ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Schwere Infektionen bei Kindern in Europa: Ein Teil auch der tödlichen Infektionen wäre durch Impfung vermeidbar

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Schwere Infektionen bei Kindern in Europa: Ein Teil auch der tödlichen Infektionen wäre durch Impfung vermeidbar

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1175 / B-988 / C-984

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Science Photo Library/Cavallini, James
Foto: Science Photo Library/Cavallini, James

Infektionen sind die Hauptursache für tödliche Verläufe von Erkrankungen bei Kindern. Das gilt auch für Europa, obwohl die Sterblichkeit im Vergleich zu weniger industrialisierten Ländern gering ist. Bislang gab es kaum belastbare Daten zur Frage, welche Krankheitserreger die Hauptverursacher von Infektionen bei Kindern sind, die deshalb stationär, aber nicht primär intensivmedizinisch behandelt werden. In der prospektiven Kohortenstudie EUCLIDS wurden klinische Symptomatik und Erregerverteilung analysiert.

2 844 Kinder im Alter zwischen 1 Monat und 18 Jahren (Median: 39,1 Monate) waren wegen Infektion stationär aufgenommen worden. 98 Kliniken nahmen teil: in Großbritannien, Österreich, Litauen, Deutschland, Spanien und den Niederlanden.

Die Studie lief zwischen Juli 2012 und Dezember 2015. Die Infektionen manifestierten sich zu 43 % als schwere Sepsis und zu 57 % als nicht systemische Infektionen mit ZNS-Beteiligung, Pneumonie und Weichgewebsinfektionen. Bei den Pathogenen dominierten Neisseria meningitidis und Staphylococus aureus, gefolgt von Streptococcus pneumoniae und Gruppe-A-Streptokokken. 37,6 % der Studienteilnehmer wurden im Verlauf der Erkrankung auf intensivmedizinische Abteilungen verlegt. 93,4 % der Gesamtgruppe überlebte ohne schwere bleibende Schäden wie Beeinträchtigungen des Gehörs. Für 2 469 von 2 844 Kindern gab es Langzeit-Follow-up-Daten. Danach starben 2,3 % (n = 57): 50 an einer Sepsis und 7 an Nicht-Blutstrominfektionen. Von 47,8 % lagen Daten zur Mikrobiologie vor. Hauptursachen der Infektionen waren Neisseria meningitidis (22,8 % der Todesfälle, impfpräventabel), Staphylococcus aureus (10,5 % der Todesfälle), Streptococcus pneumoniae (19,3 % der Todesfälle, impfpräventabel) und Gruppe-A-Streptokokken (selten tödlicher Verlauf).

Fazit: Die Sterblichkeit von Kindern, die wegen einer Sepsis oder schweren lokalen Infektion im Krankenhaus behandelt werden, liegt in europäischen Ländern bei 2,3 %. Neisseria meningitidis, Staphylococcus aureus und Streptococcus pneumoniae sind die häufigsten Auslöser tödlicher Verläufe.

„Auch wenn die Autoren einen Teil der Todesfälle in ihrer Studie als impfpräventabel bezeichnen, schränken sie diese Aussage dahingehend ein, dass bei 93 % der Kinder der Impfschutz den aktuellen Empfehlungen der teilnehmenden Länder entsprach“, kommentiert Prof. Dr. med. Arne Simon, Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie am Universitätsklinikum des Saarlandes. „Die hohe Akzeptanz der Impfung ist zwar ein sehr gutes Ergebnis, andererseits gibt es keine Konjugatimpfstoffe für Säuglinge und Kleinkinder vor dem 25. Lebensmonat, die gegen alle inva-siven Pneumokokken-Serotypen wirksam sind. Außerdem sind Meningokokkeninfektionen durch die zum Beispiel in Afrika häufiger vorkommenden Serotypen Y und W in Deutschland sehr selten. Der Impfstoff gegen Meningokokken Serogruppe B wird von der STIKO noch nicht allgemein empfohlen. Das wird sich hoffentlich ändern, sobald aussagekräftige Daten zu seiner Effektivität im Hinblick auf die Vermeidung von schweren klinischen Infektionen vorliegen.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Martinón-Torres F, Salas A, Rivero-Calle I, et al.: Life-threatening infections in children in Europe (the EUCLIDS Project): a prospective cohort study. Lancet Child Adolesc 2018; http://dx.doi.org/10.1016/S2352–4642(18) 30113–5.

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