ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2018Alice Rühle-Gerstel: Ein Leben für die Freiheit

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Alice Rühle-Gerstel: Ein Leben für die Freiheit

PP 17, Ausgabe Juni 2018, Seite 274

Goddemeier, Christof

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Vor 75 Jahren starb Alice Rühle-Gerstel, eine der führenden Vertreterinnen der marxistischen Individualpsychologie und der feministischen Theorie.

„Es leuchtet ohne Weiteres ein, dass Menschen und Verhältnisse gleichzeitig und zusammen verändert werden müssen.“ Alice Rühle-Gerstel. Foto: Marta Marková
„Es leuchtet ohne Weiteres ein, dass Menschen und Verhältnisse gleichzeitig und zusammen verändert werden müssen.“ Alice Rühle-Gerstel. Foto: Marta Marková

Mit Manès Sperber war Alice Rühle-Gerstel eine der führenden marxistischen Individualpsychologen. Sie widmete sich der Förderung und Erziehung proletarischer Kinder, arbeitete als Literaturkritikerin und schrieb politische und philosophische Essays. Ihre Ehe mit dem Sozialisten Otto Rühle war immer auch eine enge Arbeitsbeziehung. Ihr wichtigstes theoretisches Werk „Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz“ (1932) ist
17 Jahre vor Simone der Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ein Hauptwerk feministischer Theorie. Gemeinsam mit ihrem Mann postulierte Rühle-Gerstel, dass traumatische Erlebnisse durch günstigere Erfahrungen ausgeglichen werden können, und nahm damit das Konzept der „korrigierenden emotionalen Erfahrung“ von Franz Alexander vorweg.

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1894 wird Alice Gerstel in Prag geboren. Die Familie ihres Vaters besitzt eine gut gehende Möbelfabrik, die Familie der Mutter ist im Tuchhandel erfolgreich. Alice und ihre zwei jüngeren Geschwister werden in jüdischer Tradition erzogen, lassen diese jedoch bald hinter sich. Während des Ersten Weltkriegs arbeitet Gerstel als Krankenschwester in verschiedenen Lazaretten, ab 1917 studiert sie in Prag und München Literatur und Philosophie. Mit der Journalistin und Übersetzerin Milena Jesenská entwickelt sich eine enge Freundschaft; Franz Kafkas „Briefe an Milena“ sind ein Stück Literaturgeschichte. Jesenská stellt Gerstel im Prager literarischen Zirkel vor, wo sie Willy Haas, Franz Werfel, Egon Kisch und andere Schriftsteller trifft.

1920 lernt Gerstel den Sozialisten und Gesellschaftskritiker Otto Rühle (1874–1943) kennen, ein Jahr später heiraten die beiden. Bereits während ihres Studiums begegnet sie Alfred Adler. Als sie ihn fragt, ob eine Psychotherapie bei ihren Verdauungsproblemen nützlich sein könne, verneint Adler und empfiehlt pragmatisch zunächst einen Apfel vor dem Schlafengehen. Später beginnt Gerstel bei Leonhard Seif eine Psychotherapie und Lehranalyse, die sie bei Erwin Wexberg fortsetzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg ist die politische und soziale Situation in Deutschland schwierig. Rühle-Gerstel und ihr Mann leben in Dresden, wo sie sich gegenseitig zu politischen, soziologischen und psychologischen Studien anregen. Sie gründen die Ortsgruppe des Internationalen Vereins für Individualpsychologie und den Verlag „Am anderen Ufer“. Bereits die „Blätter für sozialistische Erziehung“ versuchen, Karl Marx Theorie der Gesellschaft mit Adlers Individualpsychologie zu verbinden. Dabei beziehen Rühle-Gerstel und ihr Mann sich auf den Freiheitsbegriff Immanuel Kants und vor allem auf dessen „Frei-wozu“ (positive Freiheit). Das meiste der vorhandenen Pädagogik verwerfen sie, weil es allenfalls in Ansätzen für eine sozialistische Erziehung geeignet sei. Der Sinn von Erziehung liegt ihnen zufolge darin, Kultur von einer Generation an die nächste zu übergeben und „Kulturbeweger“ heranzubilden, die der bestehenden Kultur neues Kulturgut hinzufügen. In der bestehenden Klassengesellschaft ist Erziehung dagegen vor allem „Klassenerziehung“. In seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) hat Erich Fromm sich ebenfalls mit dem Kantschen Freiheitsbegriff auseinandergesetzt. „Frei zu“ meint bei ihm die Entwicklung von Selbstbestimmung und Förderung der eigenen Individualität.

1924 erscheint Rühle-Gerstels Buch „Freud und Adler“, eine Einführung in die Psychoanalyse und Individualpsychologie. Obwohl ihr Herz für Adler schlägt, würdigt sie Freuds Verdienste. Doch mehr als das Woher der Neurose interessiert sie Adlers Finalität, das Wozu und Wohin. Entscheidend für die Genesung ist demnach das Ausmaß des Gemeinschaftsgefühls. Verdrängung ist Rühle-Gerstel zufolge nicht Ursache der Neurose, sondern Folge eines verfehlten Lebensstils: „(...) nach dem gesagten scheint es, als ob die Freudsche Therapie den Kranken aus einem dunklen, stickigen in ein helles, freundliches Zimmer versetzen könne, während die Adlersche Therapie die Tore weit aufreißt mit der Ermunterung: die ganze schöne Welt liegt offen vor dir da!“ (3) Während Freuds Pessimismus von der Zukunft nichts Gutes erwartet, ist Adler für Rühle-Gerstel ein „geistiger Vorbereiter des Sozialismus“.

Menschen und Verhältnisse

In „Der Weg zum Wir“ (1927) führt sie Gedanken von Marxismus und Individualpsychologie parallel und bezieht ökonomische und persönliche Phänomene wie „Geld und Geltung“, „Preis und Macht“, „Verelendung und Isolierung“ dialektisch aufeinander. Daraus schließt sie, dass „Menschen“ und „Verhältnisse“ nicht zu trennen sind: „Alle Verhältnisse werden von Menschen gemacht, getragen oder geändert. (…) Es leuchtet ohne Weiteres ein, dass Menschen und Verhältnisse gleichzeitig und zusammen verändert werden müssen.“ Mit Adlers Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ setzt sie sich kritisch auseinander: Ihr zufolge ist es untrennbar mit sozialpolitischen und klassenbedingten Entwicklungen verbunden. Demnach muss Persönlichkeit abgebaut werden, damit der Einzelne gesunden und eine „Gemeinschaft von Gleichwertigen und Gleichwirkenden“ entstehen kann. In einem späteren Aufsatz bezeichnet sie die Individualpsychologie als „auf den Einzelmenschen angewandte(n) Marxismus“.

Für Adler war der Sozialismus zunächst prägend. Doch Mitte der 1920er Jahre distanziert er sich von Marx und zieht sich aus der Arbeiterbewegung zurück. Marxistischen Arbeitsgemeinschaften gegenüber vertritt er die Ansicht, dass die Individualpsychologie eine unabhängige Wissenschaft bleiben solle. Sperber zufolge bleibt Adler gegenüber der Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie ebenso neutral „wie gegenüber den Bemühungen katholischer und protestantischer Psychologen, seine Auffassung mit irgendeiner Glaubenslehre zu verbinden“.

In der gemeinsam mit ihrem Mann verfassten „Sexual-Analyse“ (1929) integriert Rühle-Gerstel die Ideen der Sexualreformbewegung und die Grundannahmen Adlers. Wie Adler verstehen die beiden den Menschen und seine Sexualität im Wechselspiel mit der Gesellschaft und betonen Finalität und „innere Zielstrebigkeit“, die in der Sexualität ihren Ausdruck finden.

