ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Krankenhäuser: Die schlechten Jahre sind vorbei

POLITIK

Krankenhäuser: Die schlechten Jahre sind vorbei

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1152 / B-970 / C-966

Osterloh, Falk

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Zwischen 2012 und 2016 hat sich die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser nach und nach verbessert. Das zeigt der Krankenhaus Rating Report, der die Daten der Kliniken aus dem Jahr 2016 ausgewertet hat. Sorgenkinder bleiben die kommunalen Krankenhäuser im Südwesten.

Von vollständig digitalisierten Krankenhäusern ist Deutschland noch weit entfernt. Foto: stock.adobe.com

Die wirtschaftliche Lage deutscher Krankenhäuser hat sich im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Lag die Anzahl der Krankenhäuser mit erhöhtem Insolvenzrisiko 2015 noch bei 9,2 Prozent, sank sie 2016 auf 6,8 Prozent. Die Zahl der Häuser mit geringem Insolvenzrisiko stieg von 77,4 auf 84,1 Prozent. Ein mittleres Insolvenzrisiko hatten 9,0 Prozent; 13,4 Prozent waren es im Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen Krankenhaus Rating Report hervor, den das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, das Institute for Health Care Business (hcb) und das Beratungsunternehmen Deloitte herausgegeben haben.

Das Insolvenzrisiko wird im Krankenhaus Rating Report mit der Ausfallwahrscheinlichkeit gemessen. Diese gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Krankenhaus innerhalb eines Jahres seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann und damit gegebenenfalls Insolvenz anmelden muss. Von einem hohen Insolvenzrisiko gehen die Autoren des Reports bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von mehr als 2,6 Prozent aus. In diesen Fällen wäre mit erheblichen Problemen bei der Kreditaufnahme zu rechnen. Ein geringes Insolvenzrisiko haben Krankenhäuser mit einer Ausfallwahrscheinlichkeit von unter einem Prozent. Eine Kreditaufnahme wäre einfach.

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Lage variiert regional stark

„Das Jahr 2016 war für die Krankenhäuser das beste Jahr seit dem ersten Krankenhaus Rating Report vor 14 Jahren“, sagte Dr. med. Sebastian Krolop von Deloitte, einer der Autoren des Reports, Anfang Juni bei dessen Präsentation auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. Auch die Jahresergebnisse der Krankenhäuser waren 2016 so gut wie noch nie innerhalb dieses Zeitraums. Demnach schrieben 86,8 Prozent der Krankenhäuser auf Konzernebene schwarze Zahlen. Im Vorjahr waren es noch 78,4 Prozent. Rote Zahlen schrieben 13,2 Prozent – im Vergleich zu 21,6 Prozent im Vorjahr. Auf Standortebene vermuten die Autoren des Reports allerdings, dass 24 Prozent der einzelnen Kliniken einen Jahresverlust hinnehmen mussten.

Seit dem Jahr 2012 hat sich die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser verbessert. So hatten dem Rating Report zufolge 2012 noch 12,6 Prozent ein erhöhtes Insolvenzrisiko und 32,7 Prozent schrieben auf Konzernebene rote Zahlen. Für das Jahr 2017 erwarten die Autoren zunächst eine Verschlechterung der Ertragslage, im Jahr 2018 erneut eine Verbesserung.

Die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser variiert regional stark. Dabei setzen sich die Trends der vergangenen Jahre weiter fort. „Den privaten und freigemeinnützigen Krankenhäusern geht es deutlich besser als den kommunalen“, sagte Krolop. „Dabei arbeiten kommunale Krankenhäuser in armen Landkreisen wirtschaftlich. Unwirtschaftlich sind die Kommunalen in reichen Landkreisen.“ Die Ursache dafür ist, dass reiche Landkreise die Defizite ihrer Krankenhäuser ausgleichen können. In armen Kreisen sind die Häuser hingegen stärker dazu gezwungen, wirtschaftlich zu arbeiten.

Am schlechtesten geht es den kommunalen Krankenhäusern dementsprechend in Baden-Württemberg. Hier haben 34,8 Prozent ein erhöhtes und nur 28,3 Prozent ein geringes Insolvenzrisiko. In Hessen haben 26,7 Prozent ein erhöhtes und 50 Prozent ein geringes Insolvenzrisiko. Im Osten des Landes geht es den kommunalen Krankenhäusern hingegen gut. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben nur 4,3 Prozent ein erhöhtes Insolvenzrisiko – und 95,7 Prozent ein geringes.

Auch weitere Trends bleiben: „Die Ländlichkeit ist kein Nachteil, eher die Frage der Größe“, sagte Krolop. „Kleinen Krankenhäusern geht es schlechter als großen. Und je spezialisierter ein Krankenhaus ist, desto wirtschaftlicher ist es. Auch die Patientenzufriedenheit ist in diesen Krankenhäusern höher.“ Bei Verbünden gehe man zumeist davon aus, dass es ihnen wirtschaftlich besser gehe. Das stimme auch – außer bei kommunalen Krankenhäusern. „Wenn sich Kommunale zusammenschließen, geht es ihnen im Verbund wirtschaftlich schlechter als zuvor“, sagte Krolop.

