ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Niedergelassene Ärzte: Weiter Streit um Sprechzeiten

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Niedergelassene Ärzte: Weiter Streit um Sprechzeiten

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1037 / B-873 / C-869

Korzilius, Heike

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Die Ärzte wehren sich gegen Pläne der großen Koalition, die Sprechstundenzeiten der Niedergelassenen zu erhöhen. Doch der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter zeigt sich unbeeindruckt.

Zu wenig Zeit für die Patienten? Niedergelassene Ärzte arbeiten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge im Schnitt 53 Stunden pro Woche. Foto: picture alliance
Zu wenig Zeit für die Patienten? Niedergelassene Ärzte arbeiten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge im Schnitt 53 Stunden pro Woche. Foto: picture alliance

Die Kritik ebbt nicht ab. Seit die große Koalition im Kampf gegen die aus ihrer Sicht zu langen Wartezeiten auf Arzttermine im März ankündigte, die Sprechstunden der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte auszuweiten, hagelt es Widerspruch. Erst Anfang Mai wies der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt die Pläne der Bundesregierung zurück. Das sei ein „nie dagewesener Eingriff in die ärztliche Selbstverwaltung“, kritisierte das Ärzteparlament.

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Tatsächlich regeln bislang die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband im Bundesmantelvertrag selbst, in welchem Umfang Vertragsärzte Sprechstunden für gesetzlich krankenversicherte Patienten anbieten müssen. Zurzeit sind bei vollem Versorgungsvertrag mindestens 20 Stunden wöchentlich vorgeschrieben. Nach dem Willen von Union und SPD sollen es künftig 25 Stunden sein. Und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) lässt keinen Zweifel daran, dass er diesen Plan auch umsetzen will, wie er zuletzt auf dem Ärztetag bekräftigte.

Was die Ärzte aufbringt, ist zweierlei. Zum einen wehren sie sich gegen die unterschwellige Unterstellung, sie arbeiteten zu wenig. So wies beispielsweise der Deutsche Hausärzteverband Ende Mai darauf hin, dass niedergelassene Ärzte bereits heute im Schnitt 53 Stunden pro Woche arbeiteten. Die Zahlen stammen aus dem Ärztemonitor der KBV von 2016. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Praxis-Panel des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), an dem sich 2014 mehr als 4 000 Praxen beteiligten. Das Zi analysierte damals, dass die Ärzte etwa ein Drittel ihrer Arbeitszeit ohne direkten Kontakt zum Patienten verbringen, indem sie dokumentieren, Arztbriefe schreiben, ihre Praxen managen oder, wie der Hausärzteverband betont, Hausbesuche machen.

Patienten besser steuern

Zum anderen weist die KBV immer wieder darauf hin, dass mögliche Terminprobleme nicht ausschließlich von den Ärzten gelöst werden könnten. Es mangele vor allem an einer sinnvollen Steuerung der Patienten durch das Gesundheitssystem. Schützenhilfe erhielt die KBV vom Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer. Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery sagte Ende Mai der Rheinischen Post, das Problem, dass nicht jeder Patient für alles innerhalb weniger Stunden seinen Wunscharzt aufsuchen könne, werde mit einer Ausweitung der Sprechstundenzeiten nicht gelöst.

Zahlen, die darüber Aufschluss geben, ob die Vertragsärzte ihrer Sprechstundenpflicht nachkommen, gibt es nicht. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen (Drucksache 19/2061) hervor. Dabei sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) seit 2015 verpflichtet, jährlich zu prüfen, ob die Vertragsärzte ihren Versorgungsauftrag erfüllen. Nachfrage bei einer der mitgliederstärksten KVen: In Nordrhein sei erstmalig Ende 2017 geprüft worden, heißt es dort. Die Daten würden zurzeit ausgewertet. Mit Ergebnissen rechne man im Spätsommer oder Herbst. Den Gesetzentwurf zur Erhöhung der Sprechzeiten will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium allerdings noch vor der Sommerpause vorlegen, wie aus der Antwort auf die Anfrage der Grünen hervorgeht. Derweil hat der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen klargestellt, dass den Vertragsärzten die gesetzlich verordnete Mehrarbeit eins zu eins vergütet werden müsse. Heike Korzilius

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