ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2018Globale humanitäre Krisen: Flüchtlinge nachhaltig versorgen

THEMEN DER ZEIT

Globale humanitäre Krisen: Flüchtlinge nachhaltig versorgen

Dtsch Arztebl 2018; 115(23): A-1120 / B-942 / C-938

Juran, Sabrina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Schon bei der Ankunft im Aufnahmeland sollten die medizinischen Bedürfnisse von Geflüchteten eingeschätzt werden. Nur dann können die Menschen effektiv behandelt werden.

Erste Hilfe: Ein Arzt in einem Flüchtlingscamp der Vereinten Nationen in Griechenland versorgt ein Kleinkind. Foto: dpa
Erste Hilfe: Ein Arzt in einem Flüchtlingscamp der Vereinten Nationen in Griechenland versorgt ein Kleinkind. Foto: dpa

Die Zahl der Flüchtlinge und Binnenvertriebenen weltweit hat den höchsten Stand erreicht, der jemals verzeichnet wurde (1). Nach einem Bericht der Vereinten Nationen lag die Zahl der Migranten 2017 bei 258 Millionen (1). Ende des Jahres 2016 erklärte das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen, dass 65,6 Millionen Menschen durch Konflikte und Verfolgung entwurzelt wurden. Menschen migrieren aus einer Reihe von Gründen, unter anderem um bessere Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten zu finden, um Familien wieder zusammenzuführen, oder auch um Armut, sozialer Deprivation und Diskriminierung, dem Klimawandel oder Umweltzerstörungen zu entkommen. Sexuelle Übergriffe, körperliche Gewalt, Verlust und Trauer geben in vielen Fällen den letztendlichen Anlass zur Flucht (1).

Anzeige

Bei Migration infolge von Unruhen und Kriegen werden katastrophale Sterblichkeitsraten dokumentiert (2, 3). Dabei variiert der generelle Gesundheitszustand einer Migrations- oder Flüchtlingspopulation je nach Herkunftsland, dortigem medizinischem Versorgungsstandard und Ernährungszustand sowie den Umständen, die zum Verlassen der Heimat geführt haben.

Von der Flucht gezeichnet

Viele Jahre in einer Konfliktregion oder in Flüchtlingslagern, zum Teil mit unzureichendem Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung zeichnen die Menschen (4, 5). Emotionaler Stress und Traumata reduzieren ihre physischen und emotionalen Reserven weiter und schwächen die natürliche Abwehrkraft gegen Erkrankungen. Diese Situation stellt hohe Anforderungen an die Herkunfts- und die Aufnahmeländer. Die akute Notfall- und allgemeinmedizinische Versorgung sowie die in der Folge notwendig werdende medizinische und soziale Rehabilitation müssen gewährleistet sein. Obwohl Infektionskrankheiten, Malnutrition und Diarrhoe für den größten Teil der Morbidität und Mortalität bei Geflüchteten verantwortlich sind, leiden viele an akuten Verletzungen und anderen chronischen Erkrankungen, die chirurgisch behandelt werden müssten (3, 6, 7). Die rechtzeitige Bereitstellung effektiver Gesundheitsdienste erfordert daher einen sektorübergreifenden, interdisziplinären und präventiven Ansatz, wobei der chirurgischen Versorgung besondere Bedeutung zukommt.

Weltweit haben rund fünf Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherer und effizienter chirurgischer und anästhesiologischer Versorgung. Nur sechs Prozent aller chirurgischen Eingriffe kommen dem ärmsten Drittel der Weltbevölkerung zugute (8). Jedes Jahr sterben schätzungsweise 16,9 Millionen Menschen an Krankheiten, die chirurgisch behandelbar wären. Für Migranten sind die Zugangsbarrieren zur chirurgischen Behandlung exponentiell größer. Schätzungen zufolge werden weltweit mindestens 2,78 Millionen Operationen jährlich für Flüchtlinge benötigt (9). Bei Vertriebenen in Nordafrika und im Nahen Osten waren im Jahr 2016 etwa 1,1 Millionen Operationen erforderlich, davon 388 000 allein in Syrien und 187 000 im Irak (9). Da 52 Prozent der Vertriebenen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind, besteht auch ein erheblicher Bedarf an pädiatrisch-chirurgischer Versorgung (1).

Der Weltbericht der Welt­gesund­heits­organi­sation geht davon aus, dass 15 Prozent der Weltbevölkerung von Funktionseinschränkungen betroffenen sind, davon vier bis fünf Prozent von erheblichen. Überträgt man diese Schätzung auf die aktuellen Flüchtlingszahlen, kann man davon ausgehen, dass von den weltweit 65 Millionen Vertriebenen etwa zehn Millionen eine physische Beeinträchtigung haben, etwa zwei Millionen dürften an massiven Funktionseinschränkungen leiden (10). Diese Menschen werden häufig übersehen (11).

Um den aktuellen und zukünftigen Bedarf an medizinischer Behandlung von Migranten und Geflüchteten realistisch abschätzen zu können, sind zuverlässige Daten erforderlich. Nur so kann ein aussagekräftiges Profil dieser Bevölkerungsgruppen generiert werden (12). In den meisten Fällen existieren jedoch weder quantitative noch qualitative Daten. Für Aufnahme- oder Transitländer sowie für Hilfsorganisationen ist es deshalb unabdingbar, diese Informationen zu generieren, um ein systematisches Verständnis der Thematik zu ermöglichen, sowie kurz- und langfristige Hilfsmaßnahmen abzustimmen. (8, 9, 13) In diesem Kontext müssen die notwendigen medizinischen Interventionen sowohl zu Beginn der Flucht als auch während der Asylverfahren identifiziert und evaluiert werden. (14, 15)

Um für Migranten und Flüchtlinge rechtzeitig und nachhaltig effektive Gesundheitsdienste bereitstellen zu können, sollten der Bedarf und die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Idealfall schon vor Ankunft abgeschätzt werden. Dabei muss das Ziel der Nachhaltigkeit und der Integration von Gesundheitsdiensten berücksichtigt werden. Solch ein Ansatz bietet langfristige Vorteile nicht nur für die betroffenen Flüchtlinge, sondern auch für die lokale Bevölkerung und das Aufnahmeland selbst. Die Parität verlangt dabei, dass die für die Flüchtlinge vorgesehenen Gesundheitsdienstleistungen auf dem medizinischen Standard des Aufnahmelandes angeboten werden. Jedoch muss bedacht werden, dass Parität und Integration erst dann zu realisieren sind, wenn die Akutphase des Zustroms vorbei ist, in welcher außergewöhnliche Ressourcen mobilisiert werden müssen (16).

Hilfe von anderen Flüchtlingen

In Deutschland sind die Bundesländer für die medizinische Versorgung von Flüchtlingen verantwortlich, solange diese sich im ursprünglichen Aufnahmezentrum aufhalten. Die Behandlung von komplexen Verletzungen, zum Beispiel schweren Verbrennungskontrakturen oder Verletzungen der Extremitäten, die eine operative Rekonstruktion benötigen, muss von den Behörden genehmigt werden. Die Kommunikation mit den Geflüchteten kann in diesem Kontext sehr schwierig sein. Unterstützend könnten hier andere Geflüchtete tätig werden, von denen etliche selbst Ärzte oder Angehörige anderer Gesundheitsberufe sind.

Bei der Planung der medizinischen Versorgung müssen das Patientenaufkommen, die Schwere der Erkrankungen oder Verletzungen sowie die Zahl und die Expertise des verfügbaren medizinischen Personals berücksichtigt werden. Dabei ist weiter zu beachten, dass bei der Betreuung von Migranten nicht nur sprachliche und finanzielle Barrieren überwunden werden müssen, sondern auch geschlechtliche und kulturelle Faktoren zu berücksichtigen sind.

Die wichtigsten Strategien

Das Hauptziel muss sein, die Mortalität und die Morbidität bei Mi-granten und Flüchtlingen zu reduzieren. Zu den wichtigsten Strategien gehören:

  • eine realistische Abschätzung des tatsächlichen Bedarfs an medizinischer Basis- und Akut- sowie langfristiger komplexer medizinischer Versorgung, idealerweise vor Ankunft;
  • eine Analyse dessen, was die Aufnahmeländer auf angemessenem medizinischem Qualitätsniveau leisten können, sowie die Berücksichtigung dieser Kapazität bei der generellen Aufnahmefähigkeit;
  • die Durchführung umfassender Gesundheitsscreenings bei Ankunft der Migranten und Flüchtlinge im Transit- oder Aufnahmeland;
  • die Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse von Kindern, Frauen und Schwangeren;
  • die Berücksichtigung der psychischen Gesundheit;
  • die Annahme eines sektorübergreifenden und präventiven Gesundheitsansatzes;
  • die Integration von Migranten und Flüchtlingen in Planung und Umsetzung von Gesundheitsmaßnahmen;
  • die Institutionalisierung eines geeigneten Gesundheits- und Ernährungsinformationssystems.

Sabrina Juran,

United Nations Population Fund

Mitautoren sind: Magdalena Gruendl, Harvard Medical School, Boston; Paul I. Heidekueger, Universitätsklinik Regensburg; Camillo Müller, Universitätsspital Lausanne; Peter Niclas Broer, Klinikum Bogenhausen, München

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2318
oder über QR-Code.

1.
United Nations High Commission for Refugees (UNHCR) annual Global Trends 2 Report. Available at: https://s3.amazonaws.com/unhcrsharedmedia/2016/2016–06–20-global-trends/2016–06–14-Global-Trends-2015.pdf .
2.
United Nations High Commissioner for Refugees (2017). Refugee health – Refugee health EC/1995/SC.2/CRP.29 http://www.unhcr.org/en-us/excom/scaf/3ae68bf424/refugee-health.html.
3.
Broer PN, Juran S: Surgical needs of refugee populations in the European Union: Implications for plastic and reconstructive surgery. World J Plast Surg 2016; 5 (3): 325–7 CrossRef
4.
Grabe M: Surgery during Khmer refugee assistance efforts in Thailand: Emergency refugee health care – a chronicle of experience in the Khmer assistance operation 1979–1980. Centers for Disease Control, 85–8.
5.
Fanney D, Thomas L, Schwartz E: An outbreak of pyomyositis in a large refugee camp in Thailand. Am J Trop Med Hyg 1982; 31 (1):131–5 CrossRef
6.
Weerasuriya CK, et al.: Evaluation of a surgical service in the chronic phase of a refugee camp: an example from the Thai-Myanmar border. Confl Health 2012; 6 (1): 5 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Kushner AL, Groen RS, Kingham TP: Surgery and refugee populations. Scand J Surg 2009; 98 (1): 18–24 CrossRef MEDLINE
8.
Meara, JG, et al.: Global Surgery 2030: evidence and solutions for achieving health, welfare, and economic development. Lancet 2015; 386 (9993): 569–624 CrossRef
9.
Zha Y, et al.: Global Estimation of Surgical Procedures Needed for Forcibly Displaced Persons. World J Surg 2016; 40 (11): 2628–34 CrossRef MEDLINE
10.
International Organization for Migration Global Migration Data Analysis Centre (2016). Disability and unsafe migration: Data and policy, understanding the evidence.https://publications.iom.int/system/files/pdf/gmdac_data_briefing_series_issue_7.pdf.
11.
Morgan, Jules (2017). Disability – a neglected issue in Greece’s refugee camps. Lancet 2017; 389 CrossRef
12.
Juran, S. and PN. Broer. (2017). A Profile of Germany’s Refugee Populations. Population and Development Review. March 2017 issue CrossRef
13.
Hermansson A, Thyberg M, Timpka T: War-wounded refugees: The types of injury and influence of disability on well-being and social integration. Med Confl Surviv 1996; 12 (4): 264–302 CrossRef
14.
Hillienhof A: Wie die medizinische Versorgung von Flüchtlingen gelingen kann. 2015. Online Source: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/64218/Wie-diemedizinische-Versorgung-von-Fluechtlingen-gelingen-kann.
15.
Kushner AL (eds.): Operation Health. Surgical care in the developing world. Baltimore: John Hopkins University Press 2015.
16.
Broer PN, Jenny HE, Ng-Kamstra JS, Juran S: The role of surgeons in advancing global development. Ann Plast Surg 2016; 77 (1): 1–3 CrossRef MEDLINE
1.United Nations High Commission for Refugees (UNHCR) annual Global Trends 2 Report. Available at: https://s3.amazonaws.com/unhcrsharedmedia/2016/2016–06–20-global-trends/2016–06–14-Global-Trends-2015.pdf .
2.United Nations High Commissioner for Refugees (2017). Refugee health – Refugee health EC/1995/SC.2/CRP.29 http://www.unhcr.org/en-us/excom/scaf/3ae68bf424/refugee-health.html.
3.Broer PN, Juran S: Surgical needs of refugee populations in the European Union: Implications for plastic and reconstructive surgery. World J Plast Surg 2016; 5 (3): 325–7 CrossRef
4.Grabe M: Surgery during Khmer refugee assistance efforts in Thailand: Emergency refugee health care – a chronicle of experience in the Khmer assistance operation 1979–1980. Centers for Disease Control, 85–8.
5.Fanney D, Thomas L, Schwartz E: An outbreak of pyomyositis in a large refugee camp in Thailand. Am J Trop Med Hyg 1982; 31 (1):131–5 CrossRef
6.Weerasuriya CK, et al.: Evaluation of a surgical service in the chronic phase of a refugee camp: an example from the Thai-Myanmar border. Confl Health 2012; 6 (1): 5 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.Kushner AL, Groen RS, Kingham TP: Surgery and refugee populations. Scand J Surg 2009; 98 (1): 18–24 CrossRef MEDLINE
8.Meara, JG, et al.: Global Surgery 2030: evidence and solutions for achieving health, welfare, and economic development. Lancet 2015; 386 (9993): 569–624 CrossRef
9.Zha Y, et al.: Global Estimation of Surgical Procedures Needed for Forcibly Displaced Persons. World J Surg 2016; 40 (11): 2628–34 CrossRef MEDLINE
10.International Organization for Migration Global Migration Data Analysis Centre (2016). Disability and unsafe migration: Data and policy, understanding the evidence.https://publications.iom.int/system/files/pdf/gmdac_data_briefing_series_issue_7.pdf.
11.Morgan, Jules (2017). Disability – a neglected issue in Greece’s refugee camps. Lancet 2017; 389 CrossRef
12.Juran, S. and PN. Broer. (2017). A Profile of Germany’s Refugee Populations. Population and Development Review. March 2017 issue CrossRef
13.Hermansson A, Thyberg M, Timpka T: War-wounded refugees: The types of injury and influence of disability on well-being and social integration. Med Confl Surviv 1996; 12 (4): 264–302 CrossRef
14.Hillienhof A: Wie die medizinische Versorgung von Flüchtlingen gelingen kann. 2015. Online Source: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/64218/Wie-diemedizinische-Versorgung-von-Fluechtlingen-gelingen-kann.
15.Kushner AL (eds.): Operation Health. Surgical care in the developing world. Baltimore: John Hopkins University Press 2015.
16.Broer PN, Jenny HE, Ng-Kamstra JS, Juran S: The role of surgeons in advancing global development. Ann Plast Surg 2016; 77 (1): 1–3 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige