ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2018Lehre in der Allgemeinmedizin: Innovativ und individuell

POLITIK

Lehre in der Allgemeinmedizin: Innovativ und individuell

Dtsch Arztebl 2018; 115(25): A-1204 / B-1014 / C-1009

Beerheide, Rebecca; Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Neue Lehrformate, andere Arbeitsmodelle, innovative Denkansätze zur Versorgung: Die neu berufenen Professorinnen und Professoren in der Allgemeinmedizin verlassen teilweise die lang etablierten Wege an den Hochschulen. Vier Beispiele aus den medizinischen Fakultäten.

Ausbildung in sehr kleinen Gruppen: Für Antje Bergmann (ganz links), Allgemeinmedizin Dresden, ist dies der Vorteil der Lehre in der Allgemeinmedizin an den Unis. Foto: Markus Dlouhy

Die Allgemeinmedizin gehört mittlerweile zum üblichen universitären Fächerkanon. Für die Studierenden ist das wichtig: Für sie gibt es jetzt auf dem Campus klinische Vorbilder, die den Generalismus der Allgemeinmedizin repräsentieren. Aber auch während hausärztlicher Blockpraktika können sie Erfahrungen bei niedergelassenen Kollegen sammeln, Vorurteile abbauen und Kontakte knüpfen. Viele sind überrascht von der Frische, die die neuen Professorinnen und Professoren in der Allgemeinmedizin teilweise in den Hochschulalltag bringen, sowie von den neuen Wegen, die sie gehen.

Jüngstes Beispiel dafür sind Prof. Dr. med. Ildikó Gágyor und Prof. Dr. med. Anne Simmenroth. Die befreundeten Ärztinnen betraten Anfang dieses Jahres Neuland im doppelten Sinne, indem sie sich gemeinsam auf den ersten Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Würzburg bewarben. Hier gab es bisher lediglich einen Lehrbereich für Allgemeinmedizin. Die Medizinische Fakultät der Universität Würzburg machte ebenfalls auf sich aufmerksam mit der Berufung der Doppelspitze – ein geteilter Lehrstuhl ist noch eine Rarität. Vorbehalte gegen solche Modelle der geteilten Führung sind in der Universitätsmedizin nicht selten. In Würzburg jedoch wurden Simmenroth und Gágyor mit offenen Armen empfangen. Sie teilen sich die zentralen Arbeitsbereiche an der Uni und bleiben beide in der unmittelbaren Patientenversorgung aktiv. Am Institut übernimmt Simmenroth schwerpunktmäßig die Lehre, Gágyor die Forschung.

Anzeige

Noch befindet sich das neue Institut für Allgemeinmedizin in Würzburg im Aufbau. „Die frisch renovierten Räume sind bereits teilweise möbliert, sodass unsere ersten acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die wir bis September haben werden, Platz zum Arbeiten vorfinden werden“, berichtet Simmenroth. Von den Kollegen an der Fakultät seien sie bereits sehr freundlich und wertschätzend aufgenommen worden, ergänzt Gágyor.

Alternative Arbeitsmodelle

Ihren Schwerpunkten entsprechend haben sich die beiden Ärztinnen konkrete Ziele für die nächsten Jahre gesetzt. Gágyor möchte ein Netzwerk von Forschungspraxen aufbauen, Simmenroth strebt in Würzburg einen deutlichen Ausbau der allgemeinmedizinischen Lehre an. Dies heißt aber nicht, dass Würzburg, was die Etablierung der universitären Allgemeinmedizin angeht, ein Schlusslicht war: „Bereits vor der Einrichtung des Lehrstuhles hat es hier Lehrveranstaltungen in unserem Fach gegeben, die von höchst motivierten niedergelassenen Kollegen gehalten wurden. Wir haben also bereits einige Strukturen und Lehrbeauftragte vorgefunden, mit denen wir arbeiten können“, erläutert Simmenroth. Nächste Schritte seien der Ausbau von Seminarstunden und der Aufbau eines Anamnese-Kurses für Kleingruppen, Selbsterfahrung im Bereich „instant aging“ sowie die Beteiligung an den Querschnittsfächern. Das Studiendekanat sei sehr kooperativ und flexibel, Zeitschienen für zusätzliche Lehrveranstaltungen bereitzustellen.