1879 hatte August Bebel die Unterdrückung der Frau so beschrieben: „Die Frau wurde Sklavin, ehe der Sklave existierte.“ In den 1920er- und 1930er-Jahren ist die Emanzipation der Frau ein wichtiges Thema der Individualpsychologie. Adler unterstützt die Ziele der Frauenbewegung, die Wertschätzung und Förderung der Frau zieht sich durch sein Werk. Ihm zufolge spornen körperliche oder andere „Minderwertigkeiten“ dazu an, diese Mängel zu kompensieren, und liefern damit eine für die persönliche Entwicklung essenzielle Spannung. Rühle-Gerstels Hauptwerk „Das Frauenproblem der Gegenwart“ greift diesen Gedanken auf und beschreibt und diskutiert verschiedene weibliche Rollen. Ihr zufolge wechseln Frauen vom väterlichen Haushalt in den des Ehemannes und damit von einer Abhängigkeit in die andere: „Unbeschadet der Klassenlage ihrer Väter oder Gatten, unbeschadet ihrer Lebenshaltung, sind sie eigentlich Proletarierinnen.“ Adler sieht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Charakterzügen. Rühle-Gerstel widerspricht und benennt zunächst ein spezifisch weibliches Minderwertigkeitsgefühl: „Es bezieht sich auf die geschlechtsbedingte, nicht auf eine individuelle Position.“ Zur „charakterlichen Stellungnahme“ der Frau zu ihrem „durch Machtverhältnisse angewiesenen Platz“ gehörten etwa Züge von Weitschweifigkeit, Indirektheit und Unsachlichkeit. Weil alles Vollwertige mit dem Begriff der Männlichkeit verbunden sei, gehe das kompensatorische Streben der Frau nicht nur von unten nach oben, sondern auch „von der weiblichen nach der männlichen Seite des Lebens“. Rühle-Gerstel entwickelt eine Typologie von elf mehr oder weniger neurotischen, weiblichen Lebensentwürfen: „Die Richtige“ etwa will, was sie soll, und kreist ausschließlich um Mann und Kinder. Einen Teil der Möglichkeiten des Mannes erreichen die „Schlaue“, „Prinzessin“, „Liebesgöttin“, „Dämonische“ und das „Kindweib“. Die meisten Frauen verlassen jedoch den ihnen zugewiesenen Bereich nicht. Auch die „neue Frau“ löst laut Rühle-Gerstel das Problem nicht, sie erscheint lediglich als „seltene Vorbotin des Morgen“.

Tod durch Suizid

1932 emigriert das Ehepaar nach Prag. Ein Jahr später beschlagnahmen die Nationalsozialisten ihre Bibliothek. 1935 wird Rühle des Landes verwiesen und reist zu seiner Tochter nach Mexiko, Rühle-Gerstel kommt 1936 nach. Im Exil schreibt sie ihren Roman „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit“. In der Nachbarschaft lebt Leo Trotzki, dem Mexiko Asyl gewährt. Die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich zunehmend, Rühle-Gerstel übersetzt, ihr Mann malt Postkarten, die sie verkauft. Schon länger erwägt sie einen Suizid. Als Otto Rühle am 24. Juni 1943 in der Wohnung einem Herzinfarkt erliegt, stürzt Rühle-Gerstel sich aus dem Fenster und stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus. Christof Goddemeier

1.
Capovilla A: Entwürfe weiblicher Identität in der Moderne. Oldenburg: Igel Verlag 2004.
2.
Friederich J: Alice Rühle-Gerstel (1894–1943) – eine in Vergessenheit geratene Individualpsychologin. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2013.
3.
Levy A, Mackenthun G: Gestalten um Alfred Adler. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2002.
4.
Rühle-Gerstel A: Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit. Ein Prag-Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marta Marková. Berlin/Grambin: AvivA 2007.
1. Capovilla A: Entwürfe weiblicher Identität in der Moderne. Oldenburg: Igel Verlag 2004.
2. Friederich J: Alice Rühle-Gerstel (1894–1943) – eine in Vergessenheit geratene Individualpsychologin. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2013.
3. Levy A, Mackenthun G: Gestalten um Alfred Adler. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2002.
4.Rühle-Gerstel A: Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit. Ein Prag-Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marta Marková. Berlin/Grambin: AvivA 2007.

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