ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2018Nachwuchsärzte: Verdruss im Krankenhaus

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Nachwuchsärzte: Verdruss im Krankenhaus

Dtsch Arztebl 2018; 115(25): A-1209 / B-1017 / C-1012

Richter-Kuhlmann, Eva

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Eine aktuelle Umfrage des Marburger Bundes zeigt: Medizinstudierende im Praktischen Jahr fühlen sich als billige Arbeitskräfte, deren Ausbildung zu wenig Rechnung getragen wird.

Allein gelassen an langen Arbeitstagen fühlen sich viele Medizinstudierende im Praktischen Jahr. Foto: picture alliance/Westend61

Lange Arbeitszeiten, unzureichende Anleitung und mangelnde Anerkennung: Diese Trias führt dazu, dass sich Medizinstudierende im Praktischen Jahr (PJ) häufig als „Lückenbüßer“ fühlen, die im Krankenhaus das fehlende Personal ersetzen müssen. Für den Marburger Bund (MB) deuten die Ergebnisse seiner Mitte Juni vorgestellten Onlineumfrage nicht gerade auf einen optimalen Start in das ärztliche Berufsleben hin. Befragt zu den Arbeitsbedingungen im PJ hatte er im März und April dieses Jahres rund 1 300 Studierende im PJ beziehungsweise Ärztinnen und Ärzte, die ihr PJ gerade absolviert hatten.

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Insbesondere berichteten die Nachwuchsärzte über eine hohe Wochenarbeitszeit: So verbrachten der Umfrage zufolge zwei von drei Medizinstudierenden (63 Prozent) 40 bis 50 Stunden pro Woche im Krankenhaus, acht Prozent sogar 50 bis 60 Stunden. Nur 28 Prozent der Medizinstudierenden waren weniger als 40 Stunden in der Klinik. Ein Fünftel (21 Prozent) musste auch regelmäßig Zusatzdienste außerhalb der täglichen Anwesenheitszeit leisten. „Die hohen wöchentlichen Anwesenheitszeiten und die Zusatzdienste verstoßen gegen die Approbationsordnung und widersprechen eklatant dem Ausbildungscharakter des PJ. Es kann nicht sein, dass Medizinstudierende als billige Hilfskräfte missbraucht werden, weil die Kliniken zu wenig Personal vorhalten“, kritisierte Dr. med. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes.

PJ dient der Ausbildung

Besonders bedenklich ist nach Ansicht von Botzlar, dass der Umfrage zufolge ein Großteil der PJler (74 Prozent) ärztliche Kernleistungen ohne Anleitung und Aufsicht von ärztlichen Betreuern übernimmt. Zwar dürften Studierende bestimmte ärztliche Verrichtungen in Abhängigkeit von ihrem Ausbildungsstand durchführen, stellte der 2. Vorsitzende des MB klar, aber immer nur unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes. Als „alarmierend“ bezeichnete Botzlar, dass 18 Prozent der PJler auch Dienste allein bestreiten mussten – ohne Anwesenheit des Arztes.

Einfach machen wollten es sich die Studierenden nicht, stellte Victor Banas, Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im MB, klar. „Die Studierenden im PJ fühlen sich den Patienten und ihren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auf Station verpflichtet. Deshalb bleiben sie häufig länger und helfen aus, wo sie können“, erklärte er. Neben der praktischen Ausbildung müsse aber genügend Zeit zur Vorbereitung auf das Examen zur Verfügung stehen sowie auch Zeiten für Erholung und Urlaub. Erkrankungen dürften diese Zeiten nicht verkürzen, so wie das derzeit der Fall sei. „Eines unserer Hauptanliegen ist deshalb eine Trennung von Fehl- und Krankentagen “, forderte Banas.

Einheitliche Entschädigung

Wichtig sei ferner eine finanzielle Anerkennung: „Wir brauchen eine bundesweit einheitliche PJ-Aufwandsentschädigung auf einem mindestens existenzsichernden Niveau, wie dies jüngst auch der Deutsche Ärztetag gefordert hat“, sagte der Medizinstudent. Der Umfrage zufolge bestritten 35 Prozent der Medizinstudierenden mit der Aufwandsentschädigung ihren Lebensunterhalt. Erforderlich seien aber oft noch Zuwendungen von Eltern oder Familie, da die Kliniken meist weniger als den BaföG-Höchstsatz von derzeit 649 Euro zahlten. Ein Drittel der Befragten erhielt sogar weniger als 300 Euro. „Die Studierenden müssen endlich aus dem Sozialamtsniveau herausgehoben werden“, forderte Botzlar.

Auf einen erhöhten Druck auf junge Ärztinnen und Ärzte sowie junge Pflegende durch Arbeitsverdichtung und Personalmangel hatte Angang Juni auch eine von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) initiierte Befragung hingewiesen. An der Studie, die vom Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare) am Universitätsklinikum Hamburg in Kooperation mit verschiedenen Berufsverbänden initiiert worden war, nahmen 200 Pflegekräfte sowie etwa 800 junge Ärztinnen und Ärzte im Alter von bis zu 35 Jahren teil. Von ihnen hat nur eine Minderheit den Eindruck, für ihre Leistungen und ihren Einsatz ausreichend Anerkennung zu bekommen. Viele fühlten sich hingegen in jungen Jahren ausgebrannt und Burn-out-gefährdet. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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