ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2018Traumafolgestörungen: Integrative Behandlung jenseits des „Trauma-Hypes“

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Traumafolgestörungen: Integrative Behandlung jenseits des „Trauma-Hypes“

PP 17, Ausgabe Juni 2018, Seite 285

Zorzi, Heidi

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Unauffällig kommt es daher, dieses kleine Meisterwerk schulenübergreifender Sicht- und Herangehensweise bei der Behandlung traumatisierter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener: der etwas technokratisch geratene Titel, der schlanke Umfang und das völlige (sicher gewollte) Fehlen des verkaufszahlensteigernden Stichworts „Trauma“ auf der Umschlagseite.

Auf knapp 200 Seiten stellt der Autor in äußerst fundierter Weise seinen eklektischen Ansatz in der Behandlung von Traumafolgestörungen, mithilfe anschaulicher Beispiele und auf der Basis zahlreicher zitierter Untersuchungen, vor – und das völlig frei von Schöpfer-Allüren und therapeutischer Selbstinszenierung, wie man dies in den vergangenen Jahren hin und wieder bei Publikationen zum Thema „Traumatherapie“ zwischen den Zeilen erlesen konnte.

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Sein Ansatz der „stressorbasierten Psychotherapie“ basiert auf einem transdiagnostischen, therapieschulen-übergreifenden Störungsmodell, das drei wesentliche Aspekte psychotraumatologischer Relevanz, nämlich die kritischen Lebensereignisse selbst, die Symptomatik als stresskompensatorisches Schema (Überlebensstrategien) und die auslösenden Reize (Trigger) mit- und zueinander in Beziehung setzt, woraus sich dann Ansatzpunkte für effektive psychotherapeutische Transformationen ergeben. Da sich verschiedene Ansatzpunkte zeigen, kann auch je nach theoretischer, therapeutischer und methodischer Ausrichtung des Behandlers an verschiedenen Stellen des Stressor-Netzwerkes angesetzt werden. Viele der in den letzten Jahren entwickelten traumafokussierenden Verfahren und Methoden lassen sich dem Autor zufolge, solange sie im Rahmen einer tragfähigen personzentrierten therapeutischen Beziehung, auf der Basis solider psychotherapeutischer Ausbildung und kontinuierlich aktualisierten Fachwissens und ressourcenorientiert angewandt werden, in dieses Heilungsmodell integrieren, ob vom Grundansatz her eher verhaltenstherapeutisch, psychodynamisch oder spieltherapeutisch. Das Modell orientiert sich am Wirkfaktorenmodell von Klaus Grawe und dem in jüngster Vergangenheit neurologisch zunehmend postulierten Paradigma der Gedächtnis-Rekonsolidierung, also der Annahme, dass emotional belastende Erinnerungen biografischer Erlebnisse grundsätzlich und dauerhaft heilsam transformiert werden können.

An seiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Arbeit mit komplex- und monotraumatisierten Kindern lässt der Autor, selbst Gründer und Mitleiter eines Kindertraumainstituts, den Leser in anschaulichen Fallbeispielen teilhaben, spricht seinen Fachkollegen den Mut zu, „heiße Eisen“ nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern sie bereits in frühen Therapiephasen prozessierend zu verarbeiten, jeder mit der (effizienten) Interventionsmethode seiner Wahl und in Abstimmung mit dem jeweiligen Patienten. Dabei plädiert er aber nicht etwa generell für schnelle, reduktionistische Behandlungen, sondern betont ein Eingebettetsein der Interventionen in einen – auch zeitlich – individuell gestalteten Therapieprozess. Heidi Zorzi

Thomas Hensel: Stressorbasierte Psychotherapie. Belastungssymptome wirksam transformieren – ein integrativer Ansatz. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2017, 196 Seiten, kartoniert, 34 Euro

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