ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Herman Boerhaave, der große Arzt der Aufklärung

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Herman Boerhaave, der große Arzt der Aufklärung

Dtsch Arztebl 2018; 115(25): [76]

Schuchart, Sabine

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Der Sohn eines mittellosen Landpfarrers machte die holländische Universität Leiden zu Beginn des 18. Jahrhunderts für vier Jahrzehnte zum Mekka der Medizinausbildung. Schüler aus ganz Europa und selbst Übersee besuchten Boerhaaves legendären Unterricht am Krankenbett.

Seine holländische Heimat, die nach dem Westfälischen Frieden 1648 ihre Unabhängigkeit erlangt hatte, verließ er während seines 70 Jahre währenden Lebens nicht ein einziges Mal, obwohl ihn ausländische Herrscher von Friedrich Wilhelm I. bis hin zur russischen Zarin als Leibarzt verpflichten wollten. Herman Boerhaave führte eine umfangreiche Korrespondenz mit Ärzten und Naturwissenschaftlern in ganz Europa, aber seiner Geburtsstadt Leiden kehrte er fast nie den Rücken. Lediglich 1693 ist eine kurze Reise ins 100 Kilometer entfernte Harderwijk überliefert, als er dort an der Universität zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Doch so regional verwurzelt er war, so breit gefächert war sein Wissen und so vorurteilsfrei sein Verstand. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens hörten 2 000 Studenten seine medizinischen, botanischen und chemischen Vorlesungen in lateinischer Sprache. Aus Europa, Amerika und sogar dem Vorderen Orient strömten Schüler zu seinem legendären Unterricht am Krankenbett. Mit seiner praxisnahen Lehre etablierte Boerhaave die Medizin als neuzeitliche Erfahrungswissenschaft und begründete die moderne Arztausbildung. Obwohl keine revolutionären Entdeckungen auf ihn zurückgehen, war sein Einfluss auf die Schulmedizin immens.

In einer kinderreichen, calvinistischen Pfarrersfamilie aufgewachsen und früh zu Bildung, unabhängigem Denken, Fleiß und Landarbeit angehalten, sollte er eigentlich Pastor werden. 1684 begann Boerhaave ein Studium der Theologie und Philosophie, das er 1689 mit einer Dissertation über den Unterschied zwischen Seele und Körper abschloss. Aber schon damals, auch wenn er sich dies noch nicht eingestand, faszinierten die Naturgesetze den gläubigen Studenten mehr als christliche Dogmen. Neben seinen Hauptfächern hörte er Mathematik, Physik, Botanik und Chemie, besuchte Sektionen und studierte schließlich trotz finanzieller Nöte auch noch Medizin. Weitgehend autodidaktisch absolvierte er ein immenses Bücherstudium, vertiefte sich in die Werke der Griechen, Araber und Römer sowie die jüngere Entwicklung der Heilkunde in Europa. Besonders beeindruckt war er von den Naturbeobachtungen des antiken Hippokrates, der nach Ansicht Boerhaaves bei den Medizinern seiner Zeit zu Unrecht in Vergessenheit geraten war.

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Nach seiner Dissertation „Über die Nützlichkeit der Prüfung von Exkrementen Kranker auf Krankheitszeichen” eröffnet der frisch gebackene Arzt 1693 eine Praxis in Leiden. 1701, mit 33 Jahren, wird er Lektor für theoretische Medizin an der Universität der Stadt. 1709 folgt der Ruf zum Professor für Botanik. Dem botanischen Garten der Universität verschafft er durch sein Engagement Weltgeltung und unterweist seine Studenten begeistert in Kräuter- und Heilpflanzenkunde. 1714 erhält er zusätzlich die Professur für Medizin in Leiden und eine Lehrklinik, an der der charismatische Boerhaave eine ganze Generation führender europäischer Mediziner ausbilden wird. Doch auch in der Chemie fasziniert er mit seinen Experimenten – und erhält 1718 seinen dritten Lehrstuhl.

Seine zahlreichen Lehrverpflichtungen und die florierende Privatpraxis fordern allerdings mit den Jahren ihren Tribut. Boerhaave leidet seit Langem unter schweren Gichtanfällen und weiteren Beschwerden, dennoch unterrichtet er bis ein Jahr vor seinem Tod im September 1738 weiter. Sein letztes Lebensjahr verbringt er außerhalb der Stadt in seinem Landhaus: Dort widmet er sich der Musik und Literatur – und seinem kleinen botanischen Privatgarten, den er bis zuletzt pflegt. Sabine Schuchart

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1724 diagnostizierte der Mediziner, Botaniker und Chemiker Herman Boerhaave (1668–1738) als Erster eine spontane Ruptur der Wandschichten der Speiseröhre infolge massiven Erbrechens und benannte die bis dato unbekannte Krankheit nach sich. Der Arzt hatte bei einem opulenten Essgelage miterlebt, wie sich ein Freund plötzlich schwallartig übergab und tot umfiel. Bei der Obduktion stieß Boerhaave auf die Ruptur des Ösophagus als Todesursache. Diese sehr seltene, zu 20 bis 40 Prozent letale Krankheit betrifft heute vor allem männliche Alkoholabhängige jenseits des 50. Lebensjahres. Dem Holländer gelang drei Jahre später eine weitere Entdeckung, die allerdings nicht seinen Namen trägt: Als Erster identifizierte er im Urin den kristallinen Harnstoff, den er „Sal nativus urinae“ nannte, das „natürliche Salz des Urins“. Das Bild zeigt ihn im Jahr 1736, zwei Jahre vor seinem Tod, auf einem Gemälde von Cornelis Troost.

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