ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2018Fußballweltmeisterschaft 2018: Damit Erreger keine Treffer landen

MEDIZINREPORT

Fußballweltmeisterschaft 2018: Damit Erreger keine Treffer landen

Dtsch Arztebl 2018; 115(24): A-1174 / B-983 / C-979

Meyer, Rüdiger

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Die Spiele der WM finden hauptsächlich im europäischen Teil Russlands statt. Als Massenveranstaltung bergen die jedoch das Risiko von Infektionskrankheiten.

Foto: Kateryna/pico/Kon-stock.adobe.com [m]
Foto: Kateryna/pico/Kon-stock.adobe.com [m]

Internationale Massenversammlungen stellen ein Gastgeberland vor zahlreiche Herausforderungen – auch hinsichtlich der Gesundheitsprävention von Besuchern und Bevölkerung. So werden zur Fußballweltmeisterschaft 2018 an den 10 Spielorten bis zu 1 Million ausländischer Besucher erwartet. Von den Gesundheitsbehörden gefürchtet wird in diesem Zusammenhang:

  • das Einschleppen von Infektionskrankheiten sowie das erhöhte Risiko ihrer Übertragung durch infizierte Personen im Gedränge,
  • Ausbrüche von endemischen Infektionskrankheiten,
  • der unkontrollierte Verkauf von Nahrungsmitteln/Getränken,
  • ein erhöhtes Risikoverhalten in Verbindung mit Alkohol/Drogen.

In Betracht ziehen müsse man auch, dass die erhöhte Medienaufmerksamkeit und der politische Druck im Gastgeberland Entscheidungen der öffentlichen Gesundheitsbehörden nachhaltig beeinflussen könnten, wie das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zum Start der Fußballweltmeisterschaft 2018 mitteilt. Demnach müssen sich die Besucher in Russland – anders als vor 4 Jahren in Brasilien – nicht vor tropischen Infektionen wie Dengue, Gelbfieber oder Chikungunya fürchten. Gesundheitlich völlig bedenkenlos sei die Reise jedoch auch nicht.

Das größte Risiko für die Fans dürfte eine Reisediarrhö sein. Gastrointestinale Infektionen sind in Russland vergleichsweise häufig, und neben Noroviren können auch Salmonellen, E. coli, Campylo-bacter, Giardia intestinalis und Virusinfektionen dafür sorgen, dass die Fans die Spiele am Fernseher im Hotelbett statt im Stadion verfolgen müssen. Standardhygienemaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen mit Seife und das Trinken von sauberem Wasser (abgefüllt, chloriert oder gekocht vor dem Verzehr) können laut ECDC das Risiko mindern. Am sichersten ist der Verzehr gekochter Speisen.

Russland hat höchste Rate von HIV-Neuinfektionen in Europa

Es gibt zwar derzeit keine ernstzunehmenden Epidemien in Russland, aber eine ausreichende Immunität gegen Diphtherie, Hepatitis A, Hepatitis B, Masern, Meningokokkeninfektion, Mumps, Keuchhusten, Poliomyelitis, Röteln und Tetanus kann nach Einschätzung der ECDC nicht schaden.

Vor ungeschützten Sexualkontakten wird ausdrücklich gewarnt. Russland hat die höchste Rate von HIV-Neuinfektionen in der europäischen Region: 2016 wurden 103 000 Erkrankungen bekannt (72,1/100 000 Einwohner). Auch Syphilis und Gonokokkeninfektionen sind verbreitet. Noch häufiger sind Chlamydien. Genaue Angaben fehlen, doch bei Risikogruppen wurden Prävalenzen einer aktiven Erkrankung (DNA-Nachweis) zwischen 2,9 und 33 % gefunden.

Auch die Tuberkulose ist in Russland mit 66 568 Neuerkrankungen in 2017 häufig. Eine Tröpfcheninfektion ist immer dann möglich, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammentreffen. Wegen der längeren Inkubationszeit würden die Symptome erst nach der Rückkehr auftreten. Ärzte sollten bedenken, dass der Anteil der MDR-Tuberkulose in Russland hoch und von Anfang an eine gezielte Therapie erforderlich ist.

Exotische Infektionen sind nicht zu befürchten. Die Demokratische Republik Kongo, wo es derzeit einen Ebolaausbruch gibt, hat sich nicht qualifiziert, sodass von dort keine Fans erwartet werden. Die Zahl der MERS-CoV-Infektionen in Saudi-Arabien, das zu den Teilnehmerländern gehört, ist zu gering, als dass eine Einschleppung befürchtet werden muss.

Übrigens: Dokumentierte Infektionen in Verbindung mit Massenversammlungen sind gar nicht so selten. Es traten beispielsweise auf:

  • die Legionärskrankheit während der Europameisterschaft in Frankreich 1998;
  • ein Masernausbruch in Deutschland, der seinen Ursprung 2010 bei einem religiösen Treffen in Frankreich hatte;
  • invasive Meningokokken-Krankheit (IMD) unter Pfadfindern, die 2015 am World Scout Jamboree in Japan teilgenommen hatten;
  • ein Norovirus-Ausbruch während der Olympischen Winterspiele in Südkorea 2018. Rüdiger Meyer

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