ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Humane Papillomviren (HPV): Impfung ist „überaus sicher“

MEDIZINREPORT

Humane Papillomviren (HPV): Impfung ist „überaus sicher“

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-1006 / B-850 / C-846

Zylka-Menhorm, Vera

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Cochrane-Review: Wenn Mädchen und junge Frauen gegen HPV 16 und 18 geimpft werden, sind sie mit hoher Gewissheit gegen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs geschützt. Zudem entsprechen die Nebenwirkungsraten der Impfstoffe denen der Kontrollgruppen.

Verschiedene europäische Länder verzeichnen einen Rückgang der Bereitschaft zur HPV-Impfung oder haben Mühe, eine hohe Impfrate zu erreichen. Ein extremes Beispiel ist Dänemark, wo die HPV-Impfrate bei 12-jährigen Mädchen seit 2014 von ungefähr 90 % auf unter 40 % gefallen war. Eine Analyse der Dänischen Gesundheitsbehörde 2016 ging der Ursache nach: Sie ergab, dass fast alle Eltern in den Medien und im Internet von Geschichten über vermutete Nebenwirkungen gehört hatten. Mit einer Impfquote von 45 % ist die HPV-Impfung in Deutschland (1) nach wie vor nicht gut akzeptiert. Sicherheitsbedenken und die Angst vor Nebenwirkungen sind auch hierzulande die häufigsten Gründe der Impfverweigerung (2). Die Ergebnisse eines aktuellen Cochrane-Reviews (3) haben nun das Potenzial, Impfskeptikern „den Wind aus den Segeln“ zu nehmen.

Reduktion von CIN2+ und CIN3+

Das Cochrane Review hat 26 Studien mit 73 428 Teilnehmerinnen auf Effektivität und Sicherheit der HPV-Impfung analysiert. Zur Anwendung kamen monovalente (n = 1), bivalente (n = 18) und quadrivalente (n = 7) Vakzine. Die Kontrollgruppen hatten entweder Plazebo oder einen anderen Impfstoff erhalten. Das Ergebnis: Bei Mädchen und Frauen, die noch nie mit HPV 16 und HPV 18 infiziert worden waren, sank das Risiko für die Zervixkarzinom-Vorstufe CIN2+ von 164 auf 2 je 10 000, für CIN3+ von 70 auf 0 je 10 000.

Ließ man den HPV-Status zum Zeitpunkt der Impfung außer Acht (also ob bzw. mit welchen HP-Viren die Probanden bereits in Kontakt gekommen waren), ergab sich immer noch ein schützender Effekt, wenn auch nicht ganz so deutlich: Das Risiko für CIN2+ in Verbindung mit HPV 16 oder 18 sank von 341 auf 157 je 10 000. Bei Frauen, die im Alter von 24–45 Jahren gegen HPV geimpft wurden, war das Risiko ähnlich wie bei den Nichtgeimpften – hatte also keinen schützenden Effekt mehr.

Außerdem ergaben sich in der Metaanalyse keine Anhaltspunkte dafür, dass die HPV-Impfung mit einem erhöhten Risiko für ernste unerwünschte Nebenwirkungen einherging – die HPV-Impfung kann somit als sicher gelten. Dies ist ein wichtiger Beleg für die Arzt-Patienten-Kommunikation.

„Um eine hohe Akzeptanz zu erreichen, sollten Sicherheitsbedenken gegenüber der HPV-Impfung in den entsprechenden Impfgruppen bzw. unter den Eltern adressiert und impfende Ärztinnen und Ärzte daran erinnert werden, den entsprechenden Altersgruppen die Impfung auch aktiv anzubieten“, kommentiert Dr. med. Thomas Harder Fachgebiet Impfprävention, Robert Koch-Institut (RKI), die Cochrane-Analyse. Da die HPV-Impfung Mädchen von 9–14 Jahren empfohlen werde, biete sich insbesondere die J1-Vorsorgeuntersuchung zur Information und Impfung gegen HPV an. Diese sei kostenlos und richte sich an Jugendliche zwischen 12 und 14 Jahren.