„Wir bemerken ein großes Interesse bei unseren Antrittsbesuchen.“ Ildikó Gágyor und Anne Simmenroth, Allgemeinmedizin Würzburg, Foto: Daniel Peter

Neu ist in Würzburg die Möglichkeit, Forschungsprojekte in der Allgemeinmedizin durchzuführen. „Hier befinden wir uns ganz am Anfang“, erklärt Gágyor. Anlass für Pessimismus gibt es jedoch nicht: „Wir haben mehr Anfragen für Dissertationsarbeiten, als wir betreuen können“, sagt sie. In Kürze würden die ersten Arbeiten vergeben.

Auch in Oldenburg konnten von Anfang an optimistisch neue Wege beschritten werden: An der Universität, die in Kooperation mit der Universität Groningen einen Modellstudiengang anbietet, steht die Allgemeinmedizin für alle Studenten ab dem ersten Semester auf dem Lehrplan. Hier werden 40 Studenten pro Jahr aufgenommen. Die ersten Studenten aus den Gründungszeiten von vor sechs Jahren sind bereits im Praktischen Jahr.

Frühe Integration in die Lehre

„Wir wollen ein Verständnis für Allgemeinmedizin von Beginn der Studienzeit an entwickeln.“ Michael Freitag, Allgemeinmedizin Oldenburg, Foto: Uni Oldenburg

Der Plan der niedersächsischen Landesregierung, die Zahl der Studienplätze voraussichtlich um bis zu 200 im Land zu erhöhen, würde auch für Oldenburg ein deutliches Plus bedeuten. „Dafür müssen aber noch neue Gebäude entstehen und mehr Personal eingestellt werden“, sagt Prof. Dr. med. Michael Freitag, Abteilungsleiter der Allgemeinmedizin. Erwartet wird, dass bereits zum Wintersemester 2019/20 statt bislang 40 dann 80 Studierende ihr Studium in Oldenburg aufnehmen.

Seine Studenten gehen bereits im ersten Semester in Hausarztpraxen. „Wir wollen ein Verständnis für Allgemeinmedizin von Beginn der Studienzeit an entwickeln“, so Freitag. Bei der Konzeption des Studiengangs seien bereits viele Elemente umgesetzt worden, die sich inzwischen auch im Masterplan 2020 wiederfinden. „Wir haben uns auch gefragt, was braucht man wirklich im Studium, und daraus ist ein komplexes Curriculum entstanden.“ So gebe es neben den medizinischen Themen auch Seminare zur Kommunikation, Persönlichkeitsentwicklung und Reflexion des eigenen Handelns. Die Hälfte der Studenten in Oldenburg geht im dritten Studienjahr für zwei Semester an die Partneruni nach Groningen, einige verbringen dort ihre Forschungszeit im fünften Studienjahr. „Wir haben nicht nur durch die Lehre, sondern insbesondere auch durch gemeinsame Forschungsprojekte immer mehr Querverbindungen zwischen beiden Universitäten“, berichtet Freitag. Niederländisch lernen alle Oldenburger Studierenden ab dem zweiten Semester.

Da in Oldenburg sehr früh im Studium auf Hospitationen in Lehrpraxen gesetzt wird, „brauchen wir deutlich mehr Praxen als andere Hochschulen,“ sagt Freitag. Alle Studierenden verbringen insgesamt acht Wochen in den Lehrpraxen. In den ersten drei Studienjahren sind dies vier Hospitationen über je eine Woche sowie ein vierwöchiges Blockpraktikum. Dafür konnten bislang 130 Praxen im Nordwesten gefunden werden. Viele Landkreise, die in der Region auf der Suche nach Hausärzten sind, unterstützen die Studenten bei der Unterkunft sowie bei Fahrtkosten. „Die Studenten gehen durch das frühzeitige Kennenlernen der Allgemeinmedizin viel natürlicher mit der Primärversorgung von Patienten um und entwickeln bestimmte Vorurteile erst gar nicht, die durch den Fokus auf hoch spezialisierte Medizin in anderen Studiengängen entstehen können“, berichtet Freitag. „Wir bekommen viele positive Rückmeldungen über die prägende Zeit vor Ort.“

