ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Der rastlose Georges Gilles de la Tourette

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Der rastlose Georges Gilles de la Tourette

Dtsch Arztebl 2018; 115(20-21): [52]

Schuchart, Sabine

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Georges Albert Édouard Brutus Gilles de la Tourette, so sein vollständiger Name, wurde am 30. Oktober 1857 im westfranzösischen Saint-Gervais-les-Trois-Clochers bei Loudun in eine Medizinerfamilie geboren. Der hochbegabte, wissensdurstige, extrem quirlige Schüler, dessen Leben so verheißungsvoll begann und tragisch endete, absolvierte mit 16 Jahren vorzeitig das Abitur. Anschließend schickten ihn die Eltern zum Studium an die Medizinische Fakultät von Poitiers. Paris kam als Studienort nicht infrage, weil befürchtet wurde, dort würde er sich dem Journalismus zuwenden, tatsächlich eine seiner späteren Leidenschaften. Nach glänzenden Examina in Poitiers setzte er 1881 seine medizinische Ausbildung in Paris an der Universitätsklinik Salpêtrière fort, deren Chefarzt, der berühmte Pathologe und Neurologe Prof. Jean-Martin Charcot, seit zwei Jahren den weltweit ersten Lehrstuhl für Krankheiten des Nervensystems innehatte.

1884 wurde Tourette zum Assistenzarzt Charcots ernannt und fand damit seine Berufung. Charcot förderte im Gegenzug seinen Lieblingsschüler und engsten Mitarbeiter, wo er nur konnte. Die Salpêtrière war damals mit 6 000 Betten die bedeutendste psychiatrische Anstalt Europas mit einem Forschungsschwerpunkt für sogenannte Hysterie-Erkrankungen und deren Therapie mittels Hypnose. Allein auf diesem Gebiet verfasste der unermüdliche Tourette von 1884 bis 1897 viele grundlegende Abhandlungen. Er bereitete die Hysteriepatienten für Charcots berühmte Dienstagsdemonstrationen vor, in denen jener die Hypnose öffentlich vorführte. Tourette selbst forschte intensiv über Epilepsie und Neurasthenie. Seit 1881 untersuchte er motorische Störungen und erkannte 1885 als Erster den Zusammenhang zwischen den vielfältigen Symptomatiken sogenannter Tic-Patienten – das von Charcot als „Maladie de Gilles de la Tourette“ bezeichnete Syndrom. Im gleichen Jahr promovierte Tourette und erhielt zusätzlich einen forensischen Lehrauftrag beim Rechtsmediziner Paul Brouardel. 1887 heiratete er seine Cousine Marie Detrois, mit der er vier Kinder haben sollte, und wurde mit 30 Jahren Chefarzt an der Salpêtrière. Doch seine grenzenlose Energie und sein rastloser Verstand verlangten nach mehr: In seiner Freizeit verfasste er unter anderem Literaturkritiken für die Wochenzeitung „La Revue Hébdomadaire“ und eine Biografie des Louduner Armenarztes Renaudot, den er verehrte. Kollegen beschrieben ihn als extrovertierte, unstete Persönlichkeit. Er befasste sich nur mit Dingen, die ihn interessierten, und machte sich durch seine offene, kritische Art Feinde. Seine Karriere ging deshalb nicht so voran, wie es Charcots Unterstützung und seine eigenen Verdienste eigentlich hätten erwarten lassen.

1893 war ein Schicksalsjahr für Tourette. Sein Sohn Jean starb an einer Meningitis und kurz darauf sein Mentor Charcot. Eine ehemalige Patientin schoss auf ihn, die glaubte, von den Ärzten der Salpêtrière durch Hypnose in den finanziellen Ruin getrieben worden zu sein. Tourette erholte sich schnell von der Verletzung. Doch in der Folgezeit verschlechterte sich seine Gesundheit nach einer Syphilisinfektion stetig. Im Jahr 1900 brillierte er noch als Chefamtsarzt der Pariser Weltausstellung. Aber schon 1901 musste er seine Arbeit im Krankenhaus wegen Verwirrtheitszuständen, Depressionen und Anfällen von Größenwahn infolge seiner Neurosyphilis aufgeben. Im Mai 1901 wurde der völlig Verzweifelte gegen seinen Willen in der Nervenklinik Cery bei Lausanne zwangsinterniert. Dort starb er 1904 in Anwesenheit seiner Familie – mit nur 46 Jahren. Sabine Schuchart

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Foto: Wikipedia

1885 publizierte Georges Gilles de la Tourette (1857–1904) sehr differenziert neun Fälle motorischer und vokaler Tic-Störungen und deren weitere Verhaltensauffälligkeiten wie eventuell auftretende obszöne Äußerungen (Koprolalie) – ein komplexes neuropsychiatrisches Krankheitsbild, das auf Veranlassung seines Chefs Jean-Marie Charcot fortan seinen Namen trug. Jedoch geriet das vielgestaltige Syndrom zunächst in Vergessenheit und gelangte erst 1978 mit der umfassenden Darstellung durch die Amerikaner A. und E. Shapiro, die Tourettes klinische Beobachtungen bestätigten, wieder in den Fokus. In seine Studie hatte Tourette die erste medizinische Beschreibung einer Tic-Störung 1825 durch Jean Marc Itard bei der mit sieben Jahren erkrankten Marquise de Dampierre eingeschlossen. Ältere literarische Schilderungen lassen vermuten, dass bereits Berühmtheiten wie Molière, Mozart und Napoleon am Tourette-Syndrom litten.

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