ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Immunisierung von Kindern: Keine Evidenz für die Befürchtung von Eltern, es werde zu früh zu viel geimpft

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Immunisierung von Kindern: Keine Evidenz für die Befürchtung von Eltern, es werde zu früh zu viel geimpft

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-1007 / B-851 / C-850

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: kokouu/iStockphoto
Foto: kokouu/iStockphoto

Impfungen sind weltweit die wichtigste Säule der Gesundheitsvorsorge für Kinder. Die Zahl der empfohlenen Impfungen hat sich seit den 90er-Jahren erhöht, auch in Deutschland. Manche Eltern fürchten, ihre Kinder könnten durch die vielen empfohlenen Impfungen geschwächt werden und ein erhöhtes Risiko haben, sich mit Krankheitserregern zu infizieren, gegen die nicht geimpft wurde. Eine große „nested“ Fall­kontroll­studie in den USA hat sich dieser Fragestellung angenommen.

Die Kohorte bestand aus 495 193 Kindern aus 6 US-amerikanischen Gesundheitsnetzwerken, deren Daten zwischen 2003 und 2013 aufgenommen worden waren. Es gab 47 061 Infektionserkrankungen durch Erreger, gegen die nicht geimpft wurde (non-vaccine-targeted infections), davon 193 nachgewiesen bei Kindern zwischen 24 und 47 Monaten. Das waren die „Fälle“. Sie wurden 1:4 gematcht mit Nicht-Fällen (keine Non-vaccine-targeted-Infektionen), die in den übrigen relevanten Parametern vergleichbar waren (n = 751). Das Durchschnittsalter der Gesamtgruppe (n = 944) betrug 32,5 Monate. Ziel war, die Wahrscheinlichkeit für Non-vaccine-targeted-Infektionen im Verhältnis zu den verabreichten Antigendosen abzuschätzen.

Während der ersten 24 Lebensmonate hatten die Kinder in der Fallgruppe durchschnittlich 240,6 Antigendosen erhalten und in der Kontrollgruppe 242,9 Antigendosen. Die Differenz betrug +2,3 Antigendosen (Kontrolle vs. Fälle; p = 0,55; nicht signifikant).

Fazit: Bei Kindern im Alter von 24 und 47 Monaten erhöht sich das Risiko für Infektionen durch Erreger, die nicht Bestandteil von Vakzinen sind, durch zunehmende Impf-Antigen-Exposition nicht. Die Impfungen interferieren nicht mit der Fähigkeit des Immunsystems, Krankheitserreger effektiv abzuwehren. „Die Sorge, dass die vielen Impfungen des Kindesalters letztlich zu einer Abschwächung des Immunsystems und damit zu häufigeren Infektionen führen, ist unbegründet“, kommentiert Prof. Dr. med. Johannes Hübner, 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Abteilung für pädiatrische Infektiologie, Dr. von Haunerʼsches Kinderspital, Ludwig-Maximilians-Universität München. „Das zeigt diese umfangreiche und methodisch sehr gute aktuelle Studie aus den USA. Die Ergebnisse sind gut auf die deutsche Situation übertragbar, die Impfpläne sind ähnlich. Die Studie bestätigt, dass Impfungen nicht zu mehr Infektionen führen, wie Impfgegner häufig behaupten.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Glanz JM, Newcomer SR, Daley MF, et al.: Association between estimated cumulative vaccine antigen exposure through the first 23 months of life and non–vaccine-targeted infections from 24 through 47 months of age. JAMA 2018; 319: 906–13.

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