ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Elektronische Gesundheitsakte: Die App als digitale Begleiterin

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Elektronische Gesundheitsakte: Die App als digitale Begleiterin

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1158 / B-974 / C-970

Beerheide, Rebecca

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Gesundheitsakte Nummer drei ist da: Mit einem Zusammenschluss von privaten und gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen und -kassen soll die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ ab dem Sommer rund 25 Millionen Menschen erreichen.

Gesundheits- und Vitaldaten auf einen Blick: Die App „Vivy“ soll gesunde wie kranke Menschen ansprechen. Foto: dpa

Der Markt für die elektronischen Gesundheitsakten in Deutschland kommt in Bewegung: Mehrere Krankenkassen und private Krankenversicherer haben Anfang Juni in Berlin gemeinsam die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ vorgestellt. Unter ihnen die Allianz Kran­ken­ver­siche­rung, die DAK-Gesundheit, die Bahn BKK, die IKK classic sowie die Barmenia und Gothaer Kran­ken­ver­siche­rung. Nach eigenen Angaben könnte die App „Vivy“ durch den Zusammenschluss rund 25 Millionen Versicherte erreichen. Die hohe Zahl kommt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Krankenkassen-IT-Dienstleister Bitmarck zustande, der Krankenkassen aus allen „Kassenfamilien“ als Kunde hat.

Nach der Techniker Krankenkasse (TK), die Ende April ihre elektronische Gesundheitsakte der Öffentlichkeit präsentierte (siehe DÄ 18/2018), ist dies nun die zweite große Präsentation in der Öffentlichkeit. Auch der AOK-Bundesverband hatte bereits erste Ideen für eine Akte vorgestellt, diese aber noch nicht als App präsentiert. Die Barmer, mit 9,3 Millionen Versicherten eine der größten Ersatzkassen, hat bislang noch keine eigenen Pläne: „Wir beobachten den Markt sehr genau. Welche Lösung sich als beste für die Versicherten herausstellt, ist derzeit noch nicht absehbar. Eine Gesundheitsakte wird nur dann ihren potenziellen Mehrwert entfalten können, wenn die Ärzte diese auch nutzen“, hießt es auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes. Eine elektronische Gesundheitsakte (eGA) ist nicht mit der elektronischen Patientenakte (ePA) zu vergleichen, wie es das aktuelle E-Health-Gesetz fordert.

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Ministerium plant gemeinsame Gespräche mit Beteiligten

Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes soll Mitte Juni ein Gespräch im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zwischen Krankenkassen, Kran­ken­ver­siche­rungen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) stattfinden, um mögliche Details für das geplante E-Health-Gesetz II auszuloten.

Mit der Gesundheitsakte „Vivy“ sollen Versicherte und Mitglieder der beteiligten Kassen ihre Laborwerte, Röntgenbilder, Notfalldaten, den Impfpass, Medikamente sowie Vorsorgeuntersuchungen eintragen können. An Arzttermine sowie die Einnahme von Medikamenten erinnert die App, auch warnt sie vor Wechselwirkungen bei der Einnahme von OTC-Präparaten. Krankenhäuser sollen die Notfalldaten über einen Sticker oder einen Schlüsselanhänger, den die Verischerten zur Verfügung gestellt bekommen, auslesen können. Ebenso – dies ist ähnlich zu der geplanten App von der TK – können sich Versicherte ihre Daten, die die Krankenkasse über Abrechnungen hat, in die App laden lassen.

Zusätzlich sei die App als eine „Gesundheitsbegleiterin“ angelegt. Denn die Gesundheitsdaten wie Schlafqualität, Zahl der Schritte, Gewicht und Lebensstil, die vom Patienten digital selbst erhoben werden, sollen in der App dokumentiert werden. Damit sollen Versicherte eine komplette Begleitung bekommen, denn die App soll auch „sexy für Gesunde“ sein, hieß es.

Die Nutzung der App ist freiwillig und für Ärzte wie Versicherte kostenfrei, betonen die Entwickler. Die Daten liegen auf einem Server in Frankfurt/Main. Mit einer mehrstufigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Versicherte den Schlüssel hat, sei die App besonders gesichert. „Vivy“ gehört zu 70 Prozent der Allianz SE, dem Mutterkonzern der Allianz Kran­ken­ver­siche­rung. 30 Prozent gehören dem Gründer und Geschäftsführer von „Vivy“, Christian Rebernik.

Auch für Ärzte und Krankenhäuser soll die Akte zu besserer Kommunikation beitragen. Die Daten, die ein Arzt seinem Patienten zur Verfügung stellt, sollen dabei nicht veränderbar sein und in Originaldatengröße erhalten bleiben. Die App habe keine Speicherplatzbegrenzung, heißt es auf Nachfrage bei den Entwicklern. Außerdem: „Wir haben mit zahlreichen Ärzten zusammengearbeitet und dabei gelernt, wie heterogen die technischen Voraussetzungen in Deutschlands Praxen sind.“ Da für viele Ärzte das Faxgerät weiterhin das Mittel der Wahl für Kommunikation sei, wurde auch hier nach einer Lösung gesucht. „Deshalb haben wir eine Faxanbindung für ,Vivy‛ geschaffen. Somit kann der Arzt mittels einer temporär gültigen Faxnummer ein Fax direkt in die App des Patienten senden.“ Auch Patienten können ihrem Arzt Daten über Klinikaufenthalte oder von einer Untersuchung bei anderen Fachärzten senden.

Die App soll ab Juli von den beteiligten Krankenkassen ausgegeben werden. „Uns war es wichtig, dass wir ein System unterstützen, das gematik-kompatibel und maßgeschneidert ist für jede Krankenkasse, die wir betreuen“, erklärte Andreas Strausfeld, Vorsitzender des IT-Dienstleisters Bitmarck. Damit auch Ärzte Daten an ihre Patienten versenden können, entwickelt die KV Telematik, ein Unternehmen der KBV, nun diese Schnittstelle (siehe 3 Fragen an ...).

Die Mitwirkung für Ärzte und Krankenhäuser sieht die Vorstandsvorsitzende der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung, Dr. Birgit König, als besonders attraktiv. „Wir sind keine Insellösung. Wir brauchen eine Anwendung, die für gesunde Kunden genauso interessant sein muss wie für kranke Menschen“, so König. „Wir sehen hier die Chance, gemeinsam mit der PKV eine systemübergreifende Lösung zu schaffen“, sagte DAK-Chef Andreas Storm. Auch Dr. med. Stephan Hofmeister, Vizevorsitzende der KBV, begrüßte die App „Vivy“: „Sie gibt dem Patienten das Recht über die eigenen Daten. Gleichzeitig können Daten unverfälscht gespeichert sowie vom Patienten abgerufen werden.“ Rebecca Beerheide

3 Fragen an . . .

Dr. Florian Fuhrmann, Geschäftsführer der KV Telematik GmbH

Wie weit ist die Schnittstelle zu eGesundheitsakten?

Die KV Telematik entwickelt eine Open-source-Schnittstelle für die sichere Kommunikation aus dem Praxisverwaltungssystem (PVS) zu mobilen Endgeräten. Über diese Schnittstelle können Ärzte untereinander oder mit ihren Patienten verschlüsselt eArztbriefe austauschen, ohne dafür ihr PVS zu verlassen. Möglich macht dies die KV-Connect-Schnittstelle, die in allen PVS vorhanden ist. Es freut mich, dass alle großen Aktenanbieter den Einsatz der Schnittstelle für ihre Apps prüfen oder angekündigt haben. Ab dem dritten Quartal ist die Schnittstelle zur Implementierung frei verfügbar.

Wie kann der Arzt seinen Patienten Daten schicken?

Der Arzt versendet über seine Praxissoftware wie bisher einen verschlüsselten eArztbrief mit angebundenen Befunden, Bildern etc. Diesen eArztbrief kann er direkt an die App des Patienten senden oder den Patienten in CC nehmen, wenn er den Brief an seinen Kollegen schickt. Der Patient braucht nur eine App, die die Schnittstelle umgesetzt hat.

Benötigt der Arzt dafür zusätzliche Software?

Eine zusätzliche Software braucht der Arzt nicht. Der Arzt aktiviert seinen KV-Connect-Account bei seiner KV und bucht das entsprechende Modul für den eArztbrief in seinem PVS. KV-Connect ist auch über die Konnektoren der Tele­ma­tik­infra­struk­tur verfügbar.

3 Fragen an . . .

Daniel Bahr, Vorstand der Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rung

Welches Ziel verfolgt die Allianz mit der 70-prozentigen Beteiligung an Vivy?

Die Allianz ermöglicht eine gemeinsame Plattform von GKV und PKV. Vivy als elektronische Gesundheitsakte ist offen für Patienten sowie für Praxen, Labore, Krankenhäuser und Kran­ken­ver­siche­rungen. Wir wollen keine Insellösung. Das nutzt nicht nur den Kunden und Patienten in Deutschland, wir wollen auch für andere Länder lernen.

Wie unterscheidet Vivy sich von anderen digitalen Akten?

Vivy ist eine patientenzentrierte Akte. Der Patient entscheidet, welche Dokumente er bei Vivy ablegen und mit wem er sie teilen will. Kein Arzt muss seine Software oder Hardware oder seine Prozesse in der Praxis ändern. Vivy ist offen und bietet verschiedene Wege, Dokumente auf einem sicheren Weg auszutauschen. Vivy wurde so konzipiert, dass es mit der Telematikinfratruktur kompatibel ist. Nutzer können zudem Wechselwirkungen prüfen oder qualitätsgesicherte Informationen und Erklärungen erhalten. Vivy ist damit eine digitale Gesundheitsassistentin.

Welchen Nutzen haben Ärztinnen und Ärzte?

Das Patientenrechtegesetz gibt dem Patienten in § 630 g BGB den Anspruch auf seine Befunde. Ärzte können dem Patienten durch Vivy Dokumente auf einem sicheren Weg zur Verfügung stellen oder von einem Patienten sicher und verlustfrei erhalten, ohne dass diese geändert werden können. Chronische Patienten können Ärzte mit Vivy noch besser begleiten.

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CharlotteLeidenich
am Montag, 25. Juni 2018, 12:25

Und wenn keine App nutzbar ist?

Sämtliche Diskussionen setzen völlig selbstverständlich voraus, dass der Patient ein Smartphone besitzt und die App nutzen kann. Ca. 20% der Bevölkerung besitzen aber keines. Muss man sich also erst verpflichtend ein Smartphone kaufen, um seine Daten verwalten zu können oder geht es auch eine Nummer einfacher? Insbesondere Senioren und Bezieher geringer Einkünfte dürften sich da ziemlich schwer tun.
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