ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2018Vergütung labormedizinischer Leistungen: Laborreform ist ein erster Schritt

POLITIK

Vergütung labormedizinischer Leistungen: Laborreform ist ein erster Schritt

Dtsch Arztebl 2018; 115(23): A-1104 / B-930 / C-926

Korzilius, Heike

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Änderungen an der Vergütungssystematik von Laborleistungen sollen das Mengenwachstum bremsen und den Streit um dessen Finanzierung zwischen Haus- und Fachärzten beilegen. Bis 2020 soll die Mengensteuerung dann stärker an medizinischen Erfordernissen ausgerichtet werden.

Häufig konsultiert: Zwei Drittel der ärztlichen Diagnosen beruhen auf labormedizinischen Untersuchungen oder bestätigen diese. Foto: BDL/Labor Lübeck, 0610

Ein Kompromiss, der keinem so richtig gefällt. So beschrieb der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Stephan Hofmeister, die neuen Vergütungsregelungen für labormedizinische Leistungen, auf die sich KBV und GKV-Spitzenverband im Dezember 2017 geeinigt hatten. Das Konzept dazu hatte die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV bereits im Jahr zuvor verabschiedet. Am 1. April 2018 sind die Neuregelungen gegen den heftigen Widerstand des Berufsverbands Deutscher Laborärzte (BDL) und der Akkreditierten Labore in der Medizin in Kraft getreten.

Ziel der Reform ist es, die Ausgabenzuwächse für Laborleistungen zu begrenzen. Denn diese steigen nach Berechnungen der KBV jedes Jahr um fünf bis sechs Prozent und damit deutlich stärker als die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) mit rund 2,5 Prozent jährlich. Da die Laborleistungen aus der gedeckelten MGV bezahlt werden, fließt immer mehr Geld in Laboruntersuchungen, das dann an anderer Stelle fehlt. Der KBV zufolge forderten die Vertragsärzte 2016 aus der MGV 2,24 Milliarden Euro für Laboruntersuchungen an. Ausgezahlt wurden etwa zwei Milliarden Euro.

Mengenausweitung begrenzen

Um die Mengenausweitung zu begrenzen, einigten sich KBV und Krankenkassen auf vier wesentliche Änderungen:

  • Der Wirtschaftlichkeitsbonus wird neu berechnet, sodass Haus- und Fachärzte, die Laboruntersuchungen gemessen am Durchschnitt ihrer Fachgruppe wirtschaftlich veranlassen und durchführen, einen höheren Bonus erhalten können als bisher. Je nach Fachgruppe und Zahl der Behandlungsfälle können einige Tausend Euro im Jahr zusammenkommen, so die KBV.
  • Aus dem Grundbetrag Labor werden nur noch der Wirtschaftlichkeitsbonus für Haus- und Fachärzte sowie die veranlassten Laborleistungen bezahlt. Die Laborleistungen, die beispielsweise der Rheumatologe für eigene Patienten durchführt, werden künftig aus seinem Facharzttopf finanziert. Entsprechendes gilt für Leistungen der hausärztlichen Laborgemeinschaft, die aus dem Hausarzttopf vergütet werden. Durch die Leistungsverlagerung verkleinert sich der Grundbetrag Labor um rund 30 Prozent.
  • Laborärzte bekommen, sofern das Geld im Grundbetrag Labor nicht ausreicht, künftig im Durchschnitt mindestens 89 Prozent des Euro-Preises des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) vergütet statt wie bisher knapp 92 Prozent. Reicht das Geld im Grundbetrag Labor nicht aus, um die Quote zu halten, müssen Haus- und Fachärzte zwar weiterhin den Fehlbetrag nachschießen, aber nicht wie zuvor jeweils zur Hälfte, sondern ihrem Anteil am Grundbetrag Labor entsprechend. Hausärzte finanzieren deshalb künftig im Bundesdurchschnitt etwa 15 Prozent, Fachärzte 85 Prozent der Nachschussbeträge.
  • Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) erhalten mehr Freiräume bei der Honorarverteilung. Sie können beispielsweise statt einer Quotierung auch eigene „Budgets“ für Laborärzte festlegen.

Die KBV geht davon aus, dass die Laborreform dazu führt, dass die Ärzte Laborleistungen „bewusster“ veranlassen oder durchführen, wie deren Honorarexperte Dr. med. Dieter Auch dem Deutschen Ärzteblatt erklärte.

Leitlinien als Ausgabentreiber

Doch wer sind die Ausgabentreiber im Labor? Nach Ansicht von Auch spielen hier Schrittinnovationen und eine Intensivierung von Leistungen beispielsweise durch neue Leitlinienvorgaben eine bedeutende Rolle. Dazu kommen, wie der BDL betont, eine älter werdende Bevölkerung samt der damit einhergehenden höheren Morbidität sowie teure Innovationen. Angesichts dessen sei das Laborbudget seit Jahren viel zu gering bemessen, kritisierte der BDL-Vorsitzende Dr. rer. nat. Andreas Bobrowski. Er erneuerte Ende April die Forderung seines Verbandes, die Laborreform grundlegend zu korrigieren.

Bei der Reform habe nicht die Verbesserung der Patientenversorgung im Vordergrund gestanden, sondern die Befriedung des Honorarstreits zwischen Haus- und Fachärzten, kritisierte der BDL-Vorsitzende. Die Hausärzte hatten stets bemängelt, dass sie bei den Nachschüssen zum Labortopf für Leistungen aufkommen müssten, die eigentlich zum fachärztlichen Versorgungsbereich gehörten und deshalb aus dem fachärztlichen Honorartopf bezahlt werden müssten. Das sei nicht nur ungerecht, sondern auch rechtswidrig, erklärte der Deutsche Hausärzteverband, der Mitglieder unter anderem bei Klagen gegen ihre Honorarbescheide unterstützte. Auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hatte die KBV aufgefordert zu prüfen, ob die Hausärzte durch die Nachschussregelung ungerechtfertigt belastet seien.

Bobrowski warnte zudem vor Fehlanreizen, wenn Ärzte durch Änderungen beim Wirtschaftlichkeitsbonus dafür belohnt würden, möglichst wenige Laborleistungen zu veranlassen. Ein regelrechter Skandal sei die Absenkung der Quotierung für veranlasste Laboruntersuchungen von knapp 92 auf 89 Prozent. „Die Laborreform wird ausschließlich auf dem Rücken der deutschen Laborärzteschaft und der von ihnen betreuten Patienten ausgetragen“, kritisierte Bobrowski. Damit habe die Reform ihr Ziel verfehlt, eine qualitativ bessere Laborversorgung zu erreichen. Die stärkere Regionalisierung der Laborvergütung werde zudem dazu führen, dass das Prinzip „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ endgültig aufgegeben werde.

Der BDL-Vorsitzende skizzierte Ende April aber auch seine Vorstellungen von einer nachhaltigen Laborreform: „Bei einer solchen Reform dürfen keine Honoraranteile mehr für die Verhinderung von Laborleistungen oder zur Schlichtung innerärztlicher Konflikte verschwendet werden.“ Der BDL und die Deutsche Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin setzten sich stattdessen für die Einführung diagnostischer Pfade ein, die dem behandelnden Arzt Hilfestellung bei der Frage geben, welche Laboruntersuchung bei welcher Erkrankung sinnvoll und angemessen sei, erklärte Bobrowski. Dadurch könnten unnötige Leistungen vermieden und die finanziellen Ressourcen des Gesundheitswesens geschont werden. Außerdem forderte er, die Mittel aus dem Wirtschaftlichkeitsbonus für Versorgungsverbesserungen einzusetzen. Denkbar sei zum Beispiel eine E-Health-Pauschale, um die Vernetzung der Ärzte untereinander zu fördern, oder eine präanalytische Pauschale für die zuweisenden Ärzte, um die Qualität der Laborproben zu verbessern. Damit sich auch die Krankenkassen an der versorgungsbedingten Zunahme von Laborleistungen beteiligten, sollte darüber hinaus das überweisende Labor außerhalb des Budgets gestellt werden, forderte Bobrowski.

Ziel ist ein Ende der Budgets

Die KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung griff Anfang März dieses Jahres einige Vorschläge der Laborärzte auf und beauftragte den KBV-Vorstand, in einer zweiten Stufe der Laborreform „Maßnahmen für eine stärker an medizinischen Erfordernissen ausgerichtete Mengensteuerung“ zu erarbeiten. Ergebnisse sollen spätestens Ende 2020 vorliegen. Dazu sagte KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen: „Wenn wir uns auf eine indikationsgerechte Laborbeauftragung einigen, wird es den Krankenkassen nicht mehr so leicht möglich sein, sich einer Aufhebung der Budgets für diese Leistungen zu verweigern.“ Heike Korzilius

Zum Hintergrund

1 245 Laborärztinnen und -ärzte nahmen nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Ende 2017 an der vertragsärztlichen Versorgung teil, ein Plus von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von diesen arbeiteten 177 als Vertragsärzte und 988 als angestellte Ärzte beispielsweise in medizinischen Versorgungszentren. Für Laboruntersuchungen im ambulanten Bereich gaben die gesetzlichen Krankenkassen 2016 rund zwei Milliarden Euro aus. Dabei steigen die Ausgaben seit 2006 jedes Jahr um fünf bis sechs Prozent, wie der GKV-Spitzenverband mitteilt.

Die Vergütung für laborärztliche Leistungen verteilt sich dem Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL) zufolge je zur Hälfte auf Laborärzte sowie Haus- und Fachärzte, die eigene labormedizinische Leistungen abrechnen und einen Wirtschaftlichkeitsbonus erhalten. Wie der BDL betont, beruhen zwei Drittel aller ärztlichen Diagnosen auf labormedizinischen Untersuchungen oder bestätigen diese. Die Laborärzte seien eine der kleinsten Facharztgruppen, würden nach den Hausärzten jedoch am häufigsten konsultiert.

Mit der ersten Stufe der Laborreform, die am 1. April 2018 wirksam wurde, verfolgten KBV und Krankenkassen zwei Ziele: die Eindämmung des Ausgabenwachstums und die Befriedung von Haus- und Fachärzten, die um ihre gerechten Anteile an den Laborkosten stritten.

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