ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Biomarker für Demenz: Alzheimer ab jetzt biologisch definiert

MEDIZINREPORT

Biomarker für Demenz: Alzheimer ab jetzt biologisch definiert

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): A-1053 / B-891 / C-887

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bisher konnte die Alzheimerdemenz erst diagnostiziert werden, wenn sich bereits Symptome bemerkbar gemacht hatten. Eine Neudefinition mit biologischen Markern soll dies nun ändern.

In der Alzheimerdiagnostik finde derzeit ein „dramatischer Shift“ statt, so Prof. Dr. med. Lutz Frölich, Leiter der Gerontopsychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Nicht mehr klinische Symptome wie Orientierungslosigkeit oder Gedächtnisverlust im Verbund mit neuropsychologischen Testbatterien sollen diagnostisch entscheidend sein für die häufigste Form der Demenzerkrankungen, sondern Biomarker.

Der Wechsel von der Orientierung am Phänotyp hin zur Orientierung an der Pathologie manifestiert sich in einer aktuellen Publikation der vom National Institute on Aging (NIA) und der Alzheimerʼs Association (AA) zusammengestellten Arbeitsgruppe (1). Die neuen NIA-AA-Kriterien unterscheiden sich von dem seit Jahrzehnten angewandten klinischen Ansatz, der sich vor allem an kognitiven Veränderungen orientiert hat. Die Pathologien der Hirnsubstanz wurden traditionell – wenn überhaupt – nur nach dem Tod befundet.

Gehirnpathologie jetzt im Fokus

Es soll sich den neuen Kriterien zufolge nur dann um eine Alzheimererkrankung handeln, wenn entweder genügend eindeutige Hinweise für krankhafte Amyloid-Veränderungen oder für abnormale Tau-Protein-Befunde da sind. Die Amyloid- oder Tau-Pathologien können dabei entweder per Liquorpunktion oder per Bildgebung festgestellt werden (Kasten). Mithin rekurrieren die neuen Diagnosekriterien ganz auf die Veränderungen in der Hirnsubstanz.

Die klinische Symptomatik soll künftig allein dazu dienen, das Stadium der Demenz festzustellen, ob also erst die präklinische Phase vorliegt, bereits eine minimale kognitive Störung oder schon das Vollbild einer Demenz, was mehrere Konsequenzen hat. Früher war die Pathologie nur ein Post-mortem-Kriterium, jetzt gilt sie auch für lebende Patienten. Zudem kann es nun Studien mit völlig asymptomatischen Teilnehmern geben. „Das ist extrem wichtig, wenn man langfristig Therapien testen will, die in einem sehr frühen Krankheitsstadium ansetzen sollen“, erläutert Frölich, „seien dies nun mentales Training, Sport, Medikamente oder diätetische Maßnahmen“.

Nicht zuletzt könnte ein solcher Kriterienkatalog künftig dabei helfen, die Fehldiagnoserate zu senken, die immer noch bis zu 30 % beträgt. Trotz des ambitionierten Ansatzes ist Geduld vonnöten. „Zunächst muss gezeigt werden, dass die Kriterien wirklich halten, was sie versprechen“, so Frölich. Parallel dazu werden bereits Studien aufgelegt, in denen mit diesen neuen Kriterien möglichst homogene Patientengruppen identifiziert werden. „Gleichwohl“, warnt er, „darf die Botschaft an die Patienten nicht lauten, man könne jetzt schon mittels ein paar Markern Alzheimer sicher diagnostizieren“. Von dem methodischen Aufwand und den Nebenwirkungen einer Liquorpunktion und den hohen Kosten der PET-Bildgebung ganz abgesehen.

Patienten, die mit dem dringenden Wunsch nach solcher Abklärung zum Arzt kommen, sollten darüber aufgeklärt werden, dass diese Befunde im Moment keine praktischen Konsequenzen haben. Lediglich wenn sie im Verbund mit Symptomen auftreten, lässt sich daraus prognostisch ableiten, dass in absehbarer Zeit eine demenzielle Entwicklung droht. „Dann erst ist es für die Betroffenen sinnvoll vorzusorgen“, hält Frölich fest.

Implikationen für die Forschung

Insofern haben die neuen Kriterien zwar erhebliche Implikationen für die Wissenschaftler, für die tägliche Praxis ändert sich derzeit aber noch nichts, es wird weiter nach ICD10 (bald ICD11) und nach DSM verschlüsselt. Überdies markiert der gegenwärtige Shift erst den Anfang der biologisch-pathologischen Diagnostik, meint Frölich: „Wir sehen derzeit eine rasante Entwicklung bei den Bluttests, die die Liquordiagnostik obsolet machen sollen.“ Des Weiteren wartet man auf Marker für die synaptische Destruktion. „Erst wenn klar ist, dass die Zerstörung der synaptischen Verbindungen progredient ist, wissen wir, dass der demenzielle Prozess tatsächlich eingesetzt hat.“ Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Die neue Alzheimerklassifikation

Mögliche Profile:

  • A-T-(N)-: Alle Biomarker im Normbereich – kein Alzheimer
  • Nur A+: Pathologische Alzheimerveränderungen aber noch keine Alzheimererkrankung
  • A+T+(N)- oder A+T+(N)+: Kriterien der Alzheimererkrankung erfüllt
  • A+T-(N)+: Alzheimerveränderungen (nicht Alzheimerkrankheit) und nicht-spezifische Neurodegeneration 
  • A-T+(N)- oder A-T-(N)+ oder A-T+(N)+: keine Alzheimerveränderungen, keine Alzheimerkrankheit, nicht-Alzheimerveränderungen 

A: Aß detektiert als Plaques im PET-Scan oder als Aβ42 bzw. Aβ42 /Aβ40 Verhältnis im Liquor 

T: Tau-Pathologie als p-Tau (phosphoryliertes Tau) im Liquor oder als parenchymale Neurofibrillen im PET-Scan 

(N): Zeichen für Neurodegeneration im strukturellen MRT oder im FDG PET oder als T(otales)-Tau im Liquor

A und T gelten als Alzheimer-spezifisch, (N) nicht.

1.
Jack CR, et al.: NIA-AA Research Framework: Toward a biological definition of Alzheimer’s disease. Alzheimers Dement. 2018; 14 (4): 535–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Jack CR, et al.: NIA-AA Research Framework: Toward a biological definition of Alzheimer’s disease. Alzheimers Dement. 2018; 14 (4): 535–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige