ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Pflege- und Ärztemangel: Verstehen reicht nicht

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Pflege- und Ärztemangel: Verstehen reicht nicht

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1029

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Dass der Staat auf die inzwischen unübersehbaren Mangelsituationen im Bereich der Pflege, aber auch der ärztlichen Versorgung nicht reagiert, kann keiner mehr behaupten: Beabsichtigte 13 000 per Finanzierung über die gesetzlichen Krankenkassen geregelte zusätzliche Stellen in der Altenpflege, eine angekündigte Erhöhung der Sprechstundenzeiten für niedergelassene Ärzte um 25 Prozent, ein Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, der sagt: „Wir haben verstanden“, ein Bundespräsident, der anmahnt, Pflege müsse „auf der politischen Agenda erste Priorität bekommen“ und anderes mehr – alle Hebel scheinen auf Aktivismus umgelegt. Und nun?

Was tun, wenn der Gesetzgeber Dritten Handlungszwang auferlegt? Woher sollen die Pflegeeinrichtungen Personal nehmen, wenn zwar Geld da, der Stellenmarkt aber leergefegt ist? Wie will man Ärzten, die im Schnitt bereits weit über 50 Stunden in der Woche arbeiten, zusätzliche Sprechzeiten abtrotzen, wenn schon heute Budgetierungen den selbstständig arbeitenden niedergelassenen Ärzten mit einem „Mehr“ an Patienten, sprich: zusätzlichen Behandlungskosten, im Zweifel auch noch Regresse aufbürdet? All das ist noch nicht zu Ende gedacht, wenn es das System entlasten soll.

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In der Pflege sind zumindest Anreize im Gespräch, die beispielsweise zum Wiedereinstieg ausgebildeter Kräfte animieren sollen (siehe Seite 1042 in dieser Ausgabe). Einstellungen von Kräften aus dem Ausland sollen, so Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), in Absprache mit der Welt­gesund­heits­organi­sation erfolgen, um nicht andernorts Versorgungslücken zu reißen. Gelder für die Ausbildung sind genauso im Gespräch wie eine allgemeine Aufwertung des Pflegeberufs. Das Problem: es muss schnell gehen. Der Bedarf ist heute schon sehr hoch und steigt weiter.

Was die ärztliche Seite angeht, so haben Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery wie auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, bereits angekündigt, dass das, was gefordert wird, ohne zusätzliche Mittel nicht zu bewältigen ist.

Wer genau hinhört, bekommt auch mit, dass nicht nur Geld, sondern vor allem ein Abbau von Bürokratie notwendig ist, wenn der Status quo mehr Raum für zusätzliche Sprechstundenzeiten bringen soll. Viele Denkansätze aus der Politik versprechen eher Gegenteiliges. Der KBV-Vorsitzende Gassen moniert beispielsweise, dass die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium geplante „Soll-Bestimmung“ zu Versorgungsverträgen zwischen Pflegeheimen und Ärzten in ein „Muss“ geändert werden soll, kombiniert mit einer dreimonatigen Frist, in der die ärztliche Selbstverwaltung für entsprechenden Vollzug zu sorgen habe. Das ist nicht weniger, sondern unweigerlich mehr Bürokratie.

Jens Spahn hat auf dem Deutschen Ärztetag in Erfurt zur gemeinsamen Arbeit an den Problemen aufgefordert. Das signalisiert die Absicht, die Dinge im Dialog zu klären. Vonseiten der Ärzteschaft wurden bis dato viele Vorschläge gemacht, wie in dem über Jahre mühsam austarierten System noch Beinfreiheit für die Ärzte und ihre Selbstverwaltung geschaffen werden kann, ohne zu schaden. Es ist an der Zeit, auch diese Vorschläge zu besprechen und sie einer Lösung zuzuführen. Das Signal muss vom Gesetzgeber kommen. So wirklich verstanden wurde, worum es geht, kann man ja jetzt gemeinsame Wege für vernünftiges Handeln suchen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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