ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996„Lady Macbeth von Mzensk„: Mörderin aus Verzweiflung

VARIA: Feuilleton

„Lady Macbeth von Mzensk„: Mörderin aus Verzweiflung

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Freispruch für eine Mörderin – genau das war es, was Schostakowitsch mit seiner auf Ljesskows
Nacherzählung eines echten Kriminalfalles aus der Provinz basierenden Oper "Lady Macbeth von Mzensk"
beim Publikum erreichen wollte. Ein kühnes Unterfangen, das in der theaterinteressierten Welt seinerzeit für
Furore sorgte. Die Uraufführung 1934, wie auch die ihr rasch folgenden Nachspielungen an Europas und
Amerikas bedeutendsten Bühnen, wurden zu Riesenerfolgen – fast wider Erwarten. Zwei Jahre später hatte das
(später entschärfte und geglättete, danach "Katerina Ismajlowa" benannte) heute zu den genialsten
musikdramatischen Schöpfungen unseres Jahrhunderts zählende Opus auf Stalins Anordnung über Nacht von
den Spielplänen zu verschwinden. Die erst 1971 durch Rostropowitsch wiederaufgefundene Originalfassung (in
Mainz gespielt) bringt zurück, was aufgrund der Überarbeitung verdeckt wurde oder verlorenging:

Schostakowitschs Anliegen, mit Hilfe seiner Musik das inmitten einer von Heuchelei, Gewalt und Grausamkeit
beherrschten sozialen Umgebung im vorrevolutionären Rußland trost- und rechtlos, langweilig und trüb
dahindämmernde Leben einer Frau darzustellen, die aus Verzweiflung und Isolation zur Mörderin wird. Mit
allen musikalischen Mitteln wirbt der Komponist um Verständnis für die wider ihren Willen mit einem
Schwächling und Versager verheiratete, von der Ehe bitter Enttäuschte, vom überstarken Schwiegervater
Kujonierte, die wie unter Zwang tötet, deren pathologische Züge er jedoch ausschließlich als unausbleibliche
Folgen ihrer Behandlung durch die Umgebung sieht.

Unter Einbeziehung altrussischer und moderner Tanzweisen, liturgischer Gesänge, großer Arien und
volkstümlichen Liedgutes gelingt es Schostakowitsch, dem Stoff mit Hilfe heftig kontrastierender, oft
schneidend harter musikalischer Mittel und großer Lautstärkeentfaltung vorzüglich gerecht zu werden.

Unter Generalmusikdirektor Peter Erckens markanter, geschliffener Stabführung stehen in Mainz peitschende
Dissonanzen und sanftes Englischhorn, schreiende Blechbläser und melodische Streicherklänge, jagende
Rhythmen und spöttisches Gehechel der Chöre in ständig wechselndem Dialog.
Regisseurin Jutta Gleue gelang eine packende Wiedergabe des schweren Werks, für das ihr hervorragende
Sänger-Schauspieler zur Verfügung standen: Friedemann Kunder, Elaine Woods als Getriebene, John
Treleaven als verantwortungsloser Ausbeuter.

Britta Steiner-Rinneberg

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