ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2018Ambulante Versorgung: Selbstverhinderungsmentalität
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Man kann den Therapiebedarf verwalten, beschreiben, mit Formularen dokumentieren, statistisch auswerten, daraus Behandlungs- beziehungsweise Angebotsdefizite sowie deren Kontrollen resultieren lassen und sich in Larmoyanz ergehen, ohne dabei zu merken, dass Bürokratisierung einen Qualitätsabbau bewirkt.

Erst Therapie durch die Überfrachtung durch Formalien zu entwerten, das als Niederschwelligkeit zu titulieren und dadurch kostbare Begegnungszeit mit dem Patienten zu verschwenden ... wo sind wir inzwischen eigentlich gelandet?

Echte Niederschwelligkeit gab es in grauer Vorzeit bereits, nämlich als der Patient oder die Patientin einen Therapietermin bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin ohne bisher unwirksame Bürokratie selbst vereinbarte, Probatorik vollumfänglich von Beginn an genoss, Therapie-indikationen und anderes selbstverständlich gestellt wurden und damit die persönliche Qualitätsbereitschaft der Therapeuten von Anfang an unbehindert obwalten konnte.

Anzeige

Die Schwellen und mit-(und gegen)agierenden Einrichtungen, Verfahrensbürokratie also vor der eigentlichen Behandlung sind die Verhinderer von Niederschwelligkeit, und hier entsteht Qualitätsverlust.

Merkt das eigentlich niemand?

Unsere berufsständischen Vertretungen müssten auf die Barrikaden gehen, um zu retten, was zu retten ist. Stattdessen tragen sie unser originär hochwertiges Psychotherapiesystem sukzessive und absichtsvoll, fast gutmenschlich mithilfe von Anscheinsargumenten zu Grabe, um Geldsparmechanismen das Wort zu reden, die zusammengefasst ununterbrochen schön und nützlich geredet werden.

Es hakt also nicht an der Bedarfsplanung, den Bedarf braucht man nicht zu planen, er ist da. Es hakt an der Selbstverhinderungsmentalität mit dem offenkundigen Ziel, Therapieausgaben zu verringern, zulasten der Patienten und der Motivation seitens der Behandler. Tatsächlich bisher nachvollziehbar erreichtes Ziel ist, neue Institutionen, Hürdenverwalter mit Geld und Macht zur Anpassung von Therapeuten und Patienten zu bedenken, warum? Das Geld gehört für unbehinderte, gute Arbeit in therapeutische Hände, oder darf ich zynisch werden: Die vorgebliche Niederschwelligkeit wirkt sich auch auf die Therapeutenhonorare aus, die nicht adäquat steigen dürfen?

Werden sich Berufsvertreter finden, die imstande sind, innezuhalten und zurückzuschauen? Die Jungen werden es nicht können, weil sie die Erfahrungen nicht
haben und zu sehr in die Pseudo-Erneuerungssysteme involviert sind.

Trotzdem bitte ich genau diese, sich einmal zurückzulehnen und die Sinnhaftigkeit heutiger Selbstdemontage zu reflektieren.

Christof Kohrs, 28203 Bremen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige