ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Von schräg unten: Urlaub

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Urlaub

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): [76]

Böhmeke, Thomas

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Des Frühlings strahlendes Grün verzaubert das Gemüt, farbenfrohe Blüten entfalten ihre verschwenderische Pracht, um von emsigen Insekten behummelt zu werden. Gleich den eifrigen Bestäubern ergreift auch die bundesdeutschen Reiseweltmeister der unstillbare Drang, der grauen Enge heimischer Stuben zu entfliehen.

Wenn besagter Hummel heimische Gärten Genüge tun, so darf es für den Homo mobilis gerne etwas mehr sein; man bereist freudig ferne Länder, dort ist alles schöner, alles besser. Ich für meinen Teil habe einfach zu viel zu tun, daher lasse ich lieber reisen und sowohl von Erwartungen wie von Erfahrungen berichten.

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Wie bei meinem heutigen Patienten. „Herr Doktor Böhmeke, in drei Wochen geht es nach Spanien, da liege ich nicht nur in der Sonne, sondern schlage unserem Gesundheitssystem ein Schnippchen!“ Da bin ich aber gespannt. „Die sind nämlich da viel besser aufgestellt, da kriegt man Medikamente, die mir die Kasse nicht erstattet, für die Hälfte!“ Ja, das ist bekannt. „Dort decke ich mich für‘s ganze Jahr ein! Eigentlich müsste man auswandern, wenn man bedenkt, wie viel Geld ich an die Kasse abdrücke, die dann nix bezahlt!“ Ich hab‘ da so meine Zweifel, ob das eine gute Idee ist. „Ach was! Im Ausland bin ich viel besser dran, was meine Gesundheit anbelangt, da ist alles viel billiger!“

Das kann ich nicht bestätigen. „Wieso?!“ Ich erinnere mich da an den Fall eines marokkanischen Ingenieurs, der mir Folgendes berichtete: Trotz völliger Beschwerdefreiheit habe man bei ihm eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt, eine Woche später einen Stent implantiert, ein halbes Jahr später invasiv kontrolliert. Er brachte sogar die Filme mit, die ich mir anschauen konnte. „Und?“ Mich traf der Schlag: Der Mann war vollkommen koronargesund, da waren weder eine Engstelle noch ein Stent zu sehen. „Ja, so schlimm ist das wohl nicht, das hat ja seine Krankenkasse bezahlt.“ Mitnichten. Er hat dafür ein Jahresgehalt auf den Tisch der Klinik gelegt.

Aber es geht noch besser: Eine Patientin erlitt in Spanien einen Herzinfarkt und wurde vom Rettungsdienst in eine weit entfernte Privatklinik gebracht. Dort eröffnete man zwar sofort das verschlossene Herzkranzgefäß, rief aber auch den Sohn an, er solle sofort 10 000 Euro überweisen, ansonsten würde man seine Mutter in der Klinik festhalten. „Du meine Güte! Das klingt ja wie Geiselhaft! Aber sie hat doch sicher danach geklagt?“ Ja, aber sie blieb trotzdem auf einem Großteil der Kosten hängen, was für sie als Rentnerin eine Katastrophe war. „So etwas ist bei uns unvorstellbar, das geht ganz und gar nicht!“

Ach, da geht noch viel mehr. Ich kenne einen Patienten, den in Bangkok ein Herzinfarkt ereilte. Er begab sich umgehend in das nächste Krankenhaus, dort wurde ein EKG geschrieben, und der Kollege teilte ihm freudestrahlend mit: „Was haben wir beide für ein Glück! Sie haben einen Infarkt, und wir ein Herzkatheterlabor! Wir helfen Ihnen aber erst, wenn Sie mir 8 000 Dollar geben!“ Nun, so viel Geld hat man nicht in der Reisetasche, daher dauerte es bis zum nächsten Tag, bis er die Summe zusammengekratzt hatte.

„Du lieber Himmel! Das ist ja was für den Staatsanwalt, das ist in Deutschland undenkbar! Aber dann war alles wieder gut, nicht wahr?“ Ja, die verschlossene Herzkranzarterie wurde rekanalisiert. Aber genützt hat es ihm nichts, das Herzmuskelgewebe war schon vollkommen infarziert, heute leidet er an einer ausgeprägten Herzschwäche. Rückblickend hätte er sich die 8 000 Dollar auch sparen können.

„Herr Doktor Böhmeke, was Sie mir da erzählen, ist ja furchtbar. Sie bringen mich ganz durcheinander, ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt noch im Ausland Urlaub machen will.“ Oh, das tut mir aufrichtig leid, ich wollte ihm nicht damit sagen, dass er in der Ferne nicht seine Freude haben soll. „Ich habe eine prima Idee! Sagen Sie mal, wann und wo machen Sie eigentlich Urlaub?“ Äh, ja so in drei Wochen, da ruhe ich mich ausnahmsweise mal aus, da geht es in den Süden, nach … aber warum interessiert ihn das? „Ich miete mich im gleichen Hotel ein! Und wenn ich in Schwierigkeiten gerate, sind Sie sofort zur Stelle!“ Nein!!! Ich will auch mal meine Ruhe haben!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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