Rating nach Trägerschaft in Ost/West (2016; Anteil in Prozent)
Rating nach Trägerschaft in Ost/West (2016; Anteil in Prozent)
Grafik
Rating nach Trägerschaft in Ost/West (2016; Anteil in Prozent)

Niedriger Digitalisierungsgrad

Im Krankenhaus Rating Report wurde in diesem Jahr erstmals der Digitalisierungsgrad der deutschen Krankenhäuser erhoben, gemessen im EMRAM-Score (Electronic Medical Record Adoption Modell). „Dieses Digitalisierungsmaß gibt anhand von acht Stufen den Fortschritt eines Krankenhauses bei der Einführung von papierlosen, elektronischen Patientenakten und Behandlungspfaden an“, heißt es im Report. Stufe 0 bedeute, dass die Kliniken noch mit Papier arbeiten, Stufe 7 stehe für das vollständig digitalisierte Krankenhaus, erklärte Krolop.

Deutschland habe einen EMRAM-Score von 2,2. In Dänemark liege dieser Wert hingegen bei 5,3, in den Niederlanden bei 4,7, sagte Krolop. In Deutschland haben große Häuser einen höheren Score (3,0) als mittelgroße (1,9) und kleine (1,1). Kommunale Kliniken haben einen höheren Score (2,6) als freigemeinnützige (1,7) und private (1,4). Derweil kommen erste Forderungen aus den Krankenhäusern, einen Strukturfonds aufzulegen, aus dem Investitionen in die Digitalisierung bezahlt werden.

Krankenhäuser mit einem niedrigen Digitalisierungsgrad seien signifikant unwirtschaftlicher, erklärte Krolop. Es sei jedoch nicht klar, was dabei Henne und was Ei sei: ob wirtschaftlich gute Krankenhäuser eher in den Ausbau der Digitalisierung investiert oder ob digitalisierte Krankenhäuser in der Folge mehr Erlöse erzielt hätten.

Die Investitionsmittel der Bundesländer stiegen zum Jahr 2015 um 0,4 Prozent auf 2,79 Milliarden Euro, heißt es in dem Report. Von 2013 auf 2014 waren sie um 2,6 Prozent angestiegen, während sie in den Jahren vor 2012 zumeist rückläufig waren. „Es gibt kleine Verbesserungen in einigen Bundesländern, die aber insgesamt nicht ausreichen“, sagte Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky vom RWI, einer der Autoren des Reports. „Wir brauchen 5,8 Milliarden Euro und haben nur etwa die Hälfte davon. Der Rest ist offen.“ Aufgrund der Inflation sei der reale Wert der Förderungen zudem gesunken, heißt es im Report. „Es ist davon auszugehen, dass der langfristige Trend zum realen Wertverlust der Fördermittel vor dem Hintergrund der Schuldenbremse der Länder weiter anhalten wird.“

Ab 2019 erwarten die Autoren des Reports eine kontinuierliche Verschlechterung der Ertragslage. Bis 2025 werde sich der Anteil der Krankenhäuser mit einem erhöhten Insolvenzrisiko bei weitgehend gleichbleibenden Bedingungen demnach von 6,8 Prozent im Jahr 2016 auf 23 Prozent erhöhen.

Bis 2025 gehen die Autoren zudem davon aus, dass 80 000 Vollzeitkräfte mehr in den medizinischen Diensten notwendig seien als heute – vor allem, um die sogenannten Babyboomer zu versorgen, die sich dann im Rentenalter befinden. Auch in der Altenpflege würden demnach 80 000 Vollzeitkräfte zusätzlich gebraucht. „Doch woher sollen wir diese Menschen nehmen, wenn die Zahl der Erwerbstätigen bis 2025 um vier Prozent und bis 2035 um 13 Prozent schrumpfen wird?“, fragte Augurzky. Zugleich müsse sich die Gesundheitsbranche mit anderen Branchen messen, in denen ebenfalls ein Fachkräftemangel herrsche.

Ausbildungsoffensive gefordert

Augurzky schlug verschiedene Maßnahmen vor, um die Zahl der Fachkräfte zu erhöhen beziehungsweise die anfallende Arbeit zu reduzieren: „Wir brauchen eine Ausbildungsoffensive und ein Zuwanderungsgesetz mit klaren Kriterien. Wir brauchen digitale Innovationen und Robotikassistenz.“ Die Branche müsse zudem attraktiver sein als andere Branchen. Dafür bedürfe es auch höherer Gehälter.

Augurzky warnte die Politik vor starken Eingriffen in den Markt wie die Einführung von Pflegepersonaluntergrenzen. Denn keiner wisse, welchen Effekt diese haben würden. „Der Einsatz von Pflegekräften im Krankenhaus ist Aufgabe des Krankenhausmanagements“, sagte Augurzky. „Das aus Berlin zu machen, ist schwierig.“ Besser sei es, mehr Qualitätstransparenz einzuführen, auch im Bereich der Pflege, und eine qualitätsorientierte Vergütung anzustreben. Falk Osterloh

Rating nach Trägerschaft in Ost/West (2016; Anteil in Prozent)
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Rating nach Trägerschaft in Ost/West (2016; Anteil in Prozent)

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