würden weder regionale Besonderheiten berücksichtigt noch die komplexen Wechselwirkungen über Schnittstellen und Sektorengrenzen hinweg, kritisierte der Ärztetag. Er forderte eine Wiederaufnahme des Beratungsprozesses „unter Einbeziehung der medizinischen Akteure“. Bis dahin solle der Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses ausgesetzt werden. Falk Osterloh

Fazit

TOP Ia: Notfallversorgung

  • Notfallversorgung muss in echter Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Sektor erfolgen und sektorenübergreifend, extrabudgetär und einheitlich finanziert werden.
  • In Modellprojekten sollen rund um die Uhr geöffnete Portalpraxen an ausgewählten Kliniken erprobt werden.
  • Der G-BA-Beschluss zum gestuften System von Notfallstrukturen soll ausgesetzt werden.

Die Entschließungen zu TOP Ia im Internet: www.aerzteblatt.de/2018top1a6
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/NA53

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