ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Multiple Sklerose: Langzeitstudie über 60 Jahre: Die durchschnittliche Überlebenszeit ist angestiegen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Multiple Sklerose: Langzeitstudie über 60 Jahre: Die durchschnittliche Überlebenszeit ist angestiegen

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1176 / B-989 / C-985

Gerste, Ronald D.

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

Mehrere Studien weisen auf eine zunehmende Lebenserwartung für Patienten mit multipler Sklerose (MS) hin, auch wenn sie gegenüber der Normalbevölkerung um 7–14 Jahre verkürzt ist. Kaum eine Studie deckt eine Zeitspanne von 60 Jahren ab wie die aus der norwegischen Provinz Hordaland: Es sind Patienten mit einer Diagnose ab 1953 erfasst. Ziel war die Bestimmung der Lebenserwartung der Patienten und ein Vergleich der Mortalitätsraten für spezfische Todesursachen mit der Normalbevölkerung.

Die Studienpopulation umfasste 1 388 Patienten, davon 62 % Frauen. 1 209 Patienten (87 %) hatten die schubförmig verlaufende Form und 179 (13 %) die primär-progrediente MS. Bis zum 21. Dezember 2012 waren 291 (21 %) der Patienten verstorben. Ihre mittlere Lebenserwartung hatte 74,7 Jahre betragen gegenüber 81,8 Jahren für die Durchschnittsbevölkerung.

Patienten mit schubförmig verlaufender MS hatten mit durchschnittlich 77,8 Jahren eine höhere Lebenserwartung als jene mit primär-progredienter Form (71,4 Jahre). Die standardisierte Mortalitätsrate ([SMR]; Wert > 1: höhere Sterblichkeit als erwartet, Wert < 1: niedrige Sterblichkeit) betrug für alle MS-Patienten 2,7 (für primär-progrediente MS: 3,9; für schubförmige MS: 2,4). Für Patienten, deren MS zwischen 1953 und 1974 begann, betrug die SMR 3,1, für Krankheitsbeginn zwischen 1975 und 1996 lag sie bei 2,6 und für Manifestation ab 1997 bei 0,7.

Die Autoren warnen vor zu optimistischer Interpretation wie einer lebensverlängernden Wirkung moderner Medikamente. Für 56,4 % der Verstorbenen war MS als Todesursache dokumentiert. Bei anderen häufigen Todesursachen außer MS gab es in der Population mit MS keine signifikanten Unterschiede zur Normalbevölkerung: kardiovaskuläre Erkrankungen (14,8 %) und Malignome (14,1 %) waren die nächsthäufigen Todesursachen.

Fazit: „Die Studie zeigt, dass die Lebenserwartung von Patienten mit einer multiplen Sklerose in der Vergangenheit um etwa 7 Jahre in Norwegen verkürzt war, es zuletzt aber wahrscheinlich zu einem Angleichen der Lebenserwartung kommt“, erklärt Prof. Dr. Andreas Straube von der Neurologischen Klinik am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Es lässt sich aber nicht unterscheiden, ob dies durch ein besseres Management möglicher Komplikationen wie Aspirations-Pneumonie, Infekte der ableitenden Harnwege und Dekubitus oder durch Reduktion der MS-Progression mit Erkrankungs-modulierende Therapien wie Interferone etc. bedingt ist. Die genannten Todesursachen sind nur bedingt aussagekräftig, da eine multiple Sklerose nur in seltenen Fällen als direkte Todesursache angesehen werden kann. Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Abgrenzung von den in den Jahren 1953 bis 1997 diagnostizierten MS-Patienten zu Patienten mit Neuro-Myelitis-Spektrum-Erkrankungen, wie sie in den letzten Jahren vermehrt beschrieben wurden. Die scheinbare Reduktion des Sterberisikos in den letzten Jahren könnte auch einer besseren Abgrenzung gegenüber klinisch ähnlichen, aber prognostisch schlechteren Erkrankungen geschuldet sein.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Lunde HMB, Assmus J, Myhr KM, et al.: Survival and cause of death in multiple sclerosis: a 60-year longitudinal population study. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2017; 88: 621–5.

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