ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Psychologische Betreuung auf Intensivstationen: Belastende Grenzsituationen

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Psychologische Betreuung auf Intensivstationen: Belastende Grenzsituationen

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1052 / B-885 / C-881

Bühring, Petra

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Aufgrund der hohen Rate an posttraumatischen Belastungsstörungen von Patienten nach intensivmedizinischer Behandlung, wird eine psychologisch/therapeutische Versorgung direkt auf Intensivstationen gefordert.

Patienten auf hochtechnisierten Intensivstationen erleben häufig Kontroll- und Intimitätsverlust. Foto: Science Photo Library
Patienten auf hochtechnisierten Intensivstationen erleben häufig Kontroll- und Intimitätsverlust. Foto: Science Photo Library

Die Arbeit auf Intensivstationen ist für Ärzte und Pflegekräfte oft eine Herausforderung. Der beständige Einsatz von Medizintechnologie, der hohe Geräuschpegel, schwerstkranke Patienten in Krisen oder Todesnähe, die Konfrontation mit Angehörigen, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. „Das sind Grenzsituationen für das Personal, aber natürlich auch für die Patienten und deren Angehörige“, sagt Dr. phil. Katharina Tigges-Limmer, Medizinpsychologin der Klinik für Thorax- und Kardiovakularchirurgie am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen. Neben der Sorge um die eigene Genesung, den wechselnden Bewusstseinszuständen durch die Erkrankung oder durch medikamentöse Sedierungen sei der Patient auf Intensivstationen belastet durch Kontrollverlust, Intimitätsverlust und die permanente Unruhe. „Das Setting für eine Traumatisierung ist gelegt“, sagt die Medizinpsychologin gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das gleiche gelte für Angehörige in einer Situation, in der die Ängste um den geliebten Menschen, vor dessen Tod dominieren.

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Psychologen nicht abgebildet

Während der routinierte Umgang mit medizinischen Notfällen charakteristisch für die Intensivmedizin ist, spiele das psychosoziale Krisenmanagement bisher aber kaum eine Rolle auf Intensivstationen, da Psychologen als Fachkräfte nicht in der intensivmedizinischen Komplexbehandlung abgebildet seien, kritisiert Dr. rer. nat. Teresa Deffner, Stationspsychologin an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Jena (1). Obwohl Berufsverbände wie die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) eine fachspezifische psychologische Betreuung „aufgrund der hohen Rate an posttraumatischen Stressstörungen und ähnlichen Krankheitsbildern bei Intensivpatienten mit und ohne Unfalltrauma“ fordern, gibt es keinen Überblick darüber, wie häufig sie auf Intensivstationen angeboten wird. Prof. Dr. med. Uwe Janssens, Leiter der Sektion Ethik der DIVI, führt jedoch derzeit dazu eine Befragung in den Kliniken durch.

Die Betreuung von Patienten und Angehörigen in psychischen Krisensituationen muss daher zumeist auch noch von Ärzten und den Pflegekräften übernommen werden. „Diese Situation erleben alle Beteiligen als unbefriedigend und belastend“, so Deffner. Auch die im Krankenhaus übliche psychologische Betreuung über den Konsil- und Liaisondienst reiche für Intensivpatienten und deren Angehörige nicht aus, da diese meist für mehrere Stationen zuständig sind.

Versorgungslücke schließen

„Psychologische Betreuung auf Intensivstationen schließt eine wichtige Versorgungslücke, indem Traumatisierungen verhütet und langfristige psychische Störungen verhindert werden“, ist Tigges-Limmer überzeugt. Das Herz- und Diabeteszentrum NRW leistet sich ein solches Angebot nicht nur für die Intensivmedizin, sondern für die gesamte herzchirurgische Abteilung – und steht damit als Leuchtturm da. Patienten werden dort bei Bedarf über alle Stationen und auch anschließend ambulant von einem Bezugspsychotherapeuten aus ihrem Team versorgt. „Wir arbeiten mit den Patienten ressourcenaktivierend und verwenden hypnotherapeutische Techniken zur Schmerzbewältigung und um zur Ruhe zu finden“, berichtet die Psychologische Psychotherapeutin. Die Angehörigen werden in Bad Oeynhausen darin unterstützt, Selbstfürsorge zu betreiben und sich Hilfe aus ihrem sozialen Netz zu holen. Sie sollen ihrem Schmerz auch emotionalen Ausdruck geben, damit dieser nicht somatisiert.

Die Medizinpsychologin Tigges-Limmer fände es wichtig, dass die psychologische Bearbeitung von Belastungen auf Intensivstationen DRG-relevant würde, damit die Leistung flächendeckend zum Einsatz kommen kann. Zurzeit sind die Kliniken davon noch weit entfernt. Petra Bühring

1.
Deffner T: Konzeptuelle Überlegungen für die psychologische Arbeit auf Intensivstationen. Anästh Intensivmed 2017; 58: 248–58 .
1.Deffner T: Konzeptuelle Überlegungen für die psychologische Arbeit auf Intensivstationen. Anästh Intensivmed 2017; 58: 248–58 .

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