ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Sozialraumanalysen zur Gesundheitsplanung
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Von dem beschriebenen Thema habe ich erstmals vor zwölf Jahren gehört. In Essen wurde ein Infarktnetzwerk eingerichtet, das die Stadt in vier etwa bevölkerungsgleiche Sprengel einteilte, für die jeweils ein Krankenhaus zuständig wurde. Zur Überraschung der Beteiligten waren die Zahlen der zu versorgenden Infarkte in der Folge äußerst abweichend, da der Essener Norden und Süden sehr unterschiedlich sozial strukturiert waren, was nicht bedacht worden war. Prof. Michael Haude, heute in Neuss, hat über die Zusammenhänge seinerzeit berichtet.

Den Artikel von Hanefeld et al. (1) begrüße ich ansonsten uneingeschränkt und freue mich über den Mut zur Veröffentlichung.

Im Jahr 2015 wurde in Bayreuth ein kardiologischer Chefarzt entlassen, weil er laut einem bevölkerungsbasierten Gutachten erheblich zu viele katheterbasierte Eingriffe durchgeführt habe. Der Fall brachte es als Medizinskandal in die Medien, unter anderem in den SPIEGEL. Gemeinsam mit dem auf Sozialraumanalysen spezialisierten Statistiker Alfred Müller, München, hatte ich ohne Auftrag anhand eines Deprivationsindex die Ergebnisse nachvollzogen. Diese Indizes werden in Ländern mit planender Gesundheitspolitik herangezogen, um Strukturen und Bedarfe anzupassen.

Das Ergebnis war, dass der Chefarzt nicht viel zu viele, sondern etwas zu wenige Eingriffe durchgeführt hatte. Die zugrunde liegenden Berechnungen kann man bei internationalen Tagungen der Ökonomen vortragen, bei deutschen Kardiologen werden diese nicht einmal als Poster gewünscht. Auch eine Botschaft von Hanefeld et al. ist somit, dass wir sozioepidemiologisch in Deutschland hinter dem Mond leben. Jeder mittlere Gesundheitsplaner in Dänemark oder in England führt derartige sozialräumliche Analysen als Fingerübung durch; bei uns ist dies ein bemerkenswertes Ereignis.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0384a

Dr. med. Steffen Wahler

Hamburg

steffen.wahler@t-online.de

1.
Hanefeld C, Haschemi A, Lampert T, et al.: Social gradients in myocardial infarction and stroke diagnoses in emergency medicine—an analysis of socioeconomic regional disparities in a German city. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 41–8 VOLLTEXT
1.Hanefeld C, Haschemi A, Lampert T, et al.: Social gradients in myocardial infarction and stroke diagnoses in emergency medicine—an analysis of socioeconomic regional disparities in a German city. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 41–8 VOLLTEXT

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