ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Psychotherapie und Gesellschaft: Unbequeme Antworten eines erfahrenen Therapeuten

MEDIEN

Psychotherapie und Gesellschaft: Unbequeme Antworten eines erfahrenen Therapeuten

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1066 / B-896 / C-892

Maier, Christian

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Gibt es einen stringenten Zusammenhang zwischen der Zunahme depressiver Erkrankungen und den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen? Diese Frage bildet den roten Faden im aktuellen Buch des Psychoanalytikers Wolfgang Schmidbauer, in dem der Autor ein Kaleidoskop von durchweg unbequemen Antworten entfaltet. Es sind engagierte Thesen eines erfahrenen Psychotherapeuten, oft an Fallvignetten einleuchtend belegt, in soziologischen Bezügen bisweilen zwangsläufig spekulativ, mit denen – ob man sie nun gerne hört oder lieber zurückweisen möchte – sich jeder Arzt und Psychologe auseinandersetzen sollte.

Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist ein Abwehrarrangement, das Schmidbauer in bewusster Überspitzung „manische Abwehr“ nennt: Kränkungen und Enttäuschungen werden verleugnet und in verstärktes Leistungsstreben überführt – mit dem potenziell pathogenen Wunsch nach „perfekter Geltung“ als Resultat. Das nun verstärkte Angewiesen-Sein auf narzisstische Gratifikationen zwingt dem Ich die „kannibalische Dynamik“ der Konsumgesellschaft auf. So vollziehe sich die Verwandlung des Homo sapiens in den Homo consumens. Zwangsläufig führten dann die Zusammenbrüche der manischen Abwehr, die enttäuschtes Begehren der Vermarktung zutreibe, zu seelischem Leiden, zu Angstzuständen und Depressionen. Aber die seelische Not – und hier trifft der Autor die zentrale Schwachstelle des gegenwärtigen psychiatrisch-psychotherapeutischen Systems – wird schon seit Langem nicht mehr in ihren individuell-psychischen und gesellschaftlichen Ursachen erforscht. An die Stelle eines Nachdenkens über Zusammenhänge zwischen Psyche und Gesellschaft sind der unbedingte Glaube an die Antidepressiva und eine abstrakte Gehirnmythologie, die von den gesellschaftlichen Verhältnissen ablenkt, getreten. Diese Lücke fülle der Markt: „Geiz ist nicht geil, und Medikamente sind keine Lösung, wenn Menschen unglücklich sind.“ Schmidbauer versteht die Depressionen in der westlichen Welt als einen Prozess, der unter einer Oberfläche abläuft und sich vervielfältigt in einer Kultur, „in der Anpassung an die Dyade von normierter Leistung und normalem Konsum oberstes Gebot ist“. Wie sich all das auf die individuelle Psyche auswirkt, auf Glückserwartungen und damit auch auf die Paarbeziehungen, beleuchtet dieses Buch, dem man möglichst viele Leser wünschen kann. Christian Maier

Anzeige

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft. Oekom Verlag, München 2017, 256 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema