ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2018Kommunikation: Falsche Gefälligkeiten

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Kommunikation: Falsche Gefälligkeiten

Dtsch Arztebl 2018; 115(23): A-1138 / B-956 / C-952

Holtel, Markus; Weber, Heidemarie

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„Falsche Freunde“ sind dem professionellen Dolmetscher vertraut – es sind ähnlich klingende Ausdrücke in einer Fremdsprache, die überzeugend wirken, aber doch etwas völlig anderes bedeuten.

Foto: mindscanner/stock.adobe.com
Foto: mindscanner/stock.adobe.com

Der englische „physician“ ist ein typischer „falscher Freund“. Er erinnert an den Physiker in der deutschen Sprache, tatsächlich geht es aber um den Arzt. Wer sich in Niederländisch fürs „Bellen“ bedankt, spricht nicht mit einem Hundehalter, sondern hat ein Telefonat angenommen. Ein Laiendolmetscher stolpert nicht nur in solche Fallen. Er kann sich selbst als „falscher Freund“ erweisen. Denn er erweist einen Gefallen, wird aber der Aufgabe nicht gerecht, wenn ihm die passenden Ausdrücke fehlen. Meist neigt ein dolmetschender Freund oder Angehöriger dazu, Aussagen zu interpretieren und zu erklären. Er schwächt möglicherweise „ungehörige“ Aussagen ab. Wo er sich fachkundig fühlt, gibt er selbst bereits Erklärungen, statt sich auf das getreue Dolmetschen zu beschränken. Ein emotional belasteter Angehöriger kann auch wegen der Schwere einer Erkrankung mit der Aufgabe überfordert sein.

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In Zeiten großer Mobilität von ausländischen Arbeitnehmern und Asylsuchenden ist im medizinischen Alltag regelmäßig mit fremdsprachigen Patienten zu rechnen. 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben zurzeit in Deutschland. Rund 20 Prozent davon verfügen über keine ausreichenden Deutschkenntnisse und verstehen Informationen zu ihrer Diagnose und Therapie nicht. Damit wäre in letzter Konsequenz anzuzweifeln, ob ihre Einwilligung in eine Behandlung rechtlich gilt.

Berufsdolmetscher hinzuziehen

Von dieser forensischen Falle abgesehen – Sprachbarrieren verringern auch die Qualität der Behandlung. Fehlerhafte und missverständliche Kommunikation ist ein zentraler Aspekt für die Patientensicherheit und -zufriedenheit. Eine gute Übersetzung vermeidet Missverständnisse und falsches Verhalten aufseiten der fremdsprachigen Patienten. Sie sichert die Ergebnisse der Versorgung und steigert die Zufriedenheit der Betroffenen. Daher sind ambulante wie stationäre Einrichtungen herausgefordert, die kulturellen und kommunikativen Unterschiede zu überwinden. Vor allem die anglo-amerikanischen Länder sind schon lange und stärker mit einem multiethnischen Patientenklientel konfrontiert. Dort wird intensiv daran gearbeitet, die Sprachbarriere zu beseitigen. Dabei kann das Hinzuziehen von Laien nicht empfohlen werden. Es gilt, die typischen Fehler von Gefälligkeitsdolmetschern aus dem Umfeld der Patienten zu vermeiden. Professionelle, anerkannte und vereidigte Dolmetscher werden immer wichtiger. Berufsdolmetscher verbessern im Vergleich zu Laien nachweislich die medizinische Versorgung.

Begrifflich ist der Übersetzer vom Dolmetscher zu unterscheiden. Der Übersetzer beschäftigt sich mit fixiertem, meist geschriebenem Text. Der Dolmetscher vermittelt direkt zwischen zwei Sprechern, er kann auch Gestik, Mimik, Intonation und allgemeine Körpersprache berücksichtigen. Die Rolle des Dolmetschers hat einen Wandel erfahren. Ihm wurde teilweise eine erweiterte Funktion als kultureller Vermittler, als Manager und Anwalt des Patienten oder in der Psychotherapie sogar als Co-Therapeut zugewiesen. Dagegen ist er zeitgemäß als „Conduit“ zu verstehen. Der französische Begriff für „Rohr“ signalisiert, dass der Dolmetscher als neutraler Zwischenträger aller Informationen auftreten soll. Er muss dazu die Redebeiträge unverändert weitergeben. Das gilt auch für unpassende, schambesetzte und unlogische Aussagen oder Zwischenbemerkungen. Er sollte in der ersten Person sprechen, so wird seine übersetzte Rede als authentischer Beitrag des Gesprächspartners wahrgenommen.