Auswirkungen auf die Region

Die Expertise der Abteilung für Allgemeinmedizin wirkt sich aber auch auf die Praxen in der Region aus: Alle Lehrärzte müssen zu Vorbereitungsseminaren an die Universität, die Zeit in den Praxen soll gezielt vorbereitet und der Austausch mit und zwischen den Lehrärzten gefördert werden. Dazu gibt es auch den Oldenburger Tag der Allgemeinmedizin für Niedergelassene, den die Uni nun regelmäßig veranstaltet. „Wir lassen die Studierenden bereits nach zehn Wochen im Studium in die Praxen. Dort sollen sie dann die ersten Krankheitsbilder, die sie vom Studium her kennen, auch live erleben.“ Auch die Praxen geben sehr gute Rückmeldungen über das Engagement und Wissen der Studenten, berichtet Freitag.

„Wir haben hier die Möglichkeit, zu hinterfragen, wie wir versorgen und wie wir versorgen sollten.“ Thomas Kühlein, Allgemeinmedizin Erlangen, Foto: privat

Für Prof. Dr. med. Thomas Kühlein ist der Stand an der Universität Erlangen weitaus schwieriger. Er will mit seiner Lehre und auch der Versorgungsforschung dazu beitragen, dass stärker „in Versorgung“ gedacht wird. „Wir haben hier die Möglichkeit zu hinterfragen, wie wir versorgen und wie wir versorgen sollten.“ In der Medizin beklagt er eine „unterentwickelte Diskussionskultur“ und wirbt dafür, sich in der Rolle des Arztes und auch sich im eigenen ärztlichen Handeln öfter einmal zu prüfen. Diese Haltung gebe er auch den Studenten mit - die er allerdings nur kurz im fünften Semester sieht. „Die sind dann ganz ausgehungert durch zu viel Theorie und wollen nun einmal echt Arzt sein“, sagt Kühlein. Die Seminare und Vorlesungen an seinem Institut seien beliebt, die Zahlen der Bewerber für Famulaturen, aber auch PJ-Stellen hoch. „Es wird noch dauern, bis wir daraus auch Ärzte haben, die sich niederlassen wollen.“ Es werden auch Seminare in Kommunikation sowie zu wirtschaftlichen Fragen einer Niederlassung angeboten.

In der Hausarztpraxis vor den Toren Erlangens, in der er mehrmals wöchentlich arbeitet, habe er oft den Eindruck, jeder versorgte, aber keiner fühle sich wirklich verantwortlich. „Ich habe das Gefühl, ich setze mehr Medikamente ab als an.“ Er versucht, den Studenten beizubringen, dass man als Generalist „das Chaos der Versorgung erst einmal sichtbar machen sollte, um dann gemeinsam mit dem Patienten Werteentscheidungen zu treffen“. Dabei wirbt er dafür, dass jede Hausarztpraxis für sich etwas mehr „Praxis-Epidemiologie“ betreibt.

An der Technischen Universität Dresden ist die Allgemeinmedizin kein so neues Fach mehr. Bereits 2010 hat sie eine Professur für Allgemeinmedizin eingerichtet, die seither mit Prof. Dr. med. Antje Bergmann besetzt ist. „Allerdings gehört in Dresden der Bereich Allgemeinmedizin bislang noch zur Inneren Medizin, zur Medizinischen Klinik und Poliklinik III“, erläutert Bergmann.

Ihr Ziel sei es jetzt, den Bereich zu institutionalisieren. Seitens der Fakultät werde dies aktiv gefördert. „Dann können wir besser unserem Auftrag nach der Approbationsordnung gerecht werden und beispielsweise über eine adäquate Ausstattung verhandeln“, sagt sie.

Das erscheint auch dringend notwendig zu sein. Denn derzeit hat der Bereich mit nur zwei Wissenschaftlern einen großen Lehranteil zu stemmen: „Wir haben 300 Studierende im klinischen Abschnitt“, berichtet Bergmann. Da komme man manchmal schon an die Kapazitätsgrenzen. Ohne ehrenamtlichen Einsatz wären die Aufgaben nicht zu bewältigen.

Trotz der vielen Studierenden scheint Bergmann es sich nicht einfach zu machen: „Die Vorlesungen habe ich gleich zu Beginn meiner Berufung abgeschafft“, erläutert sie. „In Dresden gibt es lediglich eine Einführungsvorlesung, ansonsten hauptsächlich Seminare in kleinen Gruppen, die von aktiven Lehrpraxisinhabern geleitet werden. In den Blockpraktika bieten wir eine 1:1-Betreuung an – das gibt es sonst in keinem anderen Fach“, sagt die Hochschullehrerin. Ohne die engagierte Mitarbeit von den didaktisch geschulten Kolleginnen und Kollegen aus den Lehrpraxen sowie sich in der Weiterbildung Allgemeinmedizin befindlichen Ärztinnen und Ärzte sowie interessierten Studierenden würde dies aber nicht funktionieren.

Zudem finden in Dresden fachübergreifende Veranstaltungen statt, wie die interdisziplinäre Vorlesungsreihe „Medizin des Alterns und des alten Menschen“, „Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren“ sowie diverse Wahlfächer. Integriert hat Bergmann zudem viele innovative Lehrkonzepte. Gegenwärtig betreut sie außerdem 20 Promotionen und zwei Masterarbeiten (Public Health) mit ihrem Team.

Mehr und mehr tragen die Bemühungen der vergangenen Jahre Früchte: Einer kontinuierlich durchgeführten Befragung Dresdener Studierender zufolge wollen 8,6 Prozent der Absolventen in der Allgemeinmedizin tätig werden, viele sind unentschlossen und möglicherweise noch im PJ zu begeistern. Das Fachgebiet liegt damit auf Platz vier nach der Inneren Medizin, der Chirurgie und der Pädiatrie. Vor wenigen Monaten, Anfang 2018, wurde das Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Sachsen in der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer in Dresden eröffnet. Koordiniert wird es von den allgemeinmedizinischen Lehrstühlen der Medizinischen Fakultäten Dresden und Leipzig, es arbeitet aber auch in enger Kooperation mit der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, der Krankenhausgesellschaft Sachsen sowie der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin. „Es ist der Erfolg vieler Verbündeter“, resümiert Bergmann. Sie ist sich sicher, dass das Kompetenzzentrum eine Steigerung der Qualität der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin und eine Senkung der Hemmschwelle zur Niederlassung für Hausärzte bewirken wird.

Dass sich das Fach Allgemeinmedizin im Aufwind befindet, ist für Bergmann deshalb keine Frage – nicht zuletzt durch die Förderung durch die Politik. „Sehr viel hat sich in den letzten zehn Jahren, die ich aktiv als Mitarbeiter oder Hochschullehrer in der Allgemeinmedizin arbeite, getan“, findet auch Freitag. Aber: „Es ist ein langsamer Prozess. Es gibt noch genug zu tun, jetzt darf man das Engagement nicht beenden. Wir müssen das Fach inhaltlich und strukturell immer weiter entwickeln und fördern.“ Eine solche Selbstreflexion ist auch aus Sicht von Kühlein nötig. Er geht noch weiter: Darin liege die Zukunft der Allgemeinmedizin. „Wir sind gerade im Umbruch: Wir müssen mehr zum Teamgedanken kommen und mehr von der Versorgung her denken. Bis dahin sind wir aber noch ein Stück vom Ziel weg.“ Als positiv bewerten die meisten die Integration an den Fakultäten: „Wir bemerken ein großes Interesse bei unseren Antrittsbesuchen“, erklären Gágyor und Simmenroth. Erste Allianzen sowohl in der Lehre als auch in der Forschung seien bereits in wenigen Monaten entstanden. Optimistisch lasse auch das Feedback der Studierenden in die Zukunft blicken: „Wir bekommen aber immer wieder die Rückmeldung, dass Studierende nach dem Blockpraktikum erstmals einschätzen können, wie anspruchsvoll, vielseitig und spannend die Allgemeinmedizin ist.“ Rebecca Beerheide,

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige