ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2018Analytische Psychologie: Jungs Typologie für die moderne Psychotherapie

BÜCHER

Analytische Psychologie: Jungs Typologie für die moderne Psychotherapie

PP 17, Ausgabe Juni 2018, Seite 283

Weimer, Joachim

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Reihe „Analytische Psychologie Carl Gustav Jungs in der Psychotherapie“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Modelle und Theorien Jungs auf unsere Zeit zu übertragen mit dem Ziel, sie in heutige Therapien zu integrieren.

Anschaulich und sehr elaboriert, mit zahlreichen Verweisen auf bildhafte, symbolische und mythologische Bezüge, beschreibt Monika Rafalski die vier Grundfunktionen Empfindung, Intuition, Denken und Fühlen. Hierbei erweitert sie Jungs Bild deutlich, indem sie davon ausgeht, dass jeder eine dominierende – zumeist extravertierte – Wahrnehmungsfunktion hat, also entweder Empfinden oder Intuieren, und ebenso eine dominante Urteilsfunktion, das heißt Denken oder Fühlen. Das frühere Konzept, dass Menschen insgesamt entweder intro- oder extravertiert sind, wird aufgegeben. Vielmehr nimmt Rafalski an, dass jeweils eine der Wahrnehmungs- und Urteilsfunktionen extravertiert und eine introvertiert ausgeprägt ist.

Anzeige

Sie zeigt im Weiteren auf, dass sowohl das Fühlen wie die Intuition sowohl gesellschaftlich wie in Therapien lange Zeit mindergeschätzt wurden. Hier entwickelt sich sowohl die Psychoanalyse wie die Verhaltenstherapie mit der emotionalen Wende zumindest bezüglich der Gefühle inzwischen erfreulicherweise weiter.

Spannend wird dieses Buch, das man wegen seiner profunden Ausführlichkeit als Lehrwerk bezeichnen kann, da es sowohl theoretisch wie in Beispielen aufzeigt, wie eine mangelnde oder einseitige Ausprägung der Grundfunktionen zu psychischem Ungleichgewicht und Störungen führt. Dabei zeigt die Autorin immer wieder auf, wie die einzelnen Funktionen stärker entwickelt und integriert werden können. Besonderen Wert legt sie darauf, dass die introvertiert ausgeprägten Funktionen uns den Weg zum Selbst (im Jungianischen Sinne) zeigen können. Wenngleich dabei die Klippe überwunden werden muss, dass diese eher subjektiv und mit unserer individuellen Lebensgeschichte und den daraus resultierenden Komplexen verbunden ist. Deswegen nützen wir sie häufig weniger als unsere extravertierten Funktionen, die zumeist durch ihre Schnelligkeit und Objektivität eine bessere Alltags- und Realitätswahrnehmung und -anpassung bieten.

Insgesamt ein spannendes Buch für alle, die sich für Ideen und therapeutisches Handwerkszeug der analytischen Psychologie interessieren. Joachim Weimer

Monika Rafalski: Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken. Die vier psychischen Grundfunktionen in Psychotherapie und Individuation. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2018, 236 Seiten, kartoniert, 32 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema