ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Novelle einstimmig beschlossen

DEUTSCHER ÄRZTETAG

(Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Novelle einstimmig beschlossen

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-970 / B-818 / C-817

Korzilius, Heike

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Der Deutsche Ärztetag hat in der fachärztlichen Weiterbildung einen neuen Weg eingeschlagen. Er sagte Ja zu einer kompetenzbasierten Weiter­bildungs­ordnung, die sich künftig an Inhalten und nicht mehr an Zeiten und Richtzahlen orientieren soll.

Ja zu einer neuen Weiterbildungskultur: Der Reformprozess, der zur Weiterbildungsnovelle führte, dauerte sechs Jahre
Ja zu einer neuen Weiterbildungskultur: Der Reformprozess, der zur Weiterbildungsnovelle führte, dauerte sechs Jahre

Vor dem Podium hatte sich eine lange Schlange gebildet. Mehr als 80 Delegierte ließen sich auf die Rednerliste setzen, um während einer gut sechseinhalbstündigen Aussprache zur Reform der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) für letzte Änderungen an der Novelle zu werben, die sich künftig an Inhalten und nicht mehr an Zeiten und Richtzahlen orientieren soll. Grundsätzliche Kritik an dem Reformwerk gab es allerdings nicht, sodass der 121. Deutsche Ärztetag die Novelle am Ende des Debattenmarathons einstimmig annahm.

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21 neue Zusatzbezeichnungen

Zur Abstimmung standen am 11. Mai in Erfurt die Präambel, die Ziel und Zweck der fachärztlichen Weiterbildung definiert, sowie der Paragrafenteil, der die rechtlichen Vorgaben der Weiterbildung beschreibt. Darin verankert ist beispielsweise der neue Kompetenzbegriff, auf dem die Novelle basiert, ebenso wie die Erweiterung der
Gebiete der unmittelbaren Patientenversorgung um Arbeits- und
Nuklearmedizin, Öffentliches Gesundheitswesen, Radiologie und Transfusionsmedizin. Außerdem standen die allgemeinen Inhalte der fachärztlichen Weiterbildung zur Entscheidung an, die jeder Arzt beherrschen muss. Dazu zählen zum Beispiel ethische, wissenschaftliche und rechtliche Grundlagen ärztlichen Handelns ebenso wie ärztliche Gesprächsführung oder die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen. Die Delegierten mussten außerdem darüber befinden, welche Zusatzweiterbildungen es künftig geben soll. Zur Abstimmung standen 68 Bezeichnungen, davon 21 neue, sowie die Voraussetzungen und Mindestzeiten für deren Erwerb.

Franz Bartmann und das BÄK-Weiterbildungsdezernat um Annette Güntert und Kerstin Hoeft erhielten viel Lob für die Vorbereitung der Weiterbildungsnovelle, mit der „etwas ganz Neues“ geschaffen wurde
Franz Bartmann und das BÄK-Weiterbildungsdezernat um Annette Güntert und Kerstin Hoeft erhielten viel Lob für die Vorbereitung der Weiterbildungsnovelle, mit der „etwas ganz Neues“ geschaffen wurde

An diesem Punkt entzündeten sich dann auch die Diskussionen. So hatte der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in seiner Beschlussvorlage beispielsweise empfohlen, die Zusatzbezeichnungen Phlebologie und Spezielle Viszeralchirurgie wieder in die Gebiete zurückzuverlagern. Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der BÄK, Dr. med. Franz Bartmann, sprach sich vor den 250 Delegierten des Ärztetages dafür aus, dass Ärztinnen und Ärzte beide Qualifikationen künftig nicht mehr innerhalb fester Zeiten an einer Weiterbildungsstätte, sondern berufsbegleitend erwerben sollten. Chirurgen wüssten, dass man die Eingriffe höheren Schwierigkeitsgrades, um die es in der Speziellen Viszeralchirurgie gehe, in den bislang vorgeschriebenen zwei Jahren nach der Grundweiterbildung nicht zwangsläufig in der notwendigen Tiefe erlernen könne. „Das sind Eingriffe, die sich über ein Berufsleben hinziehen“, sagte Bartmann.

