ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Medikamentöse Therapie depressiver Erkrankungen: Antidepressiva sind effektiver als Placebo, die Akzeptanz aber ist unterschiedlich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Medikamentöse Therapie depressiver Erkrankungen: Antidepressiva sind effektiver als Placebo, die Akzeptanz aber ist unterschiedlich

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): A-1007 / B-851 / C-850

Gerste, Ronald D.

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Foto: zwiebackesser/stock.adobe.com
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Die Depression ist die häufigste psychiatrische Erkrankung und sie hat in den letzten 30 Jahren durch demografische Änderungen weltweit weiter zugenommen. Für eine medikamentöse Behandlung gibt es eine breite Auswahl an Pharmaka. Nachdem ein internationales Forscherteam unter Leitung von Andrea Cipriani von der Universität Oxford 2009 eine Metaanalyse über 12 Antidepressiva veröffentlicht hatte, publiziert dieselbe Forschergruppe nun eine Studie mit vergleichbarer Methodik, in der seither neu eingeführte Substanzen mitberücksichtigt sind (1). Die Analyse umfasst 21 Antidepressiva.

Eingeschlossen wurden 522 doppelt verblindete, randomisierte Studien aus dem Zeitraum zwischen 1979 und 2016. In diesen Studien wurden 87 052 Patienten mit den verschiedenen Antidepressiva behandelt, 29 425 mit Placebo versorgte Patienten wurden in die Kontrollgruppen randomisiert. Die Patienten waren im Durchschnitt 44 Jahre alt und zu 62,3 % weiblich. Die primären Endpunkte der Analyse waren die Effektivität (response rate) und die Akzeptanz, ermittelt über die Rate der Therapieabbrüche aus jeglichem Grund.

Beide Kriterien wurden für einen Therapiezeitraum von 8 Wochen untersucht. Alle getesteten Wirkstoffe erwiesen sich als effektiver als Placebo, mit einer Spannweite in der Odds Ratio (OR) zwischen 2,13 (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,89; 2,41]) für Amitryptilin und 1,37 [1,16; 1,63] für Reboxetin. In der Wirksamkeit folgten auf Amitryptilin an 2. Stelle des Rankings Mirtazapin (OR: 1,89 [1,64; 2,20]) und an 3. Stelle Duloxetin (OR: 1,85 [1,66; 2,07]).

Bei der Akzeptanz schnitten mit einer gegenüber Placebo geringeren Wahrscheinlichkeit des Behandlungsabbruchs (dropout) Agomelatin (OR: 0,84 [0,72; 0,97]) und Fluoxetin (OR: 0,88 [0,80–096]) besonders gut ab, während Clomipramin eine höhere Abbruchrate hatte als Placebo (OR: 1,30 [1,01; 1,68]). Ebenfalls vergleichsweise hoch waren die Dropout-Raten für Levomilnacipran (OR: 1,19 [0,93; 1,53]), Reboxetin (OR: 1,16 [0,96; 1,40]) und Trazodon (OR: 1,15 [0,93; 1,42]).

Fazit: „Zwar hatten 7 andere Antidepressiva eine höhere Effektivität, doch wenn man die Akzeptanz der Patienten in die Bewertung einbezieht, sind vor allem 3 Medikamente empfehlenwert“, resümieren Sagar Parikh und Sidney Kennedy von der Klinik für Psychiatrie an der University of Michigan: Diese 3 Substanzen seien Agomelatin, Escitalopram und Vortioxetin (2). Eine direkte klinische Implikation der Metaanalyse sei, dass diese 3 „netto-effektivsten“ Antidepressiva als Mittel der ersten Wahl betrachtet werden könnten.

„Die Schwere der Depression und Patientencharakteristiken können dafür sprechen, andere sogenannte hocheffektive Medikamente wie Amitryptilin und Venlafaxin ebenfalls als First-line-Mittel in Erwägung zu ziehen.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Cipriani A, Furukawa TA, Salanti G, et al.: Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. Lancet 2018; 391: 1357–66.
  2. Parikh SV, Kennedy SH: More data, more answers: picking the optimal antidepressant. Lancet 2018; 391: 1333–4.

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