ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Organspende: Mehr als ein Systemwechsel
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... Fakt ist, dass die ethische Problematik der Organentnahme dringend diskutiert werden muss, nachdem ein gesellschaftlicher Konsens bisher nicht herbeigeführt worden ist. In diesem Mangel und der Unsicherheit, ob der Hirntod wirklich mit dem Tod des ganzen Menschen gleichzusetzen sei, liegen wesentliche Gründe für den beklagten Rückgang der „Spendenbereitschaft“. Eine breitere und ergebnisoffene Diskussion zu diesen strittigen Fragen findet jedoch weder in Ärztekreisen noch in relevanten anderen wissenschaftlichen Gesellschaften statt und wird, wo sie doch einmal entbrennt, wegen der schwierigen Todesproblematik meist rasch abgewürgt.

Für den betroffenen Spender geht es um sein Leben, seinen Leib, seine Organe. Schon die innere Auseinandersetzung über die Verfügung lebender Organe bei noch nicht endgültig eingetretenem Tod verlangt jedoch eine innere Auseinandersetzung, zu der nicht jeder Mensch in der Lage ist. Ein Übergang zur Widerspruchslösung in der existenziellen Frage von Leben und Tod ist mehr als nur ein Systemwechsel. Er ist mit einer „Umkehr der Beweislast“ vergleichbar, die dem Organmangel durch eine Art List abhelfen soll: Statt freiwillig seine Organe anzubieten, muss der Spender nun erklären, dass er/sie ihr widerspricht. Rechnet eine solche Vorentscheidung nicht vor allem auf die Nachlässigkeit vieler Menschen, sich vor unbequemen und gefährlichen Entscheidungen zu drücken bzw. sie, so lang es geht, hinauszuschieben?

Kurz, es gibt gute Gründe, die bisher geltende Zustimmungslösung gegenüber der Widerspruchslösung zu bevorzugen. Nur sie wird zumindest ansatzweise einem entscheidenden ethischen Aspekt gerecht: Nämlich dem, dass der Spender realistischerweise auch damit rechnen muss, dass sein Opfer, die Spende lebenswichtiger Organe, den eigenen Tod beschleunigen oder ihn im Falle eines sog. Scheintods sogar erst herbeiführen kann. ...

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Dr. med. HJ Scheurle, 79410 Badenweiler

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