Wert für die Versorgung

In der Phlebologie sprechen dem Weiterbildungsexperten zufolge die Zahlen dafür, vom bisherigen Kurs abzuweichen. Eine Blitzumfrage bei zehn der 17 Ärztekammern habe ergeben, dass 2017 genau 33 Zusatzqualifikationen in Phlebologie vergeben wurden. Der Grund für die niedrige Zahl an Abschlüssen sei die vorgeschriebene Weiterbildungszeit von eineinhalb Jahren, zeigte sich Bartmann überzeugt. „Und eine Zusatzqualifikation, die niemand erwirbt, hat in der Versorgung keinen Wert“, gab er zu bedenken. Er sehe kein Problem
darin, dass Ärzte die Inhalte der Phlebologie deshalb künftig berufsbegleitend erwerben sollten.

Andreas Gibb wollte die Phlebologie als Zusatzbezeichnung erhalten. Das sei die Voraussetzung für gute Versorgung. Immerhin seien Venenleiden eine Volkskrankheit.
Andreas Gibb wollte die Phlebologie als Zusatzbezeichnung erhalten. Das sei die Voraussetzung für gute Versorgung. Immerhin seien Venenleiden eine Volkskrankheit.

In beiden Fällen setzten sich jedoch die Kritiker der Vorlage des BÄK-Vorstands durch. Der Ärztetag stimmte dafür, sowohl die
Zusatzweiterbildung Spezielle Viszeralchirurgie als auch die Phlebologie beizubehalten. Venenleiden seien eine Volkskrankheit, erklärte Dr. med. Andreas Gibb, Mecklenburg-Vorpommern. 25 Prozent der Bevölkerung seien davon betroffen. Für diese Patienten bedeute die Abschaffung der Zusatzweiterbildung Phlebologie einen Rückschritt in der bisher gut funktionierenden Versorgung, hieß es in einem Antrag, den Dr. med. Lothar Rütz und weitere Abgeordnete der Ärztekammer Nordrhein formuliert hatten. Die Nennung der Bezeichnung auf dem Praxisschild erleichtere den Patienten zudem die Orientierung bei der Suche nach einem entsprechend qualifizierten Facharzt.

Ebenfalls abweichend vom Vorschlag des BÄK-Vorstandes votierten die Delegierten dafür, die Zusatzweiterbildung Sexualmedizin einzuführen – allerdings erst in zweiten Lesung, für die sich deren Befürworterin Dr. med. Christiane Groß, Nordrhein, starkgemacht hatte. Insbesondere Hausärzte, Gynäkologen, Psychiater und Urologen seien bereits heute erste Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten mit sexuellen Problemen. Dabei gehe es nicht nur um Störungen der sexuellen Funktion oder um sexuell übertragbare Krankheiten. Ziel einer Zusatzqualifikation sei beispielsweise auch, sexualisierte Gewalt oder Missbrauch zu erkennen und zu verhindern, sagte BÄK-Vorstand Dr. med. Günter Jonitz.

Keine Diskussion über Inhalte

Der Ärztetag beschloss darüber hinaus, sich nicht mit den Inhalten der Zusatzweiterbildungen zu befassen. Diese sollen die Weiterbildungsgremien der BÄK zusammen mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden erarbeiten und mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern abstimmen. Auf dieser Grundlage sollen die Inhalte anschließend vom BÄK-Vorstand beschlossen werden. Mit den Weiterbildungsinhalten der einzelnen Fachgebiete (Abschnitt B der MWBO) war der Ärztetag 2017 ebenso verfahren.

Hans Albert Gehle sprach sich dafür aus, künftig, wo immer möglich, nicht mehr auf Zahlen und Zeiten, sondern auf Kompetenznachweise zu setzen.
Hans Albert Gehle sprach sich dafür aus, künftig, wo immer möglich, nicht mehr auf Zahlen und Zeiten, sondern auf Kompetenznachweise zu setzen.