Dass dieses Vorgehen Wirkung zeigt, belegt eine Analyse von Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), wonach die Inanspruchnahme der J1-Vorsorgeuntersuchung bei 12-jährigen Mädchen mit einer 7-fach höheren Wahrscheinlichkeit einhergeht, mindestens eine HPV-Impfstoffdosis zu erhalten (4). „Dazu könnte die Einführung eines verbindlichen Einladungswesens und Rückmeldeverfahrens für die J1-Vorsorgeuntersuchung hilfreich sein – entsprechend den Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter in vielen Bundesländern. In Rheinland-Pfalz konnte die J1-Beteiligung durch ein solches Verfahren um 25 % gesteigert werden (5).

Schulimpfprogramme

„Um möglichst hohe HPV-Impfquoten zu erzielen, ist zu erwägen, deutschlandweit Schulimpfprogramme einzurichten, um möglichst auch jene Kinder zu erreichen, die im Alter von 9–14 Jahren keinen Arzt oder keine Ärztin besuchen, nicht an der J1-Untersuchung teilgenommen haben oder denen die HPV-Impfung bisher nicht angeboten wurde“, meint Harder. Schulimpfprogramme existieren in den angelsächsischen und nordischen Ländern und führen dort in der Regel zu hohen Impfquoten von mehr als 70 %, so zum Beispiel in Australien, Kanada und Großbritannien (6, 7, 8). Länder ohne Schulimpfprogramm schneiden deutlich schlechter ab, wie zum Beispiel die Schweiz mit einer Impfquote von 51 % (9).

„Die Ergebnisse zum Potenzial der J1-Vorsorgeuntersuchung sowie die hohen Impfquoten in Ländern mit schulbasierten Impfprogrammen legen nahe, dass strukturelle Änderungen in Deutschland notwendig sind, um über ein niederschwelliges Informations- und Impfangebot höhere HPV-Impfquoten zu erreichen“, so Harder. Dr. med. Vera Zylka-Menhorm

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2018
oder über QR-Code.

1.
Arbyn M et al.; Prophylactic vaccination against human papillomaviruses to prevent cervical cancer and its precursors. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018; 5, Art. No.: CD009069. DOI: 10.1002/14651858.CD009069.pub3 CrossRef
e1.
Rieck T, et al.; Aktuelles aus der KV-Impfsurveillance – Impfquoten ausgewählter Schutzimpfungen in Deutschland. Epidemiologisches Bulletin 2018; (1): 1–14.
e2.
Remschmidt D, et al.; Knowledge, attitude, and uptake related to human papillomavirus vaccination among young women in Germany recruited via a social media site. Hum Vaccin Immunother 2014; 10(9): 2527–35. DOI: 10.4161/21645515.2014.970920 CrossRef
e3.
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e4.
Rieck T, et al. (2014): Utilization of administrative data to assess the association of an adolescent health check-up with human papillomavirus vaccine uptake in Germany. Vaccine 2014; 32(43): 5564–9. DOI: 10.1016/j.vaccine.2014.07.105 CrossRef MEDLINE
e5.
Thaiss H, et al. (2010): Früherkennungsuntersuchungen als Instrument im Kinderschutz. Erste Erfahrungen der Länder bei der Implementation appellativer Verfahren. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2010; 53 (10): 1029–47 CrossRef MEDLINE
e6.
Australia NHVPR: National (Australia) HPV 3 dose vaccination coverage for adolescents turning 15 years of age.
e7.
Canada S. Childhood National Immunization Coverage Survey, 2013.
e8.
Public Health England (2016): HPV vaccine coverage data for vaccinations given from 1 September 2015 to 31 August 2016 by local authority and area team.
e9.
Bundesamt für Gesundheit (2017): Kantonales Durchimpfungsmonitoring Schweiz.
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e9. Bundesamt für Gesundheit (2017): Kantonales Durchimpfungsmonitoring Schweiz.

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