ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2018Onkologie: Zu viele Fragen offen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

... Auf dem Deutschen Krebskongress wurden Studienergebnisse zur In-vitro-Interaktion zwischen L-Methadon und dem Chemotherapeutikum Temozolomid auf verschiedene Glioblastomzelllinien vorgestellt. Diese ergänzen das bisherige Bild vorheriger Zellkulturstudien mit dem Racemat D,L-Methadon und Doxorubicin (14).

... Hinzufügen möchten wir weitere Aspekte aus Sicht des Arbeitskreises Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft: Es ist lange bekannt, dass Opioide tumorfördernde und tumorhemmende Eigenschaften aufweisen sowie unterschiedliche immunmodulatorische Effekte (57). Die Fokussierung auf Methadon und seine Enantiomere ist nicht zielführend. ... Eine Übertragung der in vitro angewendeten Dosen von D-,L-Methadon auf einen lebendigen menschlichen Organismus würde zu letalen Überdosierungseffekten führen.

... In den Studien kamen als niedrigste getestete Dosis 0,1 µg/ml bei Leukämiezellstämmen (1) bzw. 1 µg/ml bei Glioblastomzellstämmen (4) zum Einsatz. Zu beachten ist dabei, dass bei den getesteten Leukämiezellen je nach Stamm ohne Zugabe von Doxorubicin bei 0,1 µg/ml eine Apoptoserate zwischen etwa 12 und 50 % erreicht wird und auch im Hochdosisbereich von 10 µg/ml maximal eine Apoptoserate unter 60 % erreicht wird. Bei den Glioblastomzelllinien findet sich bei D-,L-Methadon alleine nahezu keinerlei Apoptose. Laut Literatur werden bei Tumorschmerzpatienten 0,08 µg/ml (Dosis: 10 mg p.o./d) (8) bzw. 0.029 ± 0.014 µg/ml (Dosen zwischen 5 und 20 mg/d) (9) beschrieben und bei Substitutionspatienten 0,86 µg/ml (Dosis 100 bis 120 mg/d) bzw. 0,22 ± 0,13 bis 0,36 ± 0,20 µg/ml (Tal- und Spitzenspiegel; mittlere Tagesdosis 50.9 ± 25.3 mg) (10, 11). Somit ist anhand der vorliegenden Labordaten keine hinreichende antitumoröse Wirksamkeit von D,L-Methadon als Monosubstanz bei Leukämien und vor allem Glioblastomen abzuleiten (12, 13). Auch bei Kombination von D,L-Methadon und Doxorubicin wurde in klinisch erreichbarer D,L-Methadon-Plasmakonzentration nur bei einer Leukämiezelllinie eine Apoptoserate über 50 % gefunden und bei keiner Glioblastomzelllinie. Eine klinisch relevante antitumoröse Wirksamkeit von D,L-Methadon in üblicher Dosierung mit Doxorubicin erscheint sehr fraglich. Eine Wirkung in Monotherapie ohne Doxorubicin ist nicht zu erwarten. Eine generelle Übertragbarkeit auf andere Chemotherapien oder Tumorentitäten ist aus den Daten nicht abzuleiten. Fallbeispiele mit fatalen Folgen für die Patienten können wir durch ähnliche Beobachtungen wie von Hübner et al. ergänzen (14). ...

Anzeige

Zusammenfassend sind auch unseres Erachtens zu viele Fragen offen, um einen Einsatz von D,L-Methadon als Krebsmedikament zu rechtfertigen. Insbesondere der Monoeinsatz von Methadon entbehrt einer hinreichenden Datenlage selbst in den Laborstudien. Wir bedanken uns ausdrücklich für Ihren Artikel, denn unsere Aufgabe ist es, Patienten vor Schaden zu bewahren.

Literatur bei den Verfassern

Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Wirz, 53604 Bad Honnef,
Dr. med. Kristin Kieselbach, 79106 Freiburg,
Dr. med. Michael Schenk, 13086 Berlin,
Prof. Dr. med. Christoph Wiese
, 38124 Braunschweig,
Dr. med. Hannes Hofbauer, 89081 Ulm

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema