ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2018Medizingeschichte: Historische Längsschnitte anhand biografischer Beispiele

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Medizingeschichte: Historische Längsschnitte anhand biografischer Beispiele

Dtsch Arztebl 2018; 115(26): A-1280 / B-1078 / C-1070

Rusinek, Bernd-A.

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Der zu besprechende Band, zu dem der Generalsekretär des Weltärztebundes ein Geleitwort verfasst hat, enthält 23 Beiträge, allesamt flüssig geschrieben. Das chronologische Spektrum reicht von circa 3000 v. Chr. („Mord vor 5 000 Jahren?“) bis zur ersten Herztransplantation im Jahre 1967 („Der Pionier am Kap – Christiaan Barnard“).

Alle Beiträge sind auch für medizinisch oder historisch weniger Versierte mit Gewinn zu lesen. Die meisten Beiträge sind biografisch orientiert, oder genauer: Nach dem Muster des Story Telling als didaktischer Methode gehen die Autorinnen und Autoren von Biografien aus, seien es die von Patienten (Cicero, Heinrich Hertz, Rembrandt, Schiller) oder die von Ärzten (Avicenna, August Bier). Sie betrachten in historischen Längsschnitten die Geschichte der Medizin („Der ‚gute Arzt‘ – ein Blick in die Geschichte“), beleuchten Strukturen wie männerdominierte Welten („Hermine Heusler-Edenhuizen“) oder auch den nationalsozialistischen Verfolgungsterror („Rahel Liebeschütz-Plaut“).

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Der in der Geschichtsforschung jahrzehntelang geführte Streit darüber, ob nun Personen oder Strukturen im Mittelpunkt von Untersuchungen stehen sollten, erweist sich als vorgestrig und altfränkisch. Zwischen Struktur und Person ist nicht zu trennen. Sie bedingen einander und in der Heuristik erhellen sie sich. Dies wird etwa im Beitrag über Deutschlands erste Frauenärztin Heusler-Edenhuizen deutlich. Die friesische Landarzttochter, wissbegierig und willensstark, sah sich im Medizinstudium sowie als Gynäkologin den Vorurteilen und Gehässigkeiten einer Männerwelt ausgesetzt, die den Frauen die Tätigkeit als „Schwester“ zuwies, ihnen aber die ärztliche Tätigkeit untersagen wollte. Auf dem akademischen „Feld“, wie wir den Wissenschaftsparcours mit Pierre Bourdieu bezeichnen können, beim „jeu des chapeaux“, sollten sie keinen Platz bekommen.

Werfen wir noch einen Blick auf Antje Haags Beitrag „Über die Hypochondrie als Modekrankheit des 18. Jahrhunderts“. Die Verfasserin fragt nach dem Zusammenhang der Hypochondrie als häufig konstruierter und irrationaler Selbst- und Fremddeutung mit der Aufklärung als Epoche der Rationalität. Dem Beitrag können wir entnehmen, dass kulturhistorisch reflektierte Medizin- und Philosophiegeschichte einander nicht fremd gegenüberstehen.

Dass in den drei Bänden „Geschichte(n) der Medizin“ etwas fehle, wäre die billigste Art von Kritik. Wir könnten an Ernst Ludwig Heim denken, den ersten modernen Hausarzt, an die romantische Medizin, an die Zahnmedizin, auch daran, dass kein Berufsstand so viele Memoiren verfasst hat wie die Ärzteschaft. Vielleicht könnten diese Hinweise die Herausgeber der „Geschichte(n) der Medizin“ sogar dazu bewegen, ihre Buchreihe fortzusetzen. Bernd-A. Rusinek

Oliver Erens, Andreas Otte (Hrsg.): Geschichte(n) der Medizin Band 3, Alfons W. Gentner Verlag, Stuttgart 2017, 203 Seiten, 38 Euro

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