ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Cannabis: Falscher Eindruck
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Es handelt sich nicht um Palliativmedizin, der Einsatz von Cannabis erfolgte in einer Cannabisklinik bzw. beim Hersteller des Präparates. Auch darf nicht der Eindruck vermittelt werden, dass der bloße Einsatz von Cannabis bereits Palliativmedizin sei.

... Es handelt sich nicht um eine prospektive Studie, wie im Titel suggeriert, sondern allenfalls um eine Anwendungsbeobachtung. Es erfolgten keine Einschlusskriterien für die Patienten. Eingeschlossen wurden „all willing patients“ – ein Selektionsbias, wie selbst die Autoren betonen. 18,7 % der eingeschlossenen Patienten hatten eine gute Lebensqualität – wozu dann Cannabis? 6  238 Patienten hatten ein Schmerzniveau von 0 bei Aufnahme in die Studie. Die Einweisung und Dosisfestlegung erfolgte durch eine study nurse. Sie nahm auch die komplette gesundheitliche Vorgeschichte der Patienten auf (das wäre in Deutschland nicht gesetzeskonform).

Die Kontrollen nach 6 Monaten erfolgten telefonisch durch Selbsteinschätzung des Patienten. Dann konnte die Pflegekraft auch eine Dosisanpassung oder einen Wechsel der Cannabissorte vornehmen.

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Der stärkste Effekt war bei Patienten mit Vorerfahrung mit Cannabis zu verzeichnen. Die Effektanalyse erfolgte mit der Frage: „How would you rate the general effect of cannabis on your condition?“ ...

Die Qualität der Studie insgesamt lässt sich vielleicht auch daran ermessen, dass Schmerz bei 1 144 Patienten und Lebensqualität bei 1 165 Patienten gemessen wurde. Es gibt also keine Patienten mit einheitlichen vollständigen Datensätzen.

Es wird von geringer Ausprägung der Nebenwirkungen – insbesondere im Vergleich zu Opioiden – gesprochen, ohne den Schweregrad der Nebenwirkungen gemessen zu haben.

Von 962 Patienten haben 554 Patienten ihre Medikation (u. a. Opioide, Analgetika, Cortison) beibehalten. Gleichzeitig wurde bei einer unbekannten Zahl die Chemotherapie fortgesetzt. Damit sind die positiven Effekte in keiner Weise zuzuordnen. In einem anderen Beitrag dieser Serie heißt es: „The clinical evidence for cannabinoids as analgesics has not been convinc-ing and their use can only be weakly recommended.”

Alle Autoren haben einen conflict of interest, auch wenn er nicht genannt wurde. Raphael Mechoulam ist der „Vater“ der Cannabinoid-Forschung, Ori Lencovsky und Liat Shbiro sind Angestellte des Forschungsinstituts mit zahlreichen kommerziellen Aufträgen. Alle Artikel dieser Cannabisausgabe der Zeitschrift European Journal of Internal Medicine, die nicht frei zugänglich ist, sind frei zugänglich – wer bezahlt das?

Prof. Dr. med. Michael Zenz, 44797 Bochum

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