ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Pflegemangel im Krankenhaus: Die Situation wird immer dramatischer

POLITIK

Pflegemangel im Krankenhaus: Die Situation wird immer dramatischer

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1154 / B-972 / C-968

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Während die Politik die Behebung des Pflegemangels als eines der wichtigsten Ziele in dieser Legislaturperiode ausgegeben hat, wird der Mangel in den Krankenhäusern immer gravierender. Helfen sollen Prämien für Berufsrückkehrer, mehr Ausbildungsanreize – und die Übernahme heilkundlicher Aufgaben.

Pflegekräfte aus dem Ausland helfen heute in vielen deutschen Krankenhäusern, die offenen Stellen zu besetzen. Foto: dpa
Pflegekräfte aus dem Ausland helfen heute in vielen deutschen Krankenhäusern, die offenen Stellen zu besetzen. Foto: dpa

Der Pflegemangel ist im gesundheitspolitischen Berlin derzeit das beherrschende Thema. Unter anderem mit Pflegepersonaluntergrenzen, einer neuen Ausbildung und Geld für 13 000 zusätzliche Pflegestellen will die Bundesregierung gegen den Mangel vorgehen. Wie gravierend das Problem unterdessen im Alltag der Krankenhäuser geworden ist, wurde auf dem Hauptstadtkongress Anfang Juni in Berlin deutlich. „Wir können heute 120 der 2 000 Vollzeitstellen im Pflegedienst nicht besetzen“, sagte der Pflegedirektor des Universitätsklinikums Münster, Thomas van den Hooven. „Die Folge ist: Wir haben aktuell circa 50 Betten geschlossen. Zwölf Prozent unserer OP-Saal-Kapazitäten können wir nicht nutzen. Das hat natürlich auch Folgen für das wirtschaftliche Ergebnis.“

Anzeige

Der Vorstandsvorsitzende des Albertinen-Diakoniewerks aus Hamburg, Matthias Scheller, berichtete aus seinem Haus: „Wir mussten Betten schließen und wir mussten geplante Operationen absagen, weil wir nicht genügend Pflegekräfte haben.“ Im Pflegebereich „befinden wir uns in der Bundesrepublik in einer Negativspirale“. Durch den Personalmangel bei steigenden Fallzahlen komme es zu einer Arbeitsverdichtung, die wiederum noch mehr Pflegekräfte veranlasse, ihre Arbeitszeit zu verkürzen oder aus dem Beruf auszusteigen. „Dieses Problem wurde von vielen Vorständen unterschätzt, die gehofft haben, es werde sie schon nicht treffen“, meinte Scheller. Doch „ich befürchte, dass wir das Ende der Abwärtsspirale noch nicht erreicht haben.“

Van den Hooven erklärte, wie das Universitätsklinikum Münster auf die Situation reagiert: „Wir sprechen Pflegekräfte an, die schon in Rente gegangen sind, oder Pflegekräfte, die unser Haus verlassen haben, ob sie nicht zu ihrer Arbeit bei uns zurückkehren wollen. Wir haben die Ausbildungszahlen aufgestockt. Und wir akquirieren Pflegekräfte in anderen Ländern.“ In diesem Jahr habe das Klinikum circa 200 Vollzeitstellen mit Pflegekräften aus dem Ausland besetzt: aus Vietnam, Brasilien, Kolumbien oder Italien. „Wir unternehmen enorme Anstrengungen in diesem Bereich“, sagte van den Hooven. „Das ist sehr aufwendig und kostenintensiv. Aber wir müssen es tun. Denn in Deutschland kriegen wir keine Pflegekräfte mehr.“ Und kaufmännisch betrachtet sei es noch teurer, Krankenhausbetten zu schließen.

800 Wohnungen im Bestand

„Ich befürchte, das Ende der Abwärtsspirale ist noch nicht erreicht.“ Matthias Scheller, Albertinen-Diakoniewerk, Foto: Albertinen-Diakoniewerk e.V.
„Ich befürchte, das Ende der Abwärtsspirale ist noch nicht erreicht.“ Matthias Scheller, Albertinen-Diakoniewerk, Foto: Albertinen-Diakoniewerk e.V.

Ähnlich ist es auch beim Albertinen-Diakoniewerk. „Wir akquirieren Pflegekräfte in Italien, Spanien, Portugal oder den Philippinen“, sagte Scheller. „Zudem kümmern wir uns um Wohnungen in Hamburg. Das ist ein wichtiger Faktor. Wir haben etwa 800 Wohnungen in unserem Bestand, die wir unseren Pflegekräften anbieten können.“

„Wir haben massiv unsere Ausbildungsplätze erhöht“, berichtete die Vorsitzende der Geschäftsführung des Berliner Krankenhausunternehmens Vivantes, Dr. med. Andrea Grebe. „Wir haben die Kapazitäten verdoppelt.“

Die Experten mahnen Strukturveränderungen an, um dem Pflegemangel zu begegnen. „Wir haben einen fantastischen Beruf, doch die Rahmenbedingungen sind nicht die, die wir uns wünschen“, sagte der gelernte Krankenpfleger van den Hooven. „Wir brauchen strukturelle Veränderungen und darin eine deutliche Stärkung der Pflege. Zusammen mit den anderen Berufsgruppen müssen wir uns überlegen, wie wir die Aufgaben besser verteilen können.“

Eigener Wert im DRG-System

Ihm geht es dabei jedoch nicht allein um die Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegekräften. „Wir haben heute im Krankenhaus viele Hilfskräfte: Servicekräfte, Transportdienst, Medizinische Fach-angestellte. Die können auch Arbeiten von Pflegefachkräften übernehmen – wenn auch vielleicht nicht in derselben Qualität.“ Dennoch müssten Pflegekräfte bereit sein, auch andere Berufsgruppen zu akzeptieren.

Van den Hooven wünscht sich eine Umgestaltung des DRG-Systems – aber eine andere als die, die die Bundesregierung anstrebt. Union und SPD wollen die Pflegekosten aus den DRGs herausrechnen lassen und extra vergüten. Van den Hooven fordert hingegen, dass die Pflege einen Wert im DRG-System bekommen müsse. „Heute ist die Pflege nur ein Kostenbestandteil, sie trägt aber nicht direkt dazu bei, dass das Krankenhaus Erlöse erwirtschaftet“, sagte er. Wenn sie dazu beitragen würde, stände die Pflege heute anders da.

Der geschäftsführende Gesellschafter der NursIT Institute GmbH, Heiko Mania, kritisierte, dass der Pflegebereich im Krankenhaus zu schlecht digitalisiert sei. „In nur 27 Prozent der Krankenhäuser ist die Arbeit der Pflegekräfte digitalisiert“, sagte er. „Die anderen arbeiten noch mit Papier und Bleistift und sie müssen sich mit Medienbrüchen, Nacharbeiten und Wartezeiten herumschlagen.“ So würden zum Beispiel vielerorts die Vitalwerte von Patienten noch nicht automatisch in das System übernommen. „Heute verbringen Pflegekräfte bis zu 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Dokumentieren“, kritisierte Mania. Mithilfe der Digitalisierung müsse dieser Dokumentationswahnsinn reduziert werden.

„Wir können im Pflegedienst 120 der 2 000 Vollzeitstellen nicht besetzen.“ Thomas van den Hooven, Universitätsklinikum Münster, Foto: Universitätsklinikum Münster
„Wir können im Pflegedienst 120 der 2 000 Vollzeitstellen nicht besetzen.“ Thomas van den Hooven, Universitätsklinikum Münster, Foto: Universitätsklinikum Münster

„Mehr digitale Prozesse in der Pflege finde ich super“, betonte Scheller vom Albertinen-Diakoniewerk. „Das Problem ist aber, dass sie nicht finanziert werden. Wir sollten das Geld, das die Politik jetzt für 13 000 neue Pflegekräfte ausgeben will, die es auf dem Markt gar nicht gibt, lieber in die Optimierung digitaler Prozesse stecken, um die Pflegekräfte zu entlasten, die heute bei uns arbeiten.“

Der Vorstandsvorsitzende der Rhön-Klinikum AG, Stephan Holzinger, berichtet davon, dass die Rhön-Kliniken derzeit massiv in den Ausbau der Digitalisierung investierten. „Im ärztlichen Bereich arbeiten wir heute mit einer digitalen Anamnese, bei der den Ärzten in Sekundenschnelle sämtliche Patientendaten zur Verfügung gestellt werden.“ Zudem werte eine intelligente Software die täglichen Laufwege der Pflegekräfte aus und errechne die günstigsten Routen. Dabei werde auch nach Dringlichkeit unterschieden, wenn Patienten nach einer Pflegekraft klingelten: „Ist es ein Notfall, braucht der Patient ein neues Medikament oder möchte er nur eine neue Blumenvase haben?“

Die Experten sprachen sich darüber hinaus gegen die Einführung von Pflegepersonaluntergrenzen aus, die die Politik plant. „Ich bin gegen starre Grenzen“, sagte Scheller. „Denn die Menschen, die wir einstellen sollen, gibt es auf dem Arbeitsmarkt ja gar nicht. In Hamburg haben wir zusammen mit Asklepios und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ausgerechnet, dass wir 25 Prozent unserer Patienten in der Herzchirurgie gar nicht mehr versorgen könnten, wenn die Personaluntergrenzen sofort kommen würden.“

Derweil hat der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, fünf Vorschläge veröffentlicht, mit denen er den Pflegemangel bekämpfen will: So sollen Pflegekräfte eine steuerfreie Prämie von 5 000 Euro erhalten, wenn sie in ihren Beruf zurückkehren sowie Teilzeitkräfte eine Prämie von 3 000 Euro, wenn sie ihre Arbeitszeit um mindestens 20 Prozent aufstocken. Auch die Einrichtungsbetreiber sollen eine Prämie von insgesamt 3 000 Euro erhalten, aufgeteilt in eine „Gewinnungsprämie“ und eine „Bindungsprämie“ – wenn die Pflegekraft nach einem Jahr weiterhin im Betrieb tätig ist.

Heilkundliche Aufgaben

Zudem fordert Westerfellhaus, Pflegekräften heilkundliche Aufgaben zu übertragen, um die Attraktivität des Berufs zu stärken, zum Beispiel in den Bereichen Versorgung chronischer Wunden, spezifische Infusionstherapie und Versorgung von Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2. Der Pflegebevollmächtigte greift auch ein Modell aus Schweden auf, bei dem Pflegefachkräfte die Möglichkeit erhalten, bei 80 Prozent Arbeitszeit 100 Prozent Lohn zu bekommen. In der freien Zeit darf dabei keine Nebentätigkeit ausgeübt werden, da sie der Regeneration dienen soll.

Darüber hinaus sollen Kostenträger und Altenpflegeeinrichtungen Zuschläge für innovative Konzepte vereinbaren können, die die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiver machen, zum Beispiel im Bereich der Dienstplanstabilität. Anreize sollen Einrichtungsbetreiber zudem erhalten, wenn sie Ausbildungskonzepte „von der Assistenz bis zum Master“ entwickeln. Dafür soll der Kostenanteil der Einrichtungen an der neuen Pflegeausbildung gesenkt werden. Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige