ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Medizinstudium: Nordrhein-Westfalen bringt Landarztquote auf den Weg

AKTUELL

Medizinstudium: Nordrhein-Westfalen bringt Landarztquote auf den Weg

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1150 / B-968 / C-964

Maybaum, Thorsten; dpa

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
168 Medizinstudienplätze sollen ab dem Wintersemester 2019/2020 für angehende Landärzte bereitstehen. Foto: dpa
168 Medizinstudienplätze sollen ab dem Wintersemester 2019/2020 für angehende Landärzte bereitstehen. Foto: dpa

Das Kabinett in Nordrhein-Westfalen (NRW) hat einen Gesetzentwurf von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) zur Landarztquote im Medizinstudium sowie weitere Eckpunkte zur Umsetzung verabschiedet. „Nordrhein-Westfalen betritt hier absolutes Neuland. Bislang hat noch kein Bundesland die gesetzlichen Weichen für die Umsetzung der Landarztquote gestellt“, erklärte Laumann. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts habe gezeigt, dass nicht ausschließlich ein hervorragendes Abitur den Weg in die Medizin eröffnen dürfe. Vielmehr müsse sich die Auswahl der Studierenden mehr an den Bedarfen der medizinischen Versorgung orientieren. Dem Ministerium zufolge sollen über eine Vorabquote voraussichtlich 7,6 Prozent der Medizinstudienplätze in NRW an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, nach ihrer Facharztausbildung für zehn Jahre in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten. Das Landeszentrum für Gesundheit (LZG) soll als zuständige zentrale Vergabestelle die Auswahlverfahren betreuen und die Vergabe der Studienplätze evaluieren. Die Kriterien sind noch in einer Verordnung zum Landarztgesetz zu regeln, das das Kabinett bereits im Entwurf beschlossen hat. In die Auswahl der Studierenden sollen neben der Abiturnote Kriterien wie die Berufsausbildung und Berufserfahrung einfließen. Zudem ist geplant, im Rahmen eines standardisierten Tests die Eignung zur Tätigkeit als Landarzt zu überprüfen. Ab dem Wintersemester 2019/2020 soll die Landarztquote greifen. Dann werde man mit 168 Landarzt-Studienplätzen starten, kündigte Laumann an. Absolventen, die sich nicht an die Landarztzusage hielten, müssten mit empfindlichen Vertragsstrafen rechnen, sagte der Minister. may/dpa

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #749129
wendt@uni-greifswald.de
am Dienstag, 19. Juni 2018, 18:42

Ist das ein richtiger Weg?

Ein Kommentar / ein Standpunkt
„Mehr Landärzte“, diese Forderung ist heutzutage bundesweit verbreitet und so werden auch Politiker beraten, hier aktiv zu werden. In NRW führte dies nun jüngst zur Landarztquote: Studenten sollen sich vor Beginn des Studiums festlegen, „Landarzt“ zu werden, oder genauer ab dem Wintersemester 2019/2020 werden landesweit zunächst 7,6 Prozent aller Medizinstudienplätze vorab an solche Studenten vergeben, die sich dazu verpflichten, nach ihrer Facharztausbildung für zehn Jahre in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten. Der „Vertrag“ wird somit abgeschlossen für eine Tätigkeit in frühestens 10 Jahren.
Das Landeszentrum für Gesundheit soll Empathie und Berufserfahrung beurteilen und einen standardisierten Test zur Auswahl nutzen.
Wenn ein Studiosus nach seiner Facharztausbildung dann nicht den eingegangenen Verpflichtungen nachkommt, dann drohen 250 000 € Strafzahlung.

Man kann an so einem Konzept viele Zweifel haben. Wer kann schon vor dem Studium wissen, welches Fachgebiet ihn definitiv begeistern wird, wenn er die Fächer noch gar nicht kennt? Welche familiäre Situation verhindert vielleicht den Weg aufs Land?

Ein solches Konzept geht davon aus, dass die „Geschäftsmodelle“ in 10 Jahren noch gleich sind. Bedeutet dass, dass die Politik die bestehenden Zustände zementieren will? Kann sie das überhaupt, abgesehen von der Frage, ob es schlau ist, einen Missstand zu zementieren? Was, wenn es andere Versorgungsmodelle geben wird? Kann ich dann diesen Vertrag abrufen? Da kommen einem schon erhebliche Zweifel.

Die medizinische Versorgung wird sektorenübergreifend immer ambulanter werden, telemedizinische Beratung zieht schon heute in die Versorgung ein. Smartphones werden immer stärker zu Diagnosegeräten. Erstkontakte werden verstärkt von Pflegekräften wahr genommen werden. Die (fach-)ärztliche Versorgung im ländlichen Raum muss ja nicht mehr in klassischer Niederlassung erfolgen, welche Eltern können ihren Kindern eine Tätigkeit empfehlen, in der ich jeden 3. Monat nicht weiß, wie hoch die Regressforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung sind, weil ich meinen Patienten zu viel Gutes getan habe? Fraglich ist zudem: Ist für den Kinderarzt oder den Hausarzt in jeder Notstandsregion genug zu tun, um dauerhaft ein Praxis führen zu können? Werden nicht Krankenhäuser oder Facharztzentren bedarfsorientiert passager Regionen absichern? Neue Versorgungskonzepte incl. telemedizinischer Konsultation als Subeinheit einer integrierten Leitstelle der Region werden sich etablieren, die dann gemeindenahe Versorgung initiieren und u.a. auch noch eine erforderliche Logistik von Medikalartikeln und Pharmaka und anderer notwendiger Dienstleistungen veranlassen. Ganz nebenbei: Dies fördert auch die Attraktivität einer ganzen Region, kann Anreize schaffen, junge Menschen und Familien an eine Region proaktiv zubinden evtl. auch in eine Region „zu locken“. Gemeinden und Kommunen gewinnen wieder an (sozialer) Bedeutung und können im Verbund mit den verschiedenen regionalen Partnern proaktiv – und nicht passiv verwaltend – die Lebensräume gestalten helfen. Als Kernstrukturen tragen auf die regionalen Bedürfnisse zugeschnittene integrierte Leitstelle maßgeblich zur bürgernahen gesundheitlichen (Notfall-)Versorgung und Absicherung der Bevölkerung bei.

Qualitätsmanagement und eine einheitlich elektronische Krankenakte werden nur noch vernetzte und in ein Versorgungsnetzwerk integrierte Praxen erlauben, auch die Rolle des Hausarztes wird sich auf dem Hintergrund globalen Wissenszugriffes aufbereiteter Daten verändern - auch wenn das für die Ärzte sicher manchmal extrem lästig ist - es wird in 10 Jahren eine andere Welt existieren für die soziale und gesundheitliche medizinische Betreuung im ländlichen Raum. Gibt es auf diesem Hintergrund Sinn, heute Konditionen für die Tätigkeit festzuschreiben? Zumindest darf die Frage erlaubt sein, ob es nicht viel wichtiger ist, die Sektorengrenzen zu verändern, Vergütung für neue Versorgungskonzepte zu ermöglichen, endlich eine einheitliche Krankenakte zu etablieren und die Infrastruktur regionaler Versorgung zu etablieren mit dem Ausbau der Leitstellen zu einem Kommunikationshub.


Prof. Michael Wendt
Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema