ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996Stiftung Domnick: Schwarze Psychogramme

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Stiftung Domnick: Schwarze Psychogramme

Händler, Ruth

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LNSLNS Hinter einer hohen Hecke im Landschaftsschutzgebiet der schwäbischen Kleinstadt Nürtingen liegt Nord-Württembergs außergewöhnlichstes Kulturdenkmal: der Betonbungalow, den sich der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie Ottomar Domnick 1967 als Wohnhaus und als Museum für seine Sammlung mit etwa 250 Werken der abstrakten Nachkriegsmoderne bauen ließ. Nach dem Tod von Domnicks Witwe und Arztkollegin Greta gingen 1991 das Anwesen mit dem von Domnick angelegten Park der Eisenplastiken, die Gemäldekollektion und das Vermögen des Ehepaares an das Land Baden-Württemberg. Nach einer Renovierungsphase ist das Privatmuseum jetzt der Öffentlichkeit zugänglich.
Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg hat Ottomar Domnick mit dem Aufbau seiner Sammlung zeitgenössischer abstrakter Kunst und mit der Vermittlung der damals noch gewöhnungsbedürftigen Bilder eines Willi Baumeister (1889 bis 1955), eines Fritz Winter (1905 bis 1976) oder eines Hans Hartung (1904 bis 1989) begonnen. Als Museen und Ausstellungsinstitute noch in Schutt und Asche lagen, lud Domnick in die Räume seiner Stuttgarter Praxis ein, die er mit seiner Frau Greta betrieb. Dort veranstaltete er einen Vortrags- und Ausstellungszyklus zur abstrakten Malerei. Er gab im Eigenverlag die erste Monografie über den in Paris lebenden Hans Hartung, einen der Hauptvertreter der "Ecole de Paris", heraus, organisierte in Paris die erste Nachkriegsausstellung mit Werken zeitgenössischer deutscher Künstler und stellte Bilder französischer Gegenwartsmaler für eine Wanderschau durch sieben deutsche Städte zusammen. Als besessener Kunstsammler hatte der Psychiater von Anfang an ein Faible für schwarze Bilder und für die Frühwerke der Maler. In ihnen erblickte der "abstrakte Dominikaner", wie er nicht nur bei seinen Kollegen genannt wurde, den bildnerischen Ausdruck für seelische Gestimmtheiten. Im Gegensatz zu anderen Kunstsammlern war Domnick auch selbst kreativ tätig: Der Film wurde ihm adäquates Medium, um eine an der Kunst geschulte abstrahierende Sicht in bewegte Bilder zu übersetzen: Nach seinem didaktischen Kurzfilm "Neue Kunst – Neues Sehen" (1951) und seinem Dokumentarfilm über Willi Baumeister, der mit 19 Arbeiten in der Sammlung Domnick vertreten ist, feierte der Psychiater internationale Erfolge mit seinem ersten Spielfilm "Jonas" (1957).
In dem quadratischen, fast fensterlosen, nach außen abweisenden Domnickschen Haus, dessen asketischer Innenraum auf verschiedenen, offenen Ebenen ganz der Kunst untergeordnet ist, empfangen die Besucher jetzt Bilder, Kleinplastiken und die sachlich-moderne Möblierung als ein Gesamtwerk Domnicks.
Die Stiftung Domnick ist dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Ruth Händler
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