ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2018Von schräg unten: Anweisung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Anweisung

Dtsch Arztebl 2018; 115(22): [104]

Böhmeke, Thomas

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Alles ist geregelt in Deutschland. Von Selbstverständlichkeiten wie „Einwohner der Gemeinde ist, wer in der Gemeinde wohnt“ über Formales wie „wenn ein Beamter während der Dienstreise stirbt, so ist die Dienstreise beendet“ bis hin zu eher selten auftretenden Eventualitäten wie die Ungültigkeit einer Ehe, wenn „ein Ehegatte sich bei der Eheschließung im Zustand der Bewusstlosigkeit befand“. Da kann sich unsereins doch zufrieden zurücklehnen wie auf einem kieferchirurgischen Behandlungsstuhl und meinen, dass alles bestens funktioniert, wenn man alle Paragrafen, Vorschriften und Leitlinien beachtet.

Frohgemut eile ich in die Praxis, um mein segensreiches Tagwerk zu beginnen. Ach du meine Güte! Ist das Wartezimmer voll, unzählige Notfallpatienten erwarten fachärztliche Fürsorge. Aber das kann mich nicht aus der Ruhe bringen, denn mein Kreuz ist durch Kenntnis aller Klauseln gestählt wie durch einen Fixateur externe. Bis mich meine Fachangestellte ins Schwitzen bringt. „Herr Doktor! An der Anmeldung ist ein Patient, der lautstark fordert, wir sollen alles auf der Stelle fallen lassen, wir müssen uns sofort und ausschließlich nur um ihn kümmern!“

Und? Was hat er für Beschwerden? „Das will er nur Ihnen sagen!“ Was wissen wir über ihn? „Stabiler Verlauf bei bekannter beginnender KHK, so steht es im letzten Bericht.“ Womöglich hat er einen Infarkt, schnell, er muss ein EKG bekommen! „Das geht im Augenblick nicht!“ Warum?! „Im EKG 1 liegt der Patient mit der AV-Knoten-Reentry-Tachykardie, der hat einen Puls von 220 pro Minute, den wollten Sie konvertieren!“ Und in EKG 2? „Da liegt der Patient mit der Tachymyopathie bei Vorhofflimmern, der kriegt kaum noch Luft, um den wollten Sie sich auch noch kümmern!“ Und in EKG 3? „Da liegt der Patient mit Verdacht auf tiefe Beinvenenthrombose mit Lungenembolie, das Ultraschallgerät habe ich schon rübergebracht, da wollten Sie schnell den Duplex und die Echokardiographie machen!“

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Schweißperlen rinnen über meine blanke Stirn. Was mache ich nur, was mache ich nur?! Der tachyarrhythmische Patient kann jeden Moment komplett kardial dekompensieren, der Patient mit Verdacht auf Beinvenenthrombose weiter embolisieren, also: Der Patient mit der 220er-Herzfrequenz ist am wenigsten instabil, der muss warten! „Wie Sie meinen, ich hole dann den Patienten von der Anmeldung, wir schreiben schnell ein EKG!“

Völlig gehetzt, in böser Vorahnung eines ST-Hebungsinfarktes mit ventrikulären Salven eile ich zu dem Patienten. Und sehe: ein völlig unauffälliges EKG. Erst mal tief durchatmen, dann die Anamnese: Was hat er für Beschwerden? „Ich schwitze!“ Ich auch. Hat er denn Brustschmerzen oder Luftnot? „Nein!“ Rhythmusstörungen oder Wasseransammlungen? „Nein, ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nur schwitze!“ Seit wann? „Seit vorgestern!“ Nun denn, der Sommer kam gerade etwas plötzlich, genau wie er jetzt als Notfall, und will sofort vom Kardiologen untersucht werden, kann er mir das mal erklären? „Hören Sie mal zu, ich habe es mehr als eilig!“ Und warum, bitte schön? „In einer Stunde kommt mein Taxi, das mich zum Flughafen bringen soll, ich will schließlich in den Urlaub fliegen!“ Ich gehe zu meinen Fachangestelltinnen und gebe eine neue Dienstanweisung, einen neuen Paragrafen heraus: Sie mögen doch bitte Patienten, die auf sofortige Behandlung ohne Angabe akuter Beschwerden insistieren, fragen, wann das Taxi zum Flieger geht.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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