Supplement: Praxis Computer

Risikodiagnostik von chronischen Schmerzpatienten: Telemedizinisches Patienten-Diagnose-System

Dtsch Arztebl 1999; 96(45): [49]

Hasenbring, Monika; Hallner, Dirk

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Ein selbsterklärendes PC-gestütztes Diagnosesystem ermöglicht es, die psychologischen Risikofaktoren der Chronifizierung von Rückenschmerzen zu analysieren. Dadurch lassen sich präventive Behandlungsstrategien optimieren - der Arzt kann frühzeitig weitere diagnostische und therapeutische Maßnahmen einleiten.
Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass 80 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben an heftigen Rückenschmerzen leiden. Bei circa 35 Prozent der Betroffenen wird sich der Rückenschmerz zu
einer chronischen Erkrankung entwickeln. In Deutschland entstehen hierdurch jährlich rund 34 Milliarden Kosten durch die Behandlung, Arbeitszeitausfälle und anderes. Es konnte gezeigt werden (1), dass die Wahrscheinlichkeit, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, für die Betroffenen bereits nach sechs Monaten Erkrankungsdauer weniger als 40 Prozent beträgt. Neuere Studien belegen, dass schon nach zwei Monaten eine sichere Vorhersage über den Chronifizierungsverlauf möglich ist. Hieraus ergibt sich die Forderung nach einer frühzeitigen Risikoanalyse, um gefährdete Patienten entsprechend behandeln zu können.
Frühzeitig Risikopatienten erkennen
Die zuverlässigste Vorhersage ist dabei durch die Untersuchung anamnestischer, psychologischer und arbeitsplatzbezogener Risikofaktoren möglich. Hierdurch können mehr als 80 Prozent der Patienten, die chronische Schmerzen entwickeln werden und daraufhin nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehren, frühzeitig erkannt werden (2). Zu den Risikofaktoren zählen zum Beispiel permanente Alltagsbelastungen, die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz, depressive Stimmungslagen, bestimmte Konstellationen sozialer Bindungen des Patienten und der Umgang des Patienten mit seinen Schmerzen.
Für die Analyse dieser Risikofaktoren steht eine Reihe von psychologischen Testinstrumenten zur Verfügung. Diese sollten folgende Kriterien einer "evidence-based medicine" erfüllen: - Es müssen Normen für spezifische Patientengruppen bestehen (zum Beispiel unspezifische akute Rückenschmerzen, akute radikuläre Schmerzen).
- Die Testinstrumente müssen über eine ausreichende Vorhersagevalidität verfügen (Vorhersagegenauigkeit > 80 Prozent). - Sie müssen über eine ausreichende Reliabilität verfügen (r > .80). Die Anwendung dieser Verfahren setzt in jedem Fall spezielle Fachkenntnisse voraus und erfordert einen relativ hohen Zeitaufwand. Dies erzeugt in Arztpraxen und Krankenhäusern zusätzliche personelle Kosten. Zur Lösung dieses Problems hat eine Arbeitsgruppe der Abteilung für Medizinische Psychologie unter der Leitung von Professor Dr. Monika Hasenbring an der Ruhr-Universität Bochum ein telemedizinisches Patienten-DiagnoseSystem (TPDS) auf Basis spezifischer Expertensysteme entwickelt. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, die Risikoanalyse möglichst vielen an der Behandlung beteiligten Ärzten anbieten zu können, ohne dass hierdurch ein personeller Mehraufwand erzeugt wird.
Nachdem die Alpha-Testphase erfolgreich abgeschlossen werden konnte, ist der Einsatz des TPDS in Zusammenarbeit mit der Lehreinheit für Allgemeinmedizin (Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Herbert Rusche), der Orthopädischen Universitätsklinik (St. Josef Hospital, Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Jürgen Krämer) und der Anaesthesiologischen Universitätsklinik (BG Kliniken Bergmannsheil, Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Michael Zenz) in Vorbereitung. Das telemedizinische Patienten-Diagnose-System (TPDS) wurde in erster Linie zur Risikoanalyse von Chronifizierungsfaktoren bei Rückenschmerzen entwickelt. An weiteren Anwendungsmöglichkeiten wird gearbeitet.
Durch die Anwendung von Programmiertechniken der virtuellen Realität (OpenGL) ist eine Darstellung gelungen, mit der ohne zusätzlichen personellen Aufwand eine Risikoanalyse der Schmerzchronifizierung erstellt werden kann. Darüber hinaus wird eine spezielle Tastatur verwendet, über die der Patient selbst seine Antworten auf die standardisierten Testfragen eingeben kann, ohne dass er hierfür über PC-Kenntnisse verfügen muss. Schon bei der Entwicklung wurde darauf geachtet, dass das TPDS vollständig selbsterklärend ist. Eine Demoversion des Systems wird im Internet unter www.medpsych.ruhr-uni-bochum/TPDS/Start.html angeboten.
Ohne die Reliabilität der Risikoanalyse einzuschränken, wurde eine so genannte adaptive Testung realisiert. Diese ermöglicht eine ökonomische Untersuchung der Risikofaktoren und überwindet die Inflexibilität anderer maschineller Diagnosesysteme. In Abhängigkeit von den Eingaben des Patienten wird die Relevanz weiterführender Fragen evaluiert und die jeweils zuverlässigste und ökonomischste weitere Vorgehensweise der Risikoanalyse gewählt. Hierdurch kann die Untersuchungszeit auf ein Minimum reduziert werden. Durch die Anbindung des TPDS an das Internet (zum Beispiel durch eine ISDN-Karte) ist eine Weiterentwicklung der Risikoanalyse möglich. Aufgrund der anonymisierten Patientendaten können weitere Reliabilitätsschätzungen vorgenommen und die Adaptivität des TPDS dynamisch verfeinert und Veränderungen angepasst werden. Die Ergebnisse der Risikoanalyse werden dem Arzt unmittelbar nach der Untersuchung als Patientenprofil zur Verfügung gestellt, so dass "Risikopatienten" sofort identifiziert werden und gegebenenfalls entsprechende therapeutische Maßnahmen und Beratungen in die Standardbehandlung integriert werden können.
Monika Hasenbring, Dirk Hallner


Kontaktadresse: Prof. Dr. Monika Hasenbring, Dr. Dirk Hallner, Ruhr-Universität Bochum, Abteilung für Medizinische Psychologie, MA 0/145, Universitätsstraße 150, 44780 Bochum, E-Mail Monika.Hasenbring@ruhr-uni-bochum.de, Dirk.Hallner@ruhr-unibochum.de


Literatur
1. Waddel G: The back pain revolution. Churchill Livingstone, Edinburgh 1998
2. Hasenbring M (1998): Predictors of efficacy in treatment of chronic low
back pain. Current opinion in An aesthesiology 11: 553-558

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