Die Delegierten stimmten außerdem mehreren Anträgen zu, in denen die Bundes­ärzte­kammer und die Lan­des­ärz­te­kam­mern aufgefordert werden, innerhalb der nächsten zwei Jahre die noch immer in der MWBO enthaltenen Zeiten und Richtzahlen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen. Dass diese an vielen Stellen noch festgeschrieben seien, zeige, dass der neue Weg nicht komplett durchgehalten wurde, heißt es in einem der Anträge dazu. „Dass gleich mehrfach gefordert wird, Zeiten zu reduzieren oder wegzulassen, zeigt aber, dass wir in einer neuen Zeit angekommen sind“, schloss Dr. med. Hans Albert Gehle, Westfalen-Lippe. Nun gelte es, Zeiten und Richtzahlen zugunsten von Kompetenznachweisen auf das didaktisch notwendige Maß zu reduzieren.

Der Vorsitzende der BÄK-Weiterbildungsgremien, Bartmann, hatte zuvor das teilweise Festhalten an Zahlen und Zeiten unter anderem damit begründet, dass junge Ärzte in Weiterbildung diese als einziges Druckmittel gegenüber ihren Weiterbildern betrachteten, sie die für die Weiterbildung erforderlichen Eingriffe auch ausführen zu lassen. „Erfüllte Richtzahlen und Zeiten sind zwar kein Nachweis für Kompetenz“, sagte Bartmann. „Um aber konsequent darauf verzichten zu können, muss sich unsere Weiterbildungskultur ändern.“

Ändern soll sich auch die Zögerlichkeit, mit der manche Lan­des­ärz­te­kam­mern die Beschlüsse Deutscher Ärztetage umsetzen. Der Ärztetag forderte die Kammern deshalb auf, die Chancen der Novelle für die Weiterbildung zu nutzen und die MWBO möglichst bundeseinheitlich umzusetzen und im Lauf der nächsten zwei Jahre in den Ländern einzuführen. Zuvor müssen die neuen Regelungen in die Heilberufsgesetze der Bundesländer übernommen werden.

Ein E-Logbuch ist unverzichtbar

Um den Kompetenzerwerb der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung kontinuierlich und für die Lan­des­ärz­te­kam­mern nachvollziehbar abbilden zu können, soll nach dem Willen des BÄK-Vorstandes ein bundesweit einheitliches elektronisches Logbuch eingeführt werden. Das hatte bereits der 120. Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr in Freiburg prinzipiell begrüßt. In Erfurt haben die Delegierten die Bundes­ärzte­kammer nun aufgefordert, möglichst bis 2019 mit einem externen Unternehmen ein betriebsfähiges E-Logbuch zu entwickeln. Dabei solle es aber technisch möglich bleiben, dass einzelne Lan­des­ärz­te­kam­mern individuelle Ergänzungen oder Abweichungen vornehmen können.

„Das elektronische Logbuch ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer kompetenzbasierten Weiterbildung“, hatte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien, Bartmann, zuvor betont. Schon zu Beginn der Reformdiskussionen über eine kompetenzbasierte Weiterbildung sei eine der häufigsten Fragen gewesen, wie man diese Kompetenz nachweisen solle. „Die Frage ist berechtigt“, sagte Bartmann. Es reiche nicht, dass die Weiterzubildenden eine gewisse Zeit an einer Weiterbildungsstätte verbringen und eine gewisse Zahl an Eingriffen vornehmen, die ihnen ein Weiterbilder oft am Ende der Weiterbildung pauschal bescheinige. „Wir brauchen eine verlässliche, kontinuierliche Darstellung der Kompetenzfortschritte im Verlauf der Weiterbildung“, erklärte Bartmann. Das könne nur ein E-Logbuch leisten. Dort sollen Kompetenzen künftig in vier Kategorien bescheinigt werden: Inhalte, die der Weiterzubildende beschreiben könne; Inhalte, die er systematisch einordnen und erklären könne sowie Fertigkeiten, die er unter Supervision und solche, die er selbstverantwortlich durchführen könne. Auf Papier könne man einen solchen Entwicklungsprozess nicht darstellen, meinte Bartmann.

Es bleibt nicht alles beim Alten

Allerdings räumte er ein, dass sich die EDV-Ausstattungen in den einzelnen Lan­des­ärz­te­kam­mern deutlich unterschieden. Es gebe Kammern, die in der Verwaltung noch weitgehend papierbasiert arbeiteten. Und es gebe diejenigen, die heute schon die meisten Verwaltungsprozesse auf elektronischem Wege abwickelten. Der Ärztetag stimmte deshalb der Forderung zu, dass der künftige Entwickler eines E-Logbuchs den Ärztekammern über geeignete Schnittstellen den ihnen gemäßen Zugang zu diesem Datenpool ermöglicht. „Ich garantiere Ihnen, ohne das Instrument elektronisches Logbuch läuft alles so weiter wie bisher“, warnte Bartmann. Einen Kulturwandel in der fachärztlichen Weiterbildung erreiche man nicht dadurch, dass der Ärztetag ein neues Papierkonzept vorstelle und vor Ort zunächst alles beim Alten bleibe.

Mit seiner Zustimmung zur Gesamtnovelle der MWBO hat der 121. Deutsche Ärztetag jetzt in Erfurt den Schlusspunkt unter einen Reformprozess gesetzt, der sechs Jahre dauerte. Die lange Dauer ist auch auf die enge Abstimmung mit Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Lan­des­ärz­te­kam­mern zurückzuführen, die „Zehntausende Mann- und Frau-Stunden in Anspruch genommen hat“, wie Bartmann ausführte. „Denn wir haben hier keine Anpassung oder Aktualisierung der Weiter­bildungs­ordnung vorgenommen, sondern etwas ganz Neues geschaffen“, so der Weiterbildungsexperte. Dabei sollte das komplexe Abstimmungsverfahren sicherstellen, dass die Novelle in den Ärztekammern möglichst einheitlich umgesetzt wird.

Ein lernendes System

Anne Kandler, selbst Ärztin in Weiterbildung, sagte stellvertretend für viele, die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung schaffe ein Stück mehr Transparenz und Verbindlichkeit.
Anne Kandler, selbst Ärztin in Weiterbildung, sagte stellvertretend für viele, die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung schaffe ein Stück mehr Transparenz und Verbindlichkeit.

Bartmann erhielt viel Lob für die Neufassung der MWBO. Stellvertretend für viele sagte Anne Kandler, Hessen: „Wir Weiterzubildenden wünschen uns Transparenz und Verbindlichkeit. Das bekommen wir mit der Novelle ein Stück mehr.“ Und Dr. med. Ellis Huber, Berlin, merkte an, mit der neuen MWBO sei eine brauchbare Grundlage geschaffen worden für ein lernendes System, das sich weniger als frühere Reformen an Gruppeninteressen orientiere.

Die letzte umfassende Reform der MWBO stammt aus dem Jahr 2003. Seither habe sich die Versorgungslandschaft dramatisch geändert, nicht zuletzt aufgrund des medizin-technischen Fortschritts, hatte Bartmann zu Beginn der Debatte erklärt. Diese Entwicklungen müssten sich in der Weiter­bildungs­ordnung widerspiegeln und hätten eine grundlegende Reform nötig gemacht. In Zukunft soll die Weiter­bildungs­ordnung regelmäßig, möglichst auf jedem Deutschen Ärztetag, an aktuelle Entwicklungen angepasst werden. Heike Korzilius

Fazit

TOP VIII: Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung

  • Der Ärztetag beschließt die Gesamtnovelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung. Die Weiterbildung soll sich künftig mehr am Nachweis von Kompetenzen orientieren als an der Erfüllung von Zeiten und Richtzahlen.
  • Bis 2019 soll ein elektronisches Logbuch entwickelt werden, um den Kompetenzerwerb zu dokumentieren.
  • Die Ärztekammern werden aufgefordert, die Novelle innerhalb von zwei Jahren einheitlich umzusetzen.

Die Entschließungen zu TOP VIII im Internet: www.aerzteblatt.de/2018top8
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/NA53

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