ArchivDeutsches Ärzteblatt20-21/2018Krankenhäuser: Gezinkte Karten
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Die Stellungnahmen der Politik und Klassenvertreter sind nicht neu. Deutschland habe zu viele Betten, die Qualität sei nur in Großkliniken gut. Dann werden die Niederlande als tolles Vorbild herangezogen, dort sei alles besser.

Doch die Statistiker spielen mit gezinkten Karten. Schon vor Jahren hat Windhorst, Kammerpräsident in Westfalen, publiziert, dass die Bettenauslastung drastisch steigt, wenn man Sonn-/Feiertage herausrechnet. Das ist der Grund, warum es immer wieder Probleme bei Notaufnahmen wegen Bettenmangel gibt. Auch zu den niedrigen Bettenzahlen in den Niederlanden hat noch niemand geschrieben, wo denn bei den jeden Winter vorkommenden Überlastungen der Kliniken mit alten Patienten mit Norovirus oder Atemwegserkrankungen die Kranken im Nachbarland behandelt werden. Offenbar gibt es dort auch außerhalb der Kliniken andere Strukturen. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen oder wir werden nur ausschnittweise informiert. ...

Zum Mangel an Pflegekräften und zu den geforderten Mindestbesetzungszahlen meine ich, Pflegekräften und Ärzten wäre am meisten gedient, wenn sie von unsinnigen Arbeiten befreit würden, Kassenanfragen, MDK-Gutachten, Bescheinigungen, Entlassmanagement, Kodierung und Dokumentation bis ins Detail, exzessive Aufklärung und deren Dokumentation etc. Alle diese Vorgaben haben übrigens die Politiker verordnet, die jetzt über den Pflegekräftemangel lamentieren. ...

Die Realität ist doch folgende: Deutschland ist ein Flächenstaat, in dem sich nicht alles in Zentren zusammenfassen lässt. Elektive Patienten aus den Niederlanden lassen sich zunehmend in grenznahen deutschen Kliniken behandeln. Warum? Mehrmals im Jahr werden unsere Krankenhäuser von Patientenwellen, oft aus den Pflegeheimen und der häuslichen Pflege, überlaufen, für die es oft keine Betten oder zumindest keine Bettstellplätze mehr gibt. Immer dann haben wir in Krisensitzungen festgestellt, dass es auch in den anderen Häusern der Umgebung keine freien Betten mehr gab. ... Wer denkt an die Vorsorge für den Katastrophenschutz der Bevölkerung?

Übrigens: In solchen Zeiten von Krankheitswellen sind auch Ärzte und Pflegekräfte oft nicht gesund. Die Arbeitsbelastung steigt dann über das zu verantwortende Maß. Es werden Überlastungsanzeigen geschrieben, aber was soll man machen? Aus Verantwortungsgefühl heraus versuchen die Übriggebliebenen das Beste für die Patienten zu leisten. Untergrenzen helfen hier auch nicht, die Schließung von Betten, was soll die bringen, wenn schon keine Betten mehr zu finden sind? Werden dann die oft alten Patienten schnell wieder entlassen, kommt es zu Beschwerden, Drohungen und Beschimpfungen durch Angehörige, Pflegeheimbetreiber und Hausärzte. ... Politisch verkauft wird das alles als Qualitätssteigerung durch Zentralisierung. ...

Dr. med. Walter Linde, 40822 Mettmann

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