ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Verwirrung um die Karte

POLITIK

Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Verwirrung um die Karte

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1038 / B-874 / C-870

Krüger-Brand, Heike E.

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Spekulationen um das Aus der elektronischen Gesundheitskarte haben sich bislang nur als ein Gerücht erwiesen. Als zusätzliches Zugangsmedium für die geplante hochsichere Tele­ma­tik­infra­struk­tur rückt jedoch das Smartphone in den Blick.

Foto: picture alliance

Medienberichte von Mitte Mai, wonach Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) angeblich darüber einig seien, dass die elektronische Gesundheitskarte (eGK) „nicht zukunftsfähig“ ist, haben sich zwar als unzutreffend erwiesen. Die Spekulationen über ein baldiges Ende der eGK kommen jedoch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn nach jahrelangen Verzögerungen und Diskussionen hat das Projekt in diesem Jahr endlich Fahrt aufgenommen.

Diskussionen kosten Vertrauen in das Projekt

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Circa 25 000 Arztpraxen sind inzwischen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) angeschlossen, wenn auch ausnahmslos Kunden des Marktführers für Praxisverwaltungssysteme. Weitere Konnektorhersteller stehen jedoch in den Startlöchern, und viele Arzt- und Psychotherapeutenpraxen bereiten sich gerade auf die Anschaffung der notwendigen Geräte vor, denn bis zum Jahresende sollen laut E-Health-Gesetz alle Praxen an die TI angeschlossen sein. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verhandelt derzeit mit dem GKV-Spitzenverband über eine Anpassung der Finanzierungsvereinbarung, da die Erstattungsbeträge für den TI-Anschluss der Praxen ab dem dritten Quartal vermutlich nicht kostendeckend sein werden. Die neu angefachte Grundsatzdiskussion ist daher für das Vertrauen aller Akteure in das Projekt fatal und trägt nicht gerade dazu bei, dass sich die Praxen zügig an das Gesundheitsnetz anschließen. Langjährige Kritiker indes dürften sich bestätigt fühlen.

„Jeden Tag wird zum Thema TI-Rollout eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Die Unsicherheit bei den Ärzten und Psychotherapeuten wächst von Tag zu Tag. Dieser Zustand ist aus unserer Sicht unerträglich“, monierte etwa der Vorstandsvorsitzende der Kassenärzlichen Vereinigung Niedersachsen, Mark Barjenbruch.

„Gelten bestehende Gesetze nun nicht mehr? Ich verlange Klarheit von der Politik – und zwar nicht nur für uns, sondern in erster Linie für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen“, erklärte Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Zwar habe Minister Spahn mittlerweile erklärt, dass in jedem Falle ein sicheres Netz für alle Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken gebraucht werde. „Nach diesem öffentlichen Hin und Her steht fest: Wir brauchen eine verbindliche Aussage des Ministers, ob das derzeit geltende Gesetz Bestand haben wird, oder ob es geändert werden soll“, forderte Gassen.

Auf dem Höhepunkt der Verwirrung sah sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) dazu veranlasst, in einem Brief an die Körperschaften der Selbstverwaltung für mehr Klarheit zu sorgen. „Das BMG hält am Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur fest“, schreibt darin Dr. Gottfried Ludewig, Leiter der neuen Abteilung Digitalisierung und Innovation im Ministerium. Dieser umfasse „die flächendeckende Installation der Konnektoren im ambulanten Bereich wie auch die Planungen zum Anschluss des stationären Bereichs und der Apotheken einschließlich der erforderlichen E-Health-Terminals für die Leistungserbringer“. Darüber hinaus soll auch der Pflegebereich an das sichere Gesundheitsnetz angeschlossen werden.

Ludewig bittet daher die Akteure der Selbstverwaltung, „alle laufenden Verfahren zur Unterstüzung des Aufbaus der TI fortzuführen und alle Schritte zu unternehmen, um diesen Aufbau weiter zu beschleunigen oder bestehende Verfahrensprobleme (zum Beispiel Erstattungsverhandlungen) schnellstmöglich zu lösen“.

Parallel dazu will das BMG jedoch den Zugang für die Versicherten zur TI erleichtern. Mit Blick auf künftige Projekte wie die elektronische Patientenakte oder das E-Rezept gelte es, die digitalen Gesundheitsangebote stärker als bisher von den Bedürfnissen der Versicherten her zu denken, schreibt Ludewig. Hier kommt das Smartphone ins Spiel. Laut Spahn wünschten sich die Patienten „einen schnellen, einfachen und sicheren Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten – am liebsten per Handy und nicht über den Desktop zu Hause. Das sollten wir ermöglichen“, so der Minister in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Gemeint sei damit jedoch nicht der vollständige Ersatz des Zugangs durch eGK und Kartenlesegerät, sondern die Erweiterung des geplanten Systems um weitere (mobile) Authentifizierungsverfahren, die der Versicherte optional nutzen kann, stellt Ludewig in seinem Schreiben klar. Das entspreche „der Lebensrealität vieler Versicherter und muss entsprechend in den Planungen ergänzt werden“. Eine Veränderung der Zugänge im Bereich der Leistungserbringer ist ihm zufolge dagegen nicht in Planung. Details zur Ausgestaltung sollen spätestens nach der Sommerpause vorgestellt werden, kündigte er an.

Damit befindet sich das Ministerium im Einklang mit Forderungen aus der Ärzteschaft. So hat sich der diesjährige Deutsche Ärztetag in Erfurt für die Aufnahme von Mobile-Health-Anwendungen (Apps) in die GKV-Versorgung ausgesprochen, und auch die KBV sieht mobile Anwendungen als wichtigen nächsten Schritt für die TI an. Daher setzt sie sich in der Betreibergesellschaft gematik dafür ein, dass auch mobile Anwendungen zugelassen werden.

Allerdings gilt für die Kommunikation zwischen medizinischen Einrichtungen das höchstmögliche Sicherheitslevel. „Heute besitzen die meisten Menschen Smartphones, mit denen sie kommunizieren, Musik streamen oder auch ihren Blutzuckerspiegel kontrollieren. Warum sollten dann nicht auch Ärzte ihre Berichte oder Bilder von Röntgenaufnahmen zum Beispiel per WhatsApp an den Kollegen senden? Die Antwort ist ganz einfach: Weil das viel zu unsicher ist. Es geht um sensible Gesundheitsdaten“, erläutert KBV-Vorstandsmitglied Dr. rer. soc. Thomas Kriedel im KBV-Heft Praxiswissen.

Verbindung von Karte und Smartphone wird kommen

Ihm zufolge wird jedoch daran gearbeitet, die eGK mit dem Smartphone zu verbinden. „Technisch wäre das mit der ,Near field communication‘ längst möglich. Dabei legt man die Karte einfach nur auf das Handy. Die Kassen müssten die Karten dafür lediglich technisch erweitern“, sagte Kriedel bei der diesjährigen KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung am 7. Mai. Aus Sicht der KBV wäre es daher unklug, auf die eGK als „Sicherheitsanker für die digitale Kommunikation“ (Kriedel) zu verzichten.

Auch aus Sicht des GKV-Spitzenverbands ist die gesetzliche Vorgabe, dass nur die Gesundheitskarte als Authentifizierungsmittel für das sichere Gesundheitsnetz zugelassen ist, „nicht mehr zeitgemäß“, so Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes in einer Stellungnahme. „Um hier die Möglichkeiten zu erweitern, braucht es allerdings eine Gesetzesänderung.“ Das Gesundheitswesen müsse gemeinsam mit der Politik schneller als bisher auf den digitalen Fortschritt reagieren. Ziel sei es, dass die Versicherten jederzeit über eine App an ihre Patientendaten kommen können, erklärte Pfeiffer.

Wie sich dabei die Anforderungen an höchstmögliche Sicherheit im Umgang mit den sensiblen Gesundheitsdaten der TI einerseits und möglichst einfache Zugangswege für die Patienten zu diesen Daten andererseits vermitteln lassen, bleibt abzuwarten. Klar ist aus Sicht des BMG, dass für alle weiteren Anwendungen der TI „die Sicherstellung von Interoperabilität, Sicherheit, Schnittstellenoffenheit und das Setzen von Standards elementar sind. In diesem Bereich müssen wir schneller werden“, so Ludewig. Im Hinblick darauf würden Struktur und Organisation der gematik in den nächsten Monaten überprüft. Heike E. Krüger-Brand

Kommentar

Michael Schmedt, Deutsches Ärzteblatt

Da sind sie wieder: Die Zweifel an der elektronischen Gesundheitskarte (eGK). Und dieses Mal sogar von höchster Stelle in die Republik getragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit ihrer Aussage, Jens Spahn „freie Hand“ bei Entwicklung von Alternativen zur eGK lassen zu wollen, für Wirbel gesorgt. Man mag darüber spekulieren, warum Merkel sich plötzlich zu solchen Äußerungen zur eGK hinreißen lässt, sinnvoll war dieses Vorgehen nicht. Unbestritten ist die Einführung der eGK ein Ultramarathon, aber die gebetsmühlenartig kritisierten Ausgaben von einer Milliarde Euro sind nicht in die Entwicklung der Karte geflossen, sondern in die der Tele­ma­tik­infra­struk­tur, die die Sicherheit im Umgang mit den sensiblen Daten gewährleisten soll. Ob der Zugang zu dieser Struktur mit einer Karte oder einer mobilen Anwendung erfolgt, ändert nichts an der Notwendigkeit einer solchen Struktur. Mobile Anwendungen müssen entwickelt werden, ohne Frage. Und mal pragmatisch gedacht: Bislang hat noch niemand gefordert, die EC-Karten abzuschaffen, um mit dem Smartphone vor dem Bankautomaten Geld abzuheben.

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