ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2018Psychoanalyse und Psychotherapie: Brüche und Abbrüche

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Psychoanalyse und Psychotherapie: Brüche und Abbrüche

PP 17, Ausgabe Juni 2018, Seite 272

Moser, Tilmann

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Bricht ein Patient eine langjährige Psychotherapie einfach ab, bleibt der Therapeut meist verwirrt oder geschockt zurück. Doch auch der Therapeut mag sich gezwungen sehen, eine Behandlung von sich aus, ermattet oder resigniert, zu beenden.

Foto: stlux iStockphoto
Foto: stlux iStockphoto

Jeder Psychotherapeut, jede Psychotherapeutin kennt die Verwirrung, wenn Patienten oder Patientinnen die oft langjährige Therapie kurzfristig oder plötzlich abbrechen, verlassen, kündigen oder grußlos verschwinden. Der Therapeut bleibt ratlos, verwirrt, geschockt, beleidigt, vergrämt oder verzweifelt zurück und versucht sich an die letzten Stunden, Tage, Wochen, Monate oder Jahre zurückzuerinnern. Er konsultiert seine Notizen oder ausführlichen Unterlagen. Scham, Enttäuschung, Wut oder Versagensgefühle können ihn heimsuchen oder quälen. Die nächsten Stunden oder Tage mag er niedergeschlagen verbringen. Er sehnt sich nach Einsamkeit, Trost, Mitteilung an jemand Vertrautes, Kompetentes, bei dem er sich ausweinen, aussprechen, auswüten kann. Oder er denkt an seine Intervisionskollegen, so er welche hat, oder an den aktuellen oder früheren Supervisor, falls die noch für ihn offen sind für Beratung; manchmal auch an seine Gattin, der er manches über den Flüchtling erzählt haben mag und die weiß oder ahnt, wie nahe er ihm stand. Aber oft überwiegt die Scham in einem Maß, die ihm den Weg in die schmerzliche Offenbarung von möglichen Helfern verbaut.

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Falls noch ein Abschiedsgespräch oder -gespräche stattgefunden haben, bleibt er wenigstens in Kenntnis einiger Motive oder vorgeschobener Gründe. Er erspürt die Gefühlslage des Abbrechers, riskiert einige Ermahnungen, Warnungen oder Deutungen. Er fragt sich, ob die Katastrophe erwartbar oder überfallartig hereinbrach, ringt um Fassung, flucht, weint oder atmet auf – je nach Lage der seelischen und übertragungsbedingten Gefühle. Er wundert sich über die Stärke seiner Affekte und prüft die aufschießenden Stadien der Gegenübertragung oder gerade aufblitzender eigener Übertragungsfetzens, die ja auch einmal aufbrechen dürfen.

Widersprüchliche Gründe

Der Verlassene geht traurig oder gekränkt die letzten Worte des Patienten durch, die da lauten können: „Ich habe genug, mir reicht es, ich muss endlich selbstständig werden, ich komme nicht mehr, versuchen Sie keine Umkehr meines Entschlusses, bitte keine weitere Kontaktaufnahme.“ Man bekommt aber auch Freundliches zu hören: „Ich verdanke Ihnen viel, ich gehe hinaus gestärkt ins Leben und erprobe mich, ich habe immer gestaunt, wie viel Sie kapiert haben.“ Aber dann wieder: „Ich habe genug Geld und Zeit und Hoffnung verloren, Sie haben mich nicht verstanden, Sie haben mich enttäuscht, Sie ahnen nicht, wie groß meine Hoffnung auf Sie war.“ In buntem Wechsel: „Es bleiben viele Rätsel, Verwandte und Freunde hatten mich ja gewarnt, vielleicht melde ich mich später wieder bei einem Rückfall, oder wenn ich heirate und Sie einlade. Ich brauche eine Pause, ganz habe ich Ihnen nie getraut. Sie waren der erste Mensch, dem ich voll vertrauen lernte.“ Gehörte Abschiedsworte oder -gedanken, gemurmelt oder halb verschluckt. Alles besser als das Rätsel des schweigenden Verschwindens.

Doch es gibt ja auch die umgekehrten Brüche: Wenn der Therapeut sich gezwungen sieht, ermattet, verärgert oder resigniert eine Behandlung von sich aus, meist schweren Herzens, zu beenden oder nach den ersten Begegnungen gar nicht erst zu beginnen. Dann reiht sich in der Biografie des Patienten die umgekehrte Katastrophe an, die sich oft an eine einzelne oder eine Serie von biografischen Brüchen und Abbrüchen von früher hängt. Es sind auch „schwere Stunden“, wenn er oder sie einem Patienten den Abschied geben muss. Was sich in diesem abspielt, bekommt der Therapeut zum Teil noch mit, durch den Schock, das Weinen, die Resignation oder die Wut des Patienten, die das Aufgeben oder Verabschieden des Therapeuten hinterlässt. Oft ist es eine jahrelange Verstörung: „Bin ich zu schwierig, untauglich, nicht behandelbar, war ich nicht geduldig genug oder nicht zäh genug im Leiden oder in der Hoffnung? Ich habe jedenfalls genug von Ihrer Deuterei und klugem Gerede, da sich doch nichts ändert. Dann muss ich mir einen Neuen suchen.“ Es kann dann eine lange Reihe von vergeblichen Anfragen erfolgen, weil er sein Anliegen als gebranntes Kind ungeschickt vorträgt, oder weil Therapeuten unter Umständen überhaupt zögern, Abbrecher oder Weggeschickte in Therapie zu nehmen.

Schicksalhafte Trennungen

Es gibt auch andere banalere Gründe: Wegzug, berufliche Veränderungen, oder Krankheit. Dann handelt es sich, auch wenn es vom Patienten anders erlebt werden mag, nicht um Brüche oder Abbrüche, sondern um schicksalhafte Trennungen, um die sich ebenfalls viel seelische Arbeit oder Verzweiflung ranken kann. Auch da mag es traumatische Vorgeschichten von notwendigen Trennungen geben, die ebenso einschlagen können wie eine dem Patienten angetane böse Abwendung.

In meiner aus drei Kollegen bestehenden Gruppe aus Therapeuten verschiedener Therapierichtungen geschah es, dass wir gleichzeitig an ohne Informationen abgetauchten Patienten litten. Wir grübelten zum Trost gemeinsam und blieben einer lastenden Ratlosigkeit und Ohnmacht ausgeliefert. Zum Glück schämten wir uns nicht voreinander angesichts langer Vertrautheit, und so waren die Brüche und Abbrüche, das wortlose Verschwinden leichter zu ertragen.

Dieses Thema tauchte in der Ausbildung bisher höchstens am Rande auf, obwohl es besonders für Kandidaten und jüngere Kollegen bedrückend sein kann, mit langwierigen Folgen für Wochen, Monate oder Jahre. Oft geht es um Selbstzweifel, Verunsicherung, Depression, Schuldgefühle, ja Unlust am Beruf, wenn die Katastrophen sich häufen würden. Mancher hat sogar schon angesichts der Enttäuschungen oder der aktivierten Selbstzweifel den Beruf aufgegeben.

Psychotherapeuten und Analytiker sind mindestens so kränkbar wie normale Menschen, obwohl sie emotionale Katastrophen in langen Lehrbehandlungen und mit einfühlsamer Begleitung mehrfach durchgearbeitet haben sollten. Die Qualifizierten setzen sich geübt und sogar regelmäßig auch verwirrenden Phasen aus und sind es gewohnt, zu reflektieren oder zu grübeln über therapeutische Verstrickungen. An deren Lösungen wollen sie weiter wachsen und schließlich ernten. Doch ein tadelnder oder wortloser Abbruch bedeutet eine andere Wucht der beruflichen Tauglichkeitsprüfung.

Wenn ein Betroffener zu mir zur Tröstung oder zur Supervision kommt, lasse ich ihn zuerst berichten, würdige seinen Zorn oder seine Trauer, seine Versagensgefühle oder die verzweifelten Selbstanklagen. Dann biete ich ihm an, in Form eines Symbols zu ihm zu sprechen. Das geht zuerst zögerlich und stockend, dann aber können Tränen kommen oder selbstmitleidige, zornige, verwünschende, ja hasserfüllte Sätze. Auch Rechtfertigungsversuche, bittere Deutungen, zu spät geäußerte und nachgelieferte Kombinationen oder Rekonstruktionen, die – rechtzeitig verabreicht – vielleicht noch geholfen hätten, wenn sie nicht schon getränkt waren von den verschiedensten Tonarten des Vorwurfs oder der eingetretenen Kühle als Reaktion auf Angriffe oder undurchdringlichen Widerstand.

Besseres Hinhorchen

Ein gemeinsames verstehendes Durchsprechen der Katastrophe hilft enorm, und der analytisch grundierte Besserungswille kommt späteren Generationen, mit hoffentlich leichteren Diagnosen, zugute. Genauere Vorgespräche, ein besseres Hinhorchen auf erahnbare Bruchstellen der Beziehungen werden von jedem Einzeln oder auch gemeinsam beschlossen. Rechtzeitige Supervision oder Intervision wird vereinbart, doch der Haupttrost lautet: Ich habe besten Willens und mit bester Vorbereitung gearbeitet und spüre hoffentlich ein Stück Läuterung oder Nachreifung.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2018; 16 (6): 272–3

Anschrift des Verfassers:
Dr. phil. Tilmann Moser,
Aumattenweg 3, 79117 Freiburg,
tilmann.moser@gmx.de

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