Klare Regelungen treffen

Jenseits dieser grundsätzlichen Überlegungen zum medizinischen Dolmetschen unterstützen einige praktische Regeln gelingende Gespräche mit Beteiligung eines Sprachmittlers. Die Leitung einer medizinischen Einrichtung sollte den Einsatz von Dolmetschern in ihrem Bereich grundsätzlich und transparent regeln. Die Mitarbeiter sollten wissen, wann und welchen professionellen Dolmetscher sie hinzuziehen dürfen. Insbesondere bei wichtigen, vorab planbaren Gesprächen, können sie einbezogen werden. Das sind in erster Linie:

  • Aufklärungsgespräche und das Einholen einer Einverständniserklärung,
  • Einbeziehen des Patienten in den laufenden Behandlungsprozess,
  • medizinische Begutachtungen,
  • Herstellen eines Arbeitsbündnisses (in der Psychiatrie).

Der Dolmetscher sollte mit den medizinischen Termini in beiden Sprachen vertraut sein. Vielfach gibt es keinen lokalen Anbieter, der solche Mitarbeiter schicken kann. Alternativ stehen einige telefonische Dolmetscheragenturen rund um die Uhr zur Verfügung. Auch Videodolmetschen über Internetdienste ist nutzbar. Oft werden jedoch nach wie vor – je nach Brisanz der Intervention – Angehörige, Freunde des Patienten oder Mitarbeiter der Einrichtung einbezogen. Für letztere spricht zumindest, dass sie nicht emotional am Gespräch beteiligt und je nach Berufsgruppe bereits mit den Fachtermini vertraut sind.

Hinweise für den Praxisalltag

Arzt und Dolmetscher verständigen sich vorab über das Thema, wesentliche Inhalte und den Ablauf des Gesprächs. Der Dolmetscher muss sich seiner Rolle als „Conduit“ bewusst sein. Besonderheiten muss er vorher mitteilen. Das kann beispielsweise eine persönliche Bekanntschaft mit dem Patienten sein oder auch politische oder weltanschauliche Konflikte zwischen ihm und dem Patienten, die das Gespräch beeinflussen könnten. Wie alle Mitarbeiter im Umfeld des Arztes unterliegt auch der Dolmetscher der Schweigepflicht. Im Gespräch sollte der Dolmetscher

  • so sitzen, dass Patient und Arzt Blickkontakt haben,
  • die Redebeiträge vollständig und unverändert wiedergeben,
  • zu lange Redebeiträge unterbrechen,
  • auch unpassende, schambesetzte oder unlogische Aussagen vollständig dolmetschen,
  • Unklarheiten durch Nachfragen klären und ebenfalls übertragen,
  • eigene Einstellungen und Wertungen ausblenden,
  • in der ersten Person sprechen.

Diese Regeln fördern eine bestmögliche Behandlung und Betreuung der Patienten. Der Patient sollte zu Beginn des Gesprächs um möglichst kurze Redebeiträge gebeten werden, um das Dolmetschen zu erleichtern. Nach dem Gespräch kann ein kurzes Feedback zwischen Arzt und Dolmetscher Missverständnisse beheben oder zukünftige Einsätze verbessern. Dr. med. Markus Holtel

Dr. phil. Heidemarie Weber

Die Verantwortung liegt beim Arzt

Der Arzt muss nach deutschem Recht sicherstellen, dass der Patient die Aufklärung zu seiner Erkrankung und Therapie verstanden hat und seine Einwilligung rechtssicher erfolgt (§ 630 e BGB). Dies umfasst, soweit notwendig, auch das Übersetzen in fremde Sprachen.

Gerichte akzeptieren auch das Dolmetschen durch Laien, soweit sich der Arzt vergewissert hat, dass eine adäquate Aufklärung gewährleistet ist. Die Anforderungen steigen mit Größe und Risiko eines Eingriffs. Eine elektive Behandlung sollte verweigert werden, wenn der Patient die Aufklärung offenbar nicht versteht.

Wer die Kosten für professionelle Dolmetscher übernimmt, ist allerdings nicht geregelt. Grundsätzlich trägt sie der Patient. Der Deutsche Ärztetag forderte 2017, eine Regelung zur Bezahlung von Dolmetschern zu schaffen. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe wiederholte Anfang 2018 diese Forderung und regte eine Staatshaftung für Haftpflichtansprüche aufgrund sprachlicher Probleme an.

Eine ausführliche Darstellung des Themas mit Belegen aus der Literatur und kurzen Hinweisen für die Kitteltasche findet sich kostenfrei in der Reihe „Arbeitshilfe Bessere Kommunikation“ auf der Webseite der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der Gesundheitsversorgung.

http://daebl.de/FL58

Im Deutschen Ärzteblatt sind in dieser Reihe zum Thema Kommunikation bisher folgende Beiträge erschienen:

  • Die wichtigste Nebensache
    im OP www.aerzteblatt.de/171770
  • Gesprächsführung lernen
    www.aerzteblatt.de/1890
  • Sprechen, auch wenn es wehtut www.aerzteblatt.de/18400
  • Absprachen klar strukturieren www.aerzteblatt.de/